…und welche Rolle spielt dabei Kunst im öffentlichen Raum? Das hat Katrin Pinetzki fünf Menschen gefragt: Hier erzählen ein Sprayer, ein Immobilienbesitzer, ein Künstler, ein Kulturamtsleiter und eine Urban-Art-Kuratorin, wie und warum Street-Art für sie eine Rolle spielt.
Maximilian Zindel (38): »Die Illegalität gehört zur Szene«
Der Leiter des Kulturamts Paderborn hält legale Flächen zum Sprayen bereit und organisiert das »Secret City Festival«.
In Paderborn haben wir Graffiti als Kunstform während der Corona-Pandemie entdeckt. Damals haben wir uns Gedanken gemacht, was wir unter den damaligen Abstandsregeln umsetzen können – umsonst und draußen. Wir haben dann direkt am Ufer der Pader den Graffiti-Stern eingeweiht – eine legale Sprühfläche aus sechs Wänden, die sternförmig von einem Zentrum abgehen. Jeder kann die Fläche kostenlos und niederschwellig nutzen. Außerdem entstand 2021 das Secret City Festival zur Gestaltung von Hauswänden. Es hat jetzt schon vier Mal stattgefunden. Regionale und internationale Künstler haben mehr als 70 Fassaden gestaltet – nicht nur mit Graffiti, sondern auch mit Tape, Lichtinstallationen oder klassischer Malerei. Sowohl die Produktionskosten, als auch die Honorare werden dabei von der Stadt übernommen. Zum Festival gehören Filmabende, Diskussionen, Workshops und Netzwerkarbeit. Wir wollen eine jugendaffine Szene ansprechen – aber es geht uns auch darum, illegales Sprayen einzudämmen. Ich glaube nicht, dass man das grundsätzlich verhindern kann; die Illegalität gehört zur Szene. Gleichzeitig bekommen wir viel positives Feedback für unsere legalen Flächen. In Paderborn hat sich inzwischen ein starkes Bewusstsein dafür entwickelt, dass Fassadenkunst und Graffiti sehr vielfältig sein können. Besonders gut angenommen werden Führungen. Ein Schlüsselmoment gleich im ersten Jahr war eine Situation am Graffiti-Stern: Eine ältere Frau mit Rollator blieb stehen und fragte: »Wo kann ich dafür spenden?« Sie ließ sich das Projekt erklären. Kulturelle Bildung funktioniert in jeder Altersgruppe! Womit wir immer wieder Probleme haben: Dass professionell entstandene Arbeiten getaggt werden. Offenbar sieht dann jemand aus der Szene den Ort als »seinen« an und erobert ihn sich sehr klar zurück. Gleichzeitig beobachten wir: Wenn anerkannte Künstler in Paderborn arbeiten, werden diese Flächen in der Regel respektiert. Es ist ein schwieriger Spagat, etwas legal zu etablieren, das ursprünglich subversiv und illegal ist und den Anspruch hat, sich den Stadtraum anzueignen. Wie groß ist diese Aneignung noch, wenn man dazu eingeladen wird? In der Auseinandersetzung mit der Szene merken wir, dass das nicht überall beklatscht wird. Viele freuen sich über die Aufmerksamkeit und das gestiegene Bewusstsein, andere möchten diese Einladung aber gar nicht so deutlich ausgesprochen bekommen. Es ist eine Szene, mit der man sehr behutsam umgehen muss.

Stefan Sous (61): »Kunst verträgt auch Macken«
Der Bildhauer, Licht- und Installationskünstler schafft in ganz Deutschland Begegnungsorte im öffentlichen Raum – wie mit seinen Leuchtbänken in Düsseldorf.
Alles in der Stadt ist der Öffentlichkeit ausgesetzt. Auch meine Arbeiten sind zwangsläufig Gebrauchsgegenstände, sie werden benutzt und besprüht, werden zur Kommunikationsfläche. Es passiert einfach. Ein gut geformter Gegenstand verträgt auch Macken und Gebrauchsspuren. Ich finde, dass sich auch Kunst im öffentlichen Raum dem Prozess der Spuren stellen muss, und beziehe das von vornherein ein. Das soll aber keine Einladung zur Zerstörung sein! In Duisburg habe ich für das Außengelände am Lehmbruck-Museum »Souterrain« entwickelt, eine Art Arena mit einer abterrassierten Öffnung im Boden. Der Ort wurde als Treffpunkt von Anfang an gut angenommen, zunächst gab es dort Lesungen und Theater. Dann änderte sich die Klientel, es ist gekippt. Heute ist der Ort ein sozialer Brennpunkt. Wir suchen dort noch nach einer Lösung. Dagegen waren meine leuchtenden Bänke an der Jägerhofallee im Düsseldorfer Hofgarten ursprünglich nur temporär gedacht. Dann hat die Stadt sie aber angekauft, und sie stehen bis heute. Natürlich müssen sie in Stand gehalten werden, wie jeder Gegenstand im öffentlichen Raum. Und das ist es der Stadt offenbar wert. Viel Resonanz bekomme ich bis heute auf meinen »Chip« in Dortmund, eine Plastik in der Form eines riesigen Steins oder flachen Felsens. Er wurde von Anfang an beklettert und besprüht. Ich habe damals eine Farbe verwendet, die einfach überstrichen werden kann, wenn das Graffiti zu sehr dominiert. Vor einigen Jahren meldete sich jemand, der als ehemaliger Sprayer ein Unternehmen gegründet hat, das professionell Graffiti entfernt. Er bot an, Pate für den »Chip« zu werden und ihn sauber zu halten. Und das macht er seit vielen Jahren. Eine schöne Geschichte! Erst vor wenigen Tagen schrieb mir wieder jemand, das Werk rege die Fantasie an. Er schreibt: »Ich bin auch schon auf dem Werk gehüpft. Eine Frage, die sich mir stellt ist, ob so eine Interaktion von Ihnen beabsichtigt war, als Sie besagtes Werk schufen.«
Michael (37): »Ich will die Stadt verändern«
Der Sprayer ist seit 20 Jahren mit seinen Farben in Dortmund unterwegs.
Für mich geht es darum, die Stadt zu verändern, zu zeigen, dass man da war, dass Menschen rausgehen und kreativ werden. Die Stadt gehört den Menschen, und sie sollen sich auch zeigen dürfen. Die Stadt ist im Wandel, sie lebt einfach! Entdeckt habe ich Graffiti damals auf der Straße. Da ich noch keine Ahnung davon hatte, habe ich versucht, die Styles zu kopieren, die ich vor allem beim Bahnfahren gesehen habe. Auf der Realschule war einer der Nachmittagsbetreuer selbst Sprüher, er hat mir Tipps gegeben. Ich tagge ganz gerne. Ansonsten sind Throw Ups mein Ding – schnell ausgefüllte, große, runde Buchstaben mit Outlines, oft bewusst ein bisschen drippig, also unsauber. Gut finde ich auch die Dick- und blockigen Styles, da man sie schnell erkennt und lesen kann. Richtig bunte Pieces male ich meist an legalen Flächen. Ich habe auch Sticker mit einem Throw Up von mir als Motiv. Ein Sticker tut niemandem weh, der lässt sich rückstandslos entfernen. Ich habe immer welche dabei. Beim Sprühen achte ich gewisse Grenzen. Tabu sind Einfamilienhäuser, für die Menschen ein Leben lang gespart haben, private Autos, Gräber und Gotteshäuser – egal welcher Religion. Gut finde ich Schallschutzwände, Wände unter Brücken oder Autobahnschilder von hinten: große graue Flächen, manchmal sogar mit Leitern – besser geht’s nicht. Güterzüge habe ich auch schon besprüht. Die fahren durchs ganze Land und werden nicht gereinigt. Große Mehrfamilienhäuser von Wohnungsbaugesellschaften bieten ebenfalls riesige Flächen, die von vielen gesehen werden. Die Regeln in der Szene sind klar: Man übermalt nur, wenn es deutlich besser oder größer ist – aber nur dann. Wenn man darüber taggt oder crosst, gibt es Theater. Das Wichtigste ist Respekt. Ich habe Respekt vor all den Sprühern, die Nacht für Nacht rausgehen, das Risiko eingehen und sich anstrengen, um ein Bild zu hinterlassen. Auch die alten Bilder von Old Schoolern werden nicht gecrosst. Lieber bleibt mein Bild »unvollendet«, bevor ich in das Bild der anderen reinmale. Beim Taggen sucht man sich einfach eine freie Fläche. Ein Tag ist ja nur eine Art Stempel, ein »Ich war hier«. Ich finde es gut, in der Stadt an den Gebäuden zu lesen, wer schon alles da war. Ich verstehe aber auch, dass Menschen das nicht mögen. Personen, die sich nicht mit dem Thema beschäftigen, wissen nicht, welcher Aufwand betrieben wird. Man muss die Umgebung im Blick behalten, aufmerksam bleiben, manchmal auch rennen. In Wuppertal habe ich einmal die Wand eines Bürogebäudes direkt an der Schwebebahn bemalt, dabei bin ich fast erwischt worden. Ein anderes Mal bin ich auf eine Werkstatthalle geklettert und mit einem Bein durch ein Wellblechdach gebrochen – zum Glück ohne abzustürzen. Wenn ich mal ganz entspannt sprühen will, wähle ich entweder einen Lost Place, da hat man seine Ruhe, oder ich gehe auf eine legale Fläche. Inzwischen habe ich Kinder und nicht mehr so viel Zeit zum Sprühen. Ich habe aber eine eigene Wand im Garten. Meinem Sohn habe ich eine kleine Dose gekauft und mit ihm zusammen gesprüht. Diese Mini-Dosen sind übrigens auch super für Tags in der Stadt. Auch wenn ich nicht mehr so viel sprühe: Was immer bleibt, ist das Gucken. In jeder Stadt gibt es eine andere Szene. Die Begeisterung dafür wird nie im Leben aufhören.

Carsten Hahn (56): »Ich werbe mit den Tags«
Das Gründerzeithaus des Wuppertaler Agenturchefs wird immer wieder besprüht.
Das Haus, in dem ich lebe und das ich für meinen Vater verwalte, steht auf dem »Ölberg« in der Wuppertaler Nordstadt. Es hat vier Etagen und wurde 1890 gebaut – ein klassisches Gründerzeithaus. Meine Urgroßmutter hat es gekauft. Meine Großeltern betrieben im Erdgeschoss einen Tante-Emma-Laden. Heute sitzt dort mein Unternehmen »Pixelbunker«, eine Agentur für visuelle Kommunikation. Ich lebe seit 1997 hier. Damals wurde das Haus komplett und denkmalgerecht saniert. Unter anderem wurde die Seitenwand gedämmt und das Gebäude in einem hellen, warmen Creme-Ton gestrichen, einer Pantone-Farbe. Der Ölberg ist ein eher linkes Viertel, und hier wird viel gesprüht – häufig auch politische Botschaften. Die Leute sprayen da, wo sie wohnen, und hier gibt es viele große Wände. Graffiti-Tags an der Vorderfassade überstreiche ich sofort, wenn da alle paar Jahre mal etwas auftaucht. Für mich als Geschäftsinhaber ist die Vorderseite eine Leinwand für meinen Laden. Wenn man das nicht macht – das sehe ich bei Nachbarn – geht das ganz schnell, und es entstehen richtige Tag-Landschaften. Das ist wie bei wilden Müllhaufen, bei denen jeder noch etwas dazulegt. An der Seitenwand darf das Graffiti dagegen stehen bleiben, solange es keine politischen Botschaften sind. Das ist eine fensterlose Wand, sie gehört für mich zum öffentlichen Raum, in dem wir alle leben. Ich finde, man muss beide Seiten sehen. Die Menschen müssen sich den urbanen Raum teilen, und daraus ergeben sich natürlich Differenzen, wie das geschehen soll. Ich habe auch schon einmal darüber nachgedacht, die komplette Seitenwand – das sind rund 160 Quadratmeter – von einem professionellen Sprayer gestalten zu lassen. Ich hatte sogar schon einen Interessenten und ein Motiv: Münchhausen im Kampf mit einem Alligator. Am Ende stand der Denkmalschutz dagegen. Mit so einem Mural würde die Wand vermutlich nicht weiter mit Tags besprüht werden. Aber ich finde die Tags auch nicht schlimm. Ich werbe sogar damit. Wenn man mein Unternehmen googelt, sieht man in der Vorschau zuerst die Seitenwand meines Hauses mit den ganzen Tags. Ich komme ja selbst aus der grafischen Branche. Ich sehe es nicht so, dass die Sprayer etwas kaputt machen – sie verändern lediglich eine Oberfläche. Sie wollen klarmachen: Ich gehöre hierher, das ist mein Revier. Eine Wand, die nach außen geht, ist in meinen Augen kein Eigentum von irgendjemandem. Es geht nicht um die Wand an sich, sondern um ihre Wirkung. Dass nur der Eigentümer bestimmen darf, welche Farben Menschen sehen oder nicht, nur er aktiv sein darf und alle anderen das passiv aufnehmen müssen – damit habe ich ein Problem.

Daniela Bekemeier (57): »Die Sprayer holen sich den Raum zurück«
Die Dortmunder Urban-Art-Kuratorin vermittelt Graffiti-Künstler*innen.
Ich werde häufig beauftragt, wenn Wohnungsbauunternehmen, Privateigentümer oder öffentliche Auftraggeber Wände gestalten lassen wollen. Dann suche ich nach passenden Künstlern und begleite das Projekt. In der Regel gibt es vorgegebene Themen. Die Künstler sind Profis und passen ihren Entwurf entsprechend an. Im besten Fall – meistens – identifizieren sich die Bewohner damit. Wir bekommen größtenteils positives Feedback. Natürlich wird nicht jedes Motiv von allen anerkannt. Ich erinnere mich an eine Arbeit der Italienerin Alice Pasquini für eine Wohnungsbaugesellschaft: Zwei Kinder mit Koffern in der Hand, die dem Betrachter den Rücken zuwenden. Darauf gab es eine negative Reaktion – jemand assoziierte das Motiv mit den Deportationen in Nazi-Deutschland. Meist reagieren die Menschen aber positiv, wenn ihnen andere Sehgewohnheiten angeboten werden. Kuratierter Raum kann ein Mehrwert sein. Gleichwohl finde ich: Jeder hat das Recht, seinen Stadtraum mitzugestalten – und sollte das auch. Die Geschichte der Kommunikation im öffentlichen Raum reicht Jahrtausende zurück, bis in die Steinzeit. Graffiti als Subkultur gehört seit rund 50 Jahren zum Stadtbild im Ruhrgebiet und ist nach wie vor relevant. Sprayer haben dabei einen besonderen Claim: Sie möchten ein Zeichen setzen, als Akt der Selbstermächtigung, der unmittelbar mit ihnen selbst oder der Gruppe verwoben ist. Dabei nehmen sie das Risiko der Strafverfolgung immer in Kauf. Eine kuratierte Wand, ein Mural von einem professionellen Künstler, ist keine Gewähr dafür, dass sich andere Sprayer von dem Ort zurückziehen. Weitestgehend wird die professionelle Gestaltung akzeptiert – manchmal aber auch nicht. Das kann diverse Gründe haben, etwa die Nicht-Akzeptanz untereinander. Dann holen sich die Sprayer den Raum, den sie vielleicht schon vorher für sich beansprucht hatten, zurück. Ich finde das nicht schlimm, mitunter ergänzt sich die Gestaltung. Tags an der Autobahn, an Häuserwänden – ich finde, sie gehören zum urbanen Raum. Ja! Illegal entstandenes Graffiti ist eine der letzten Subkulturen, die sich nicht vereinnahmen lässt. Und diese Tradition wird immer weitergegeben. Ein Konglomerat aus allem macht Stadt. Der öffentliche Raum erneuert sich ständig: Es wird etwas zerstört, es wird neu gebaut, manches bleibt Jahrhunderte, manches nur einen Tag.






