Seit bald 40 Jahren widmet sich Wilhelm Mundt amorph geformten Trashstones. Jetzt zieht der Bildhauer mit einer Ausstellung in Beuys‘ ehemaliges Atelierhaus.
Er lebt nicht in der Stadt, wie einst Joseph Beuys. Arbeitet nicht in einem hübschen Atelierhaus. Düsseldorf-Oberkassel würde auch nicht wirklich passen zu Wilhelm Mundt und seinen Trashstones. Man fährt aufs Land, um den Bildhauer zu treffen. Parkt vor einem von Gebüsch umwachsenen Holztor. Und tritt dahinter in wucherndes Grün. Zwischen Büschen und hohen Bäumen liegt ein moosbewachsenes Schwimmbecken trocken. Alles ganz anders als in jenem Paradiesgärtlein, das Beuys hinter seinem Haus am Drakeplatz 4 so liebte und hegte.
Eher mutet es an wie ein kleiner Wald, in dem sich Mundts Haus versteckt. Drinnen hat die Arbeit weite Teile des Erdgeschosses eingenommen. Und fast auf die Küche übergegriffen, wo der Künstler bald mit Muße einen Kaffee zubereitet und warme Milch schaumig schlägt. An der Wand hängen Ausdrucke – Proben für das Plakat zur Ausstellung in der Brunhilde Moll Stiftung.
Seine Werke besetzen dort jene Räume, in denen Joseph Beuys bis zu seinem Tod 1986 gewohnt, gearbeitet, gekocht und Gäste empfangen hat. Was ist das für ein Gefühl, die eigenen Arbeiten an so einem Ort zu zeigen? »Eine Ausstellung im Beuys-Haus, das hat natürlich etwas Verlockendes.« Mundt lächelt: »Vor allem, wenn man ein alter weißer Mann ist wie ich und einen Bezug zu der Zeit hat.«
Von 1979 bis 1986 hatte der Bildhauer an der Kunstakademie in Düsseldorf studiert, als Beuys sein Atelier dort führte und mit seiner Free International University aktiv war. Zwar erinnert sich Mundt nicht daran, ihm begegnet zu sein, trotzdem sei Beuys natürlich sehr präsent und für ihn persönlich bedeutend gewesen. Besonders beeindruckt habe ihn Beuys‘ berühmtes Werk »Unschlitt«: Sechs tonnenschwere Talgblöcke mit Temperaturmessgeräten im Inneren.

Auch bei der Auswahl der Werke für Mundts Auftritt jetzt am Beuys-Haus spielt der prominente Ex-Bewohner eine Rolle. Zentral sind für die Schau, wie sollte es anders sein, Mundts berühmte Trashstones. Seit bald 40 Jahren entwickelt der Künstler diese Werkgruppe fort. Denkt man an Mundt, denkt man an jene amorphen Gebilde: Vielleicht eher Klumpen als Steine, die Oberfläche durch Beulen und Dellen bewegt, ja belebt. So sieht man sie liegen, in Museen und Bürogebäuden, auf Plätzen und in Skulpturenparks, in Duisburg oder Wuppertal, von Genf bis Miami. Und fragt sich immer wieder, was wohl darin steckt und von innen gegen die verführerische Hülle drückt. Glänzend lackiert ist die Oberfläche, mitunter farbig gefleckt. Manch ein Stück ist mit einer Edelstahlschicht überzogen, sodass es, spiegelnd, scheinbar verschwindet in seiner Umgebung.
Stein um Stein hat Mundt über die Jahrzehnte sachlich neutral durchnummeriert, was an die Praxis von Konzeptkünstler*innen erinnert. Auch wenn die eigenartigen, individuellen Formen seiner Skulpturen eine andere Sprache sprechen. Mittlerweile ist Mundt bei Trashstone Nummer 850 angelangt. Seine Ausstellung in der Moll Stiftung rückt zwei Exemplare ins Zentrum, begleitet von einer Video- und einer Fotoarbeit. Der eine Trashstone ist schwarzglänzend und ausnahmsweise mit einem Loch versehen, aus dem – gleich einem Zopf – gebündelte Fäden hängen. Mundt springt auf und läuft zur Haustür, um den Ursprung der Idee aufzudecken: Es ist ein Fadenvorhang, den er selbst zum Schutz vor Insekten dort angebracht hat. Als überraschende Zugabe schafft er mit dem Zopf bei Trashstone Nummer 840 eine Verbindung zum rätselhaften Innenleben.
Das zweite Stück in der Ausstellung mit der Nummer 531 hat Mundt 2011 geschaffen, 2022 einen ebenso grünen Stahlkäfig hinzugefügt und so nicht zuletzt eine Frage provoziert: Wer schützt wen? Werden wir vor dem geheimnisvollen Etwas geschützt? Oder soll das Gitter den Klumpen vor Übergriffen bewahren?
Wie ein fremdes Wesen im Käfig
Man verbinde Beuys ja auch mit einem spezifischen Freiheitsbegriff, bemerkt Mundt. Und ein Käfig verkörpere das krasse Gegenteil von Freiheit: »Genau das interessiert mich brennend: Dass der Stein im Käfig einerseits viel mit der Arbeit von Beuys zu tun hat, ihr aber andererseits komplett widerspricht.« Im Ausstellungsraum am Drakeplatz werden noch andere Ideen aufkommen. Denn auch die Besucher*innen könnten sich beengt fühlen, wenn sie die schmale Passage zwischen Wand und Gitter durchlaufen. Und dabei den Trashstone betrachten – wie ein fremdes Wesen im Käfig.
Ein schönes Spiel. Und ein unvermutetes Statement dazu: »Meine Kunst ist nicht partizipativ«, sagt er und kommt in einem Atemzug auf die Lehre in Dresden zu sprechen. 16 Jahre lang hat Mundt sich dort als Professor an der Akademie mit jungen Künstler*innen auseinandergesetzt. »Ein ungeheures Privileg«, wie er findet, »extrem inspirierend«. Die Arbeit mit den Studierenden habe ihn zum Beispiel auch dazu gebracht, über seine Haltung zur seit Jahren aktuellen Frage nach Partizipation nachzudenken. Die Gitter um den Stein seien seine Antwort.
Fehlt Mundt die Auseinandersetzung mit den Studierenden? »Ein bisschen schon«, gesteht er. Vor einem Jahr hatte er sich verabschiedet, nicht verlängert, um den Platz freizumachen für jüngere Kolleg*innen. Seither bleibt ihm viel Zeit zu Hause für das eigene Werk.
Aus dem Küchenfenster fällt der Blick auf eine große Halle – eine Art Scheune? Nein, das Riesending ist tatsächlich Mundts Atelier. Die Vorbesitzer hatten das Gebäude in den Garten gesetzt, um dort eine Schafherde zu halten. Jetzt breitet sich Mundts Material hier aus. Der perfekte Ort also, um den Geheimnissen der Trashstones näherzutreten. Der Künstler geht vor. Und bald findet man sich wieder umgeben von Steinen. Gut verpackt ruhen sie in großen Regalen oder hängen unter der Decke. Drumherum Wagen voller Werkzeug, Kleberollen überall, zerlegte Arbeiten, Produktionsabfälle, Verpackungsmaterial, ein kaputter Staubsauger ist auch dabei.
Im Inneren ein Kinderfahrrad
Meistens sind es solche Überreste der eigenen Arbeit, die Mundt verpackt. Oft vergisst er die genaue Zusammensetzung: »Wichtig ist, dass es meine eigenen Hinterlassenschaften sind, dass es Dinge sind, über die ich selbst einmal nachgedacht und dann entschieden habe, dass ich nicht mehr darüber nachdenken muss.« In seinen Trashstones bleiben sie quasi als Volumen erhalten. Einige Einzelteile sind ihm aber dennoch im Gedächtnis geblieben: »Also zum Beispiel die Nummer 49. Da steckt das Kinderfahrrad meiner Söhne drin«, erklärt der Künstler. »Und die beiden Klumpen dahinten nenne ich Scheidungssteine.« Im Inneren, so Mundt, ruhten Dinge, die seine erste Ehefrau ihm dagelassen habe.
Was immer es auch ist – mit sehr viel breitem Klebeband verschnürt er alles straff zum Klumpen. Steckt dahinter auch ein Stück Konsumkritik? Am Rande spiele auch das sicher eine Rolle, erklärt er. »Wir haben eben dieses gnadenlose Wachstum und immer mehr Kram, den wir nicht sehen wollen und wegschaffen.« Doch zuallererst gehe es ihm um die Frage, was gute Skulptur sein könne.
Mundt eilt nun weiter durch sein Reich nach hinten, wo er einen abgeschlossenen Werkraum eingerichtet hat. Das sei einigermaßen aufwändig, aber nötig gewesen, weil der Kindergarten gegenüber Beschwerde eingelegt habe wegen der Dämpfe aus seiner Halle. Schuld ist das Polyester. Mit dem erwärmten Kunststoff tränkt Mundt Glasfasermatten und umkleidet damit den verklebten Abfall. Dann kommen die Steine zum Trocknen in den eigens angebauten Wärmeraum. Anschließend geht es zum Schleifen wiederum in eine eigene Kabine.
»Ich lasse den Inhalt Form werden, lasse den Inhalt die Form finden«, so hat Mundt es beschrieben. Alles Zufall? Der Rundgang durch die »Produktion« erweckt einen anderen Eindruck. Ist doch der Gestalt bestimmende Inhalt jedes Trashstones bewusst gewählt und wird anschließend beim Kleben und Schleifen durchaus nicht beliebig ausgeformt.
Immer wieder kommt an diesem Vormittag das Gespräch auf Marcel Duchamp – insbesondere auf dessen bahnbrechende Idee des Readymades, die Mundt in den 1980er Jahren zu überwinden versucht hatte. Umso überraschender sei für ihn gewesen, dass seine eigenen Arbeiten schließlich an die organisch abstrahierten Figuren Henry Moores erinnerten, den er seit seiner Jugend bewundert hatte. Tatsächlich lässt sich von beidem etwas wiederfinden in seinen Steinen. Mit Abfall geformt, verklebt, beschichtet, geschliffen und poliert wird daraus etwas ganz Eigenes, Unverwechselbares. Eine Skulptur, wie vom Himmel gefallen.
WILHELM MUNDT. ZUFLUSSREGELUNG
BRUNHILDE MOLL STIFTUNG, DÜSSELDORF
11. OKTOBER 2026 BIS 31. JANUAR 2027

Wilhelm Mundt ist 1959 in Grevenbroich geboren. An der Düsseldorfer Kunstakademie hat er von 1979 bis 1986 bei Tony Cragg, Klaus Rinke und Irmin Kamp studiert. Später unterrichtete er auch selbst dort und war von 2009 bis 2025 Professor an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Mit seinen Trashstones wurde er ab 1989 bekannt und verfolgt diese Werkgruppe bis heute. Er lebt in der rheinischen Gemeinde Rommerskirchen.



