Michael Beutler: »Tapetenwechsel«, Modell für die Ausstellung im Kunstmuseum Gelsenkirchen. Foto: Michael Beutler
Michael Beutler arbeitet mit Papier, temporär. Jetzt wird der Künstler mit dem Nam June Paik Award der Kunststiftung NRW ausgezeichnet. Im Kunstmuseum Gelsenkirchen kann man seinem Papierzauber nachspüren.
Ein Haus im Haus wird Michael Beutler in der Villa des Kunstmuseums Gelsenkirchen bauen. Ein Haus aus Papier, selbst geschöpft in der eigenen Werkstatt. »Tapetenwechsel« heißt die Installation, für die der Künstler den Nam June Paik Award der Düsseldorfer Kunststiftung NRW erhält. »Es ist toll, dass man für das Ausstellungskonzept den Preis gewinnt und dass der Ort schon Teil der Ausschreibung ist«, freut sich Michael Beutler über die Gelegenheit, die zum Museum gehörende Villa in eine Gesamtinstallation zu verwandeln. »Das Konzept entspricht meiner Arbeit so gut – ich nenne das ›situationsspezifisches Arbeiten‹, weil die Menschen und der Kontext immer auch Einflüsse auf die Arbeit haben.«
Michael Beutler wird alte Ausstellungskataloge und aussortierte Bücher aus dem Museumsbestand einweichen, zu Pulpe verarbeiten und in langen Bahnen neu zu Papier schöpfen. Dieses Altpapier wird anschließend zu Baumaterial für Tapeten, Wände und Räume innerhalb der Räume. Die Industriellenvilla aus dem späten 19. Jahrhundert verwandelt sich dabei in eine mehrstöckige Werkstatt und zugleich eine begehbare Skulptur.
Die drei Etagen übernehmen klar definierte Rollen: Im Erdgeschoss befindet sich die eigentliche Papiermühle mit Schöpfvorrichtung und Presse. Ganz oben unter dem Dach entsteht eine Trockenkammer, in der die geschöpften Papierbahnen aufgehängt werden. In der mittleren Etage werden aus diesen Bahnen – auf Gestelle aufgezogen – neue Räume gebaut. Obwohl der Produktionsprozess bereits vor der am 26. April beginnenden Ausstellung stattfindet, bleiben die Maschinen, Werkzeuge und Produktionsabläufe sichtbar – die Apparatur selbst ist Teil der künstlerischen Präsentation.
Michael Beutler. Foto: Renaat Nijs
Der 50-jährige Beutler lässt sich immer von der Ausstellungsumgebung inspirieren. Im Fall des Ruhrgebietes liegt der Bezug zur industriellen Geschichte nahe, aber auch das Verschwinden: »Die Papierwerke in Deutschland sterben allmählich aus«, erklärt Beutler, »weil diese Qualität nicht mehr gefragt ist. Die Nachfrage nach Pappkartons, also qualitativ wesentlich weniger aufregenden Materialien, ist durch den Versandhandel viel größer geworden als die nach Kunstpapieren. Das heißt, die kleinen Papiermühlen machen zu, oder sie bauen um und werden Pappproduzenten.«
Michael Beutler arbeitet viel mit Papier – aus praktischen wie poetischen Gründen. Es sei günstig und konstruktiv interessant, weil es eine große Fläche habe, die schnell zu einem großen Volumen werden könne. »Und mit großem Volumen kann man ganz anders in einem Raum agieren«, erklärt er, »damit kann ich viel größer arbeiten, als würde ich mit Stahl oder Holz arbeiten.« Papier sei aber auch sehr fragil und habe deshalb eine ganz eigene körperliche Präsenz, fühle sich besonders an, wenn man danebenstehe. Zudem reagiere es auf die Einflüsse der direkten Umgebung. »Ich mag es ganz gerne, wenn da ein Austausch passiert zwischen den Objekten und den Menschen und dem Ort, der bespielt wird.«
Ein ganz direkter Austausch findet über ein spezielles Objekt seiner Installation statt: ein Drehtor, das den Übergang der historischen Villa zum Museumsneubau bildet und in einem kleinen runden Wasserbecken schwimmt. Besucher*innen können es anschieben, der bloße Luftzug zwischen den Gebäuden mag es in Bewegung versetzen. Inspiriert ist es sowohl von der großen Sammlung kinetischer Kunst des Kunstmuseums Gelsenkirchen als auch vom Brunnen im Hof, auf den man aus dem Ausstellungsgebäude blicken kann. »Durch das Drehen ist es wie eine Mühle«, sagt Beutler, »nur dass die Besucher keine Pulpe reiben, sondern einfach den Eingang vor sich herschieben – so wie man das aus Drehtüren in öffentlichen Gebäuden kennt, die immer einen komischen Tanz bewirken mit Leuten, die man nicht kennt und eine niedrigschwellige soziale Interaktion herstellen.«
Die Kernpunkte des Konzeptes für »Tapetenwechsel« liegen fest. Entstehen wird die Arbeit im April, immer offen, noch Einflüsse von außen einzubauen – und der Künstler selbst ist gespannt, »wie groß und wie vielseitig das neue Papierhaus dann dastehen wird«.
Der diesjährige Förderpreis der Kunststiftung NRW geht an die Künstlerin und Kuratorin Lisa Klosterkötter. Sie erhält die Möglichkeit, eine neue Arbeit zu realisieren. Unter dem Titel »Ein Dorf« werden performative Lesungen, künstlerische Interventionen und gemeinschaftliche Formate stattfinden, die unterschiedliche Orte rund um das Museumsgebäude einbeziehen und Besucher*innen dazu einladen, sich frei zu bewegen, zuzuhören und miteinander ins Gespräch zu kommen.
»KUNSTPREIS DER KUNSTSTIFTUNG NRW – NAM JUNE PAIK AWARD 2026«
Bei der Discovery Art Fair 2025. Foto: Holger Peters
Vom 23. bis zum 26. April schlägt die Discovery Art Fair in der Kölner XPOST ihre Zelte auf. Als niedrigschwelliges Format positioniert sich die Veranstaltung als Plattform für junge Gegenwartskunst.
Wer durch die Gänge klassischer Kunstmessen streift, den mag mitunter das Gefühl beschleichen, einer geschlossenen Gesellschaft beizuwohnen. Diesem elitären Nimbus setzt die Discovery Art Fair ein demonstrativ offenes Konzept entgegen. Wenn die Messe nun in der Halle der XPOST Köln ihre elfte Ausgabe präsentiert, treten 117 ausgewählte Galerien und Kunstschaffende aus 16 Ländern an, um den Beweis zu führen, dass man kein dickes Portemonnaie haben muss, um sich originelle Gegenwartskunst leisten zu können.
Über die Bühne geht das Format alljährlich in Köln und in Frankfurt am Main (nächste Ausgabe dort: 30. Oktober bis 1. November). Dass der Betreiber, die in Brandenburg beheimatete Working Smarter Group, die Veranstaltung programmatisch als »Entdeckermesse« vermarktet, kommt nicht von ungefähr: Rund ein Drittel der Ausstellenden präsentiert sich in diesem Jahr erstmals in der Domstadt. Die Folge der inhaltlichen Öffnung ist ein breites stilistisches Panorama – es reicht von Malerei bis hin zu Videokunst und Urban Art.
Zu den bemerkenswerten Positionen gehört etwa der argentinische Künstler BNS, der reliefartige Street-Art-Unikate in komplexen Schichttechniken aus Acryl und Aerosol präsentiert. Der Wahlkölner David Gunderlach steuert satirische Collagen auf transparenten Kunststoff-Folien bei, während der in Albanien geborene Albert Brahaj metaphysisch grundierte Malerei im Gewand scheinbarer Alltäglichkeit zeigt.
Das Museum Ostwall hat ein spannendes Thema zu einer sehr politischen Ausstellung verpackt: Mit Werken von den 1960er Jahren bis heute geht es im Dortmunder U um das globale Müllproblem.
Das Museum Ostwall hat ein spannendes Thema zu einer sehr politischen Ausstellung verpackt: Mit Werken von den 1960er Jahren bis heute geht es im Dortmunder U um das globale Müllproblem.
Zu einem geflügelten Wort entwickelt hat sich die Frage: »Ist das Kunst oder kann das weg?« Hintergrund sind unter anderem Readymades des Konzeptkünstlers Marcel Duchamp, der Fundstücke, die andere vielleicht als Sperrmüll gesehen hätten, zur Kunst erklärte. Eine gute Idee hat in diesem Zusammenhang das Team des Museums Ostwall im Dortmund U gehabt. Es hat eine Schau darüber zusammengestellt, was andere wegwerfen. Sie heißt »Müll. Eine Ausstellung über die globalen Wege des Abfalls«, ist äußerst sehenswert und sehr politisch. Gezeigt werden rund 50 Werke internationaler Künstler*innen des 20. und 21. Jahrhunderts, darunter zwei Auftragsarbeiten.
Die Frage, was Müll eigentlich ist, ist dabei gar nicht so leicht zu beantworten. Ein Auto, das von seinem westeuropäischen Besitzer ausgemustert wird, wird manchmal direkt auf den afrikanischen Kontinent verschifft und dort noch lange genutzt. Die Flut entsorgter Kleidung aus Ländern wie Deutschland landet auf Märkten in Ghana und stellt schwerwiegende Probleme für die lokale Textilindustrie dar. Die Dortmunder Sonderausstellung nimmt die Perspektive einer globalisierten Konsumgesellschaft ein und fragt: Was passiert mit dem Müll und wer trägt die Folgen? Es geht um die weltweite Routen, die Abfall bisweilen zurücklegt, und um deren soziale, ökologische und politische Auswirkungen.
Die Darstellungen von Müll und Müllsammler*innen gibt es zwar bereits in der Kunst des späten 19. Jahrhunderts wie Etwa Edouard Manets »Le Chiffonier« (1869) zeigt. Oder in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, wie etwa Julian Trevelyans 1937 gemaltes »Rubbish May Be Shot Here« veranschaulicht. Beide widmen sich bereits den sozialen Fragen, die mit der Entsorgung von Müll einhergehen. Eigentlich geht die Ausstellung aber vor allem von den späten 1960er und 1970er Jahren aus, als der Club of Rome seinen Bericht über die Grenzen des Wachstums veröffentlich hatte und große Umweltbewegungen entstanden. Da akkumulierten Künstler*innen Müll nicht mehr in erster Linie zu skulpturalen Kunstwerken, sondern zogen eine kritische Ebene mit ein. Zum Beispiel HA Schult, der mit der Aktion »Situation Schackstraße« (1969) mehrere Tonnen Abfall auf eine Münchner Straße kippen ließ, um das vermeintlich »saubere« Stadtbild zu stören.
Viele ausgestellte Werke stammen aus der eigenen Sammlung des Museums Ostwall, weshalb Fluxus-Kunst stark vertreten ist. In einem Raum hängt etwa ein sogenannter Score, also so etwas wie die Anleitung zu einer künstlerischen Intervention von Allan Kaprow, der dazu auffordert, Ölfässer an einen anderen Ort zu bringen und vor ihnen siegerhaft zu posieren. Damit thematisierte er den Ressourcen-Hunger der westlichen Gesellschaften. Heute scheint das Werk aktueller denn je.
Müllentsorgung und Mülllagerung, die meist in Form von Müllhalden geschieht, spielen im Werk von Nancy Holt oder Agnes Denes seit den 1970er Jahren eine wichtige Rolle. Sie zeigen auf, wie diese Orte neu und ökologisch sinnvoll genutzt werden konnten. So sieht man etwa eine schöne Utopie, die Nancy Holt für eine Halde in New York entworfen hatte – und die leider nie über das erste Stadium der Realisierung hinauskam. In einer kurzen Filmdokumentation ist der Künstler Nicolás García Uriburu zu sehen, der sich als einer von mittlerweile vielen Künstler*innen an Protestaktionen von Greenpeace beteiligte. Zu sehen sind seine »Coloraciones«, bei denen er Gewässer leuchtend grün färbte, um auf deren enorme Verschmutzung aufmerksam zu machen.
Mit dem Fortschreiten der Globalisierung, die Industrialisierung und Konsumgesellschaft in alle Winkel des Planeten brachte, wurden auch die Wege des Abfalls komplexer und problematischer. Die soziale Frage des Oben und Unten ist heute auch eine davon, wer Müll einfach entsorgen darf und wer mit ihm wie umgehen, wer für sein Verschwinden arbeiten muss (vom Recycling in wirklich nennenswerten Mengen ist die Welt leider nach wie vor weit entfernt). Die Frage nach dem sozialen »Oben« und »Unten« stellt sehr spektakulär und auch provokativ eine zentrale Installation der Ausstellung: »Los de arriba y los de abajo« (2015) von Kader Attia.
Sie ist aufgebaut wie ein Tunnel, durch den die Besucher*innen laufen. Über ihren Köpfen hängt ein schmales Gitter, das vor herabfallendem Abfall und Schrott schützt. Da durchzulaufen bereitet körperliches Unbehagen. Attia bezieht sich mit seiner Arbeit konkret auf die Situation in Hebron, wo sich die palästinensische Bevölkerung mit Netzen gegen die höher gelegenen israelischen Siedler schützt, die ihren Müll einfach nach unten werfen – auch als Zeichen der Verachtung. Natürlich ist es heute im aufgeheizten Klima zwischen pro-palästinensischen und pro-israelischen Stimmen schwierig, so eine Arbeit zu zeigen, die vermeintlich eher das Leid der palästinensischen Bevölkerung akzentuiert. Die Kurator*innen Christina Danick und Michael Griff wollen sie aber vor allem als Ausdruck der allgemeinen Trennung des sozialen Oben und Unten in hierarchischen Gesellschaften sehen: Der Abfall wird da nicht nur zum Symbol, sondern zum realen, permanent präsenten Bestandteil eines von Macht und Ungleichheit geprägten Alltags.
Science-Fiction-Stadt im Miniaturformat
Eine Installation, die extra für die Ausstellung eingerichtet wurde, ist »TC-2000« von Akwasi Bediako Afrane. Er hat eine Menge Elektroschrott gesammelt, vor allem aus der Welt der Computertechnik, den er teilweise wieder zum Laufen gebracht hat, und damit eine afrofuturistische, dystopisch wirkende Science-Fiction-Stadt im Miniaturformat errichtet. Eine Modelleisenbahn fährt hindurch und ermöglicht den Besucher*innen so nicht nur die Vogel-, sondern auch die Froschperspektive des »Unten«. Um die Installation quasi einzuschalten, müssen die Menschen im Museum sich erst einmal auf einen der Autositze setzen, die um die Stadt aufgestellt sind. Der Künstler aus Ghana will damit sagen: »Es sind wir! Die Elektronik ist wegen uns erfunden und gebaut worden. Sie fungiert wie verlängerte Körperteile von uns – und wenn wir sie wegwerfen, ist das als würden wir einen Teil von uns abschneiden.«
Vor allem Kinder werden an den Wänden sicher gleich Illustrationen der beliebten Kinderbuchfiguren »Die Olchis« erkennen, die Dreck und Müll mögen, sich sogar davon ernähren. Ihr Erfinder Erhard Dietl hat eigens für die Ausstellung neue Bilder geschaffen und ein Mitmach-Heft, mit dem kleine Besucher*innen die Räume entdecken können.
Auch darüber hinaus haben die Kuratoren viel getan, um die Stadtgesellschaft zu integrieren. Mit dem Beirat »Critical Friends«, der die Schau aus kulturhistorischer, aktivistischer und pädagogischer Sicht begleitete. Oder mit der Einbindung des Klimabündnisses Dortmund, das eigene Flächen bespielt und auch darüber informieren kann: Wie kann ich mich engagieren, wie kann ich handeln, um das globale Müllproblem vielleicht ein bisschen zu mindern? Wie das geht? Zum Beispiel indem man zu der Kleidertauschparty im Rahmenprogramm geht – und nicht in den günstigen Klamottenladen im Einkaufszentrum.
»MÜLL. EINE AUSSTELLUNG ÜBER DIE GLOBALEN WEGE DES ABFALLS«
Der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal feiert die vor zwei Jahren verstorbene Bildhauerin Rebecca Horn mit einer Werkübersicht, die sich über alle drei Ausstellungspavillons erstreckt. Bewegung ist der Motor ihrer Kunst.
Eine Arbeit ragt heraus bei Rebecca Horns aktueller Werkübersicht »Emotion in Motion« im Skulpturenpark Waldfrieden. Gemeint ist der »Turm der Namenlosen«. Ein Mahnmal von zerbrechlicher Intensität: Hölzerne Leitern, ineinander verkeilt, ragen als fragiles Gebilde empor, das durch Geigen gänzlich unerwartet orchestriert wird. In festgelegten Intervallen treiben kleine Motoren die Violinen an – die Töne, die auf diese Weise erzeugt werden, klingen, als würde ein Musiker gerade sein Instrument stimmen.
Den »Turm der Namenlosen« realisierte Rebecca Horn (1944-2024) im Jahr 1994 für das Treppenhaus einer Altbauvilla am Wiener Naschmarkt. Die Installation widmete sie den Opfern der Jugoslawienkriege. In jener Zeit suchten tausende Geflüchtete Schutz in Wien – viele davon lebten unter prekären Bedingungen rund um den Naschmarkt. So unmittelbar ergriff die Skulptur manche Betroffene, dass sie sich spontan mit eigenen Instrumenten dazugesellten, um in das Kunstkonzert einzustimmen.
Der Turm, der Assoziationen zur heutigen Situation von Flüchtlingen nicht nur erlaubt, sondern herausfordert, steht exemplarisch für das Werk einer Künstlerin, die poetisch und politisch zugleich war. Er ist eine von 14 kinetischen Skulpturen, die in Wuppertal Einblicke in ihren »Maschinenraum der Kunst« gewähren. Zudem erschließt ein eigenes Programm im Anbau des Café Podest das filmische Schaffen der vielseitigen Künstlerin. Horns Filme – die frühesten datieren vom Beginn der 1970er Jahre – sind keine Randnotiz, sondern elementarer Bestandteil des Œuvres, mit ihren performativen und skulpturalen Werken in vielerlei Form verknüpft.
Bei der Wuppertaler Ausstellung handelt es sich um eine Kooperation mit der Moontower Foundation. Diese Stiftung, ansässig in Bad König, hat Horn 2007 selbst gegründet, um die Betreuung ihres pflegeintensiven Werks und die Nachlassverwaltung beizeiten in kundige Hände zu geben. 2015 erlitt sie einen Schlaganfall, der ihrer Karriere ein abruptes Ende setzte.
Kinetische Kunst
Im Münchner Haus der Kunst war vor zwei Jahren eine Retrospektive zu sehen – die letzte Ausstellung zu Lebzeiten der Künstlerin, die mit 80 starb. In der kulturhistorischen Schau »Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst«, die vor kurzem im Potsdamer Museum Barberini gezeigt wurde, gehörte ihre Performance »Einhorn« von 1970 zu jenen Exponaten, die das mythologische Fabelwesen im Terrain der Gegenwartskunst ansiedeln. »Emotion in Motion« ist nun der vorläufige Höhepunkt einer Ausstellungsoffensive, die Rebecca Horn als eine der prägenden Künstlerpersönlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte erscheinen lässt.
Ihr Weg zur kinetischen Kunst war von einer existenziellen Zäsur geprägt. Ende der 1960er Jahre erlitt sie als Studentin eine schwere Lungenvergiftung durch die Arbeit mit giftigen Kunststoffen wie Glasfasern und Polyesterharz. Es folgten lange Aufenthalte in Krankenhaus und Sanatorium. Auf diesen Kollaps ihres Körpers reagierte Rebecca Horn künstlerisch – in Form sogenannter »Körperextensionen«. Wie durch Zauberei erfährt der Bewegungsapparat hierbei Zuwachs durch Prothesen und Zubehör aus organischen Materialien. Federn und Bandagen ersetzten die toxischen Stoffe. 1972 präsentierte Horn die »Körperextensionen« auf der documenta 5 in Kassel – damals war sie die jüngste Künstlerin bei dieser wohl wichtigsten Positionsbestimmung der internationalen Gegenwartskunst.
Ab den 1980er Jahren wechselte sie das Medium, vertauschte die Körperkunst mit der Apparatur. Wie der Mensch, so sind auch diese kinetischen Werke alles andere als perfekt: Sie beben, zittern, ermüden mitunter, stoppen sogar abrupt, scheinen jedenfalls ein eigensinniges, durchaus auch verletzliches Eigenleben zu führen. In Wuppertal wird dies etwa beim »Concert for Anarchy« (2006) deutlich. Ein kopfüber von der Decke hängender Flügel bricht in regelmäßigen Abständen aus seiner Starre aus: Der Deckel reißt auf, die Tasten schnellen hervor, und die Saiten erzeugen ein klangliches Beben, bevor sich das Instrument wieder schließt.
Ironie der Maschinen
Ihre Maschinen setzt Rebecca Horn auch zur ironischen Befragung etablierter Kulturtechniken ein. Die »Malmaschine« (1991) etwa ersetzt den »genialen« Schöpferakt durch einen mechanischen Arm, der Tinte und Champagner gegen die Wand spritzt. Die Macho-Malergesten, wesentlicher Bestandteil der männerdominierten Moderne, nimmt die Künstlerin aufs Korn, indem sie das vermeintlich Titanische an eine ›seelenlose‹ Gerätschaft delegiert – und tiefer hängt. Nach demselben automatischen Prinzip funktioniert die »Brautmaschine« (1988), die Stöckelschuhe rhythmisch mit blauer Farbe bespritzt und dabei elegant mit sexuellen Fetischen spielt.
Auch die Liebe findet bei Horn ihren mechanischen Ausdruck: In der Installation »Kuss des Rhinozeros« (1989) bewegen sich zwei mit Nashorn-Hörnern bestückte Metallhalbkreise gemächlich aufeinander zu, bis sich am Berührungspunkt ein elektrischer Impuls entlädt. Beinahe meditativ wirken dagegen ihre späten Werke. Beispielsweise die Bodenarbeit »Hauchkörper« von 2017: Schlanke, spitz zulaufende Messingstäbe, mechanisch angetrieben, wiegen sich sanft wie Gräser im Wind. Mit den Bäumen, die durch die Glaswände des Pavillons im Skulpturenpark Waldfrieden unmittelbar ins Blickfeld geraten, verschmelzen die filigranen Stangen zu einem Ensemble.
Ihre Premiere feierte diese Werkgruppe bei einer Ausstellung im Duisburger Lehmbruck Museum. Anlass für diese Schau war die Verleihung des renommierten Wilhelm-Lehmbruck-Preises, den Rebecca Horn 2017 als erste Frau überhaupt entgegennehmen durfte. Im Skulpturenpark Waldfrieden erfährt ihr Schaffen, das Tony Cragg »berührend und rührselig« nennt, nun eine posthume Würdigung, die der Künstlerin mit Gewissheit gefallen hätte.
Brunhilde Moll Stiftung: Mit der neuen Doppelausstellung »Wer könnte der Sonne widersprechen?« loten Evelyn Möcking und Daniel Nehring die Schnittmengen von wissenschaftlicher Methode und ästhetischer Praxis aus.
Wo einst Joseph Beuys wirkte, widmet sich die Brunhilde Moll Stiftung heute einem ungewöhnlichen Spagat: der Förderung von Kunst und Hirnforschung. Mit der neuen Doppelausstellung »Wer könnte der Sonne widersprechen?« loten Evelyn Möcking und Daniel Nehring die Schnittmengen von wissenschaftlicher Methode und ästhetischer Praxis aus.
Das Haus am Düsseldorfer Drakeplatz 4 ist ein erstrangiges Resonanzquartier der jüngeren Kunstgeschichte. Denn wer hier ausstellt, betritt historischen Boden. Schließlich befand sich in den Räumen im Stadtteil Oberkassel einst das Atelier- und Wohnhaus des Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys. Seit dem Sommer 2024 residiert in dem Anwesen die gemeinnützige Brunhilde Moll Stiftung. Neben der Förderung von zeitgenössischer Kunst durch wechselnde Präsentationen und ein Stipendienprogramm hat sich die Institution noch einem weiteren Gebiet verschrieben, das auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte zur Gegenwartskunst aufweist: Gemeint sind die Neurowissenschaften. Konkret unterstützt die Stiftung ein Forschungsprojekt des Universitätsklinikums Düsseldorf, das den Einsatz Künstlicher Intelligenz zur Optimierung der sogenannten Hirnschrittmachertherapie untersucht.
Material und Modell
Kunst und Wissenschaft unter einem Dach – diese programmatische Zweigleisigkeit der Stiftung findet in der aktuellen Ausstellung »Wer könnte der Sonne widersprechen?« eine Entsprechung. Es handelt sich bereits um die vierte Schau, die am Drakeplatz gezeigt wird. Zuvor waren in den Räumlichkeiten unter anderem figurative Bilder der Malerin Vera Laros (der Tochter der Stifterin) sowie die Papierfaltungen des Kölner Bildhauers Simon Schubert zu sehen. Nun wollen die Düsseldorfer Künstler*innen Evelyn Möcking und Daniel Nehring die Räume in einen interdisziplinären Denkraum verwandeln.
Beide Positionen eint eine forschende Haltung, auch wenn ihre formalen Ergebnisse denkbar unterschiedlich ausfallen. Anstatt sich auf formale Ähnlichkeiten zu berufen, begreift das Duo die Ausstellung als experimentelles System zwischen Material, Modell, Wahrnehmung und Erkenntnis.
Evelyn Möcking (Jahrgang 1984), die an der HfbK Hamburg Bildende Künste studiert hat und zudem zeitweise als Assistentin in der zoologischen Präparation am Naturhistorischen Museum Mainz tätig war, überführt naturwissenschaftliches Rüstzeug in Serien. Ihre Installationen speisen sich aus einem ungewöhnlichen Materialfundus: Steinpapier, tierische und pflanzliche Präparate, ein organisches Farbarchiv sowie historische Chemieapparaturen treffen auf modernes Plexiglas. Gezeigt werden rund 15 Arbeiten, darunter »Templates« (Schablonen), Zeichnungen sowie Glasskulpturen, die sich im Raum zu einem Dialog aus Farbe und Struktur verdichten.
Das Schaffen von Daniel Nehring (ebenfalls Jahrgang 1984), Absolvent der Kunstakademie Düsseldorf und dort Meisterschüler bei Franka Hörnschemeyer, ist gekennzeichnet durch einen digitalen Zugang. Seine künstlerische Praxis will im Spannungsfeld von Körper und Modell, Realität und Simulation verortet werden. Im Zentrum seines Ausstellungsbeitrag steht der Zeichenprozess selbst, der einer klinisch anmutenden Versuchsanordnung unterzogen wird: Die Entstehung seiner Arbeiten begleitet er phasenweise mit EEG-Messungen und ergänzt diese durch MRT-Aufnahmen, bevor die Daten digital aufbereitet werden. Das Resultat sind rund 20 Zeichnungen sowie skulpturale und digitale Objekte, die sich zu einer raumgreifenden Installation zusammenfügen.
Sie ist überall. Im Kunsthaus NRW in Aachen und im Museum Morsbroich, im KIT und bei der Art Düsseldorf kann man ihre Werke entdecken. Ein Atelierbesuch bei Enya Burger.
»Zwischen Fressnapf und Storage Space befindet sich die Einfahrt«, so die Info in der E-Mail. Von einem romantischen Hinterhofatelier hat dieser Ort in Düsseldorf-Heerdt so gar nichts. Doch einmal die Treppe hinaufgestiegen, vergisst man fast den gesichtslosen Mix aus Büro und Gewerbe, dicken Straßen und einschlägigen Großmärkten. Hier oben ist nur Platz für Kunst. Enya Burger geht vor – ein separierter Raum im Drunter und Drüber des Gemeinschaftsateliers gehört ihr. Recht hell ist es hier und relativ aufgeräumt.
Mikroskop und Riesenmonitor auf dem Schreibtisch. Anderswo stapeln sich Fischhäute neben Bremsscheiben. Schraubbohrer und Schneidematte gehören zum Equipment. Viele ihrer Arbeiten sind unterwegs in den diversen Ausstellungen. Von dem, was blieb, hat Burger einiges zur Ansicht an die Wand gehängt. Auch hier mischen sich die Sphären: wissenschaftliches Instrument – Petrischalen etwa oder Objektträger fürs Mikroskop. Man begegnet märchenhaften Motiven, die Burger in südschwedischen Kirchen entdeckt und ins Glas graviert hat. Was hat das zu bedeuten? Erst, wenn die Künstlerin zu erzählen beginnt, finden die scheinbar disparaten Dinge und Gedanken zueinander.
In der folgenden Stunde bekommt man viel zu hören von Schleimpilzen und Milchhasen, Kriegsschiffen und Urschleim auf dem Meeresgrund. Von einem verschwundenen Dorf im Roten Moor und dem unendlichen Kreislauf des Wassers durch Ozeane und den menschlichen Körper. Alles Themen, die sie umtreiben, und die in ihren aktuellen Ausstellungen zur Sprache kommen – sei es im Kunsthaus NRW in Kornelimünster, auf Schloss Morsbroich in Leverkusen oder im Düsseldorfer KIT.
Enya Burger auf dem Dach vor ihrem Atelierfenster. Foto: Stadel
Für Burger gibt es kein Entweder-oder – alles gehört zusammen. Auch aktuelle Wissenschaft kann mit uralten Geschichten verschmelzen. »Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen, muss kein wissenschaftliches Paper schreiben, oder so«, sagt Burger. »Ich kann mich mit dem beschäftigen, was mich interessiert, kann mich aus verschiedenen Gebieten bedienen, Informationen anhäufen und vielleicht neue Narrationen entwickeln.« Diese Rundumsicht quer durch Disziplinen, das Kombinieren unterschiedlicher Wissensformen ist wohl am ehesten, was ihre Arbeiten zusammenhält.
Seit 2024 begegnet man ihnen immer öfter. Es war das Jahr, in dem Burger ihr Studium abgeschlossen hat – an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo sie zunächst bei Marcel Odenbach und dann bei Gregor Schneider studierte. Und es war auch das Jahr, in dem sie für ihre Videoinstallation »The World as a Phantom« den Internationalen Bergischen Kunstpreis bekam. Da geht es um digitale Bildproduktion: Ein Nachrichtensprecher führt durch das Video und propagiert, dass man gar nicht mehr in die Welt hinaus muss, um sie zu erleben. Dann mischen sich dokumentarische Bilder mit KI-generierten, Reales und Digitales geraten durcheinander. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion fallen, und es wird zunehmend schwieriger, zu entscheiden, wie man das eine oder das andere einordnen soll.
Der Kölner Philipp von Rosen hatte das Video gesehen, holte Burger in seine Galerie, präsentierte sie mit einer größeren Einzelausstellung in seinen Räumen und gleichzeitig als »New Position« auf der Art Cologne, wo sie in einer vielbeachteten Installation ihre Recherchen zum Schleimpilz künstlerisch verarbeitete, indem sie seine Bewegungen in Sound übersetzte und in einem gläsernen Labyrinth als rauschenden, schmatzenden Sound live hörbar machte. Das alles passierte in dem einen Jahr – und in ähnlicher Taktung geht es bei Burger weiter bis heute.
Faszination fürs Viskose
Ebenfalls geblieben ist die Faszination fürs Viskose. »Mich interessiert das Schleimige total – in den verschiedensten Ausführungen«, erklärt Burger. Und provoziert ein Lächeln bei ihrem Gegenüber. Doch lässt sie sich nicht anstecken, fährt lieber fort mit ihrer Faszination: Der Schleimpilz sei nicht greifbar, besitze über 600 Geschlechter. Uneindeutig sei er durch und durch. Seit Millionen von Jahren existiere dieses Lebewesen – ob Pilz oder doch eher Pflanze, auch das sei nicht klar.
Vorsichtig unterbricht sie sich, fragt, ob man vielleicht mehr darüber hören möchte und weist auf die Arbeiten an der Atelierwand, die ebenfalls der Beschäftigung mit dem Schleimpilz entspringen. Spannend findet Burger ihn vor allem wegen seiner einfachen Intelligenz, die es ihm erlaube, Netzwerke zu bilden. Wenn es in einem Labyrinth mal nicht weitergeht, dann gibt dieser Pilz die Info weiter, erinnert sie und bewegt sich deshalb nie ein zweites Mal in die Sackgasse.
Auch in unseren Wäldern sei das schleimige Etwas anzutreffen, weiß die Künstlerin. In Südschweden machte sie einen Mythos ausfindig, der sich um das Rätsel spinnt. Es spielen mit: Der Teufel, eine Hexe und ein gieriger Hase, der das Milchglück stehlen soll, sich aber gelegentlich überfrisst und Milch in den Wald spuckt. Daher also die schleimigen Spuren. Aus dem, was übrig bleibt, stampfen Hexe und Teufel gemeinsam magische Butter. In einigen Kirchen fand die Künstlerin Szenen dieser Erzählung dargestellt. Und zitiert die Bilder mit Gravuren ins Glas von Petrischalen. Dass man das Schleimige von jeher dem Weiblichen zugeordnet hat. Dass man das Unerklärliche, durch den Mythos greifbar machen wollte und wiederum einer bösen Frau, der Hexe, Schuld in die Schuhe schob – »das finde ich interessant«. Eine Bemerkung, die so oder ähnlich immer wieder fällt.
Mit ihrem umfassenden Interesse griff Burger für ihren Auftritt in der aktuellen Ausstellung auf Schloss Morsbroich ein altes Druckverfahren auf: die Anthotypie. Farbe aus Pflanzensaft sorgt dafür, dass das Bild im Museum, von UV-Licht beschienen, nach und nach verschwindet. Wie das funktioniert? Sie kann es zeigen und führt auf ein Dach vor dem Atelierfenster, wo zwei mit einem Gemisch aus Alkohol und Alge bedruckte Blätter in der warmen Frühlingssonne liegen.
Im Roten Moor
»Das finde ich interessant.« Zuletzt trieb Burger diese künstlerische Neugier mit der Kamera ins Rote Moor zwischen Hessen, Bayern und Thüringen. Daraus entstanden ist eine Video-Installation, die sie aktuell im Kunsthaus NRW Kornelimünster präsentiert. Da taucht die Künstlerin tief in die Geschichte des Moores ein und bringt dabei sowohl die wissenschaftliche Pollenanalyse als auch den Mythos des untergegangenen Dorfes Poppenrode ins Spiel. Ganz in Rot getaucht ist Burgers filmische Spurensuche im Moor. Rote Felder, Büsche, Bäume, dazu historische Karten und eine Stimme aus dem Off.
Sie habe mit Infrarotkamera gefilmt – »eine alte Militärtechnik, um Menschen sichtbar zu machen«. Hier im Roten Moor hat die Künstlerin sie nicht zuletzt als Referenz eingesetzt auf die militärische Geschichte des Ortes, die schon im Dreißigjährigen Krieg nachweisbar ist. Damals brannten schwedische Truppen Poppenrode nieder. Von der Kirche, so Burger, sei diese Geschichte jedoch umgedeutet worden: Demnach habe Gott die Menschen im Dorf für ihren Hochmut und ihr ausschweifendes Leben bestraft. Wieder zeige sich, wie eng Macht und Mythos zusammenhängen, bemerkt die Künstlerin. Nach dem Motto: »Ihr müsst schon zu uns kommen und beten, sonst überschwemmt das Moor auch euch.«
Wissenschaft und Mythos, Geschichte und Gegenwart, Literatur und Überlieferung – Burger bringt alles zusammen, um sich Themen, Orten, Materialien zu nähern und neue, vielfältige Narrationen zu entwickeln. So etwas ist nun auch in Arbeit für den nahenden Auftritt im Düsseldorfer KIT geplant. Dort wird es unter anderem um den sogenannten Urschleim gehen und um Methoden seiner Erforschung im 19. Jahrhundert. Auch darüber gäbe es viel zu erzählen.
Doch interessiert am Ende mehr noch die Frage, wie sie dieses Pensum bewältigt. Mit sieben vollen Arbeitstagen in der Woche? Burger lächelt, nickt und gesteht, dass sie mitunter auch die Nacht im Atelier verbringe. Um zwischen Tierfutterdiscount und mietbarem Lagerraum ihren ganz eigenen vielstimmigen Erzählungen nachzugehen.
Irma Markulin, Biography beyond Statistics, 2022. Ausstellungsansicht in der GfZK Leipzig, »Robotron. Code und Uptopie«. Foto: Alexandra Ivanciu. VG Bild-Kunst, Bonn 2025
Der Hartware Medienkunstverein (hmkv) im Dortmunder U zeigt eine sehr sehenswerten Ausstellung zur Geschichte der Computer-Industrie in der DDR.
Die starke Verbindung Ostdeutschlands und dem Ruhrgebiet wird immer wieder offenbar. Über beide Regionen lässt sich eine Geschichte von Industrialisierung und Deindustrialisierung erzählen, in Erzählungen über beide Regionen gibt es einen starken Fokus auf die Arbeiterklasse – und hier wie da spielt das Motiv des Abgehängtseins eine Rolle. Es ergibt daher überraschend viel Sinn, dass der Hartware Medienkunstvereins (hmkv) im Dortmunder U für seine Ausstellung »Robotron. Arbeiterklasse und Intelligenz« mit der Galerie für Zeitgenössische Kunst Leipzig zusammengearbeitet hat, um in die Geschichte der Mikro-Elektronik in der DDR einzutauchen.
Die Arbeit »rosie« von Nadja Buttendorf legt den Finger in die Wunde. Die Künstlerin hat eine Seifenoper entworfen, die in der Tech-Industrie der DDR spielt. Hintergrund des Titels ist der fiktive Zusammenschluss des VEB Kombinats Robotron mit Sitz in Dresden mit dem deutschen Unternehmen Siemens nach der Wende. Die sächsischen Arbeiter*innen hegten damals tatsächlich Hoffnungen, dass es zu einem Zusammenschluss kommen und ihr Betrieb überleben könnte – und schlugen einen Namen vor, der sich aus den Wortanfängen von Robotron und Siemens zusammensetzt: Rosie. Natürlich kam es anders und zeigt die ganze Tragik der DDR-Industrie nach 1989: Siemens übernahm Filetstücke und integrierte sie in den eigenen Konzern, der Rest wurde abgewickelt.
»Operation Zwiebelmuster«
Spannend ist, dass die DDR überhaupt versucht hat, im Bereich von Computern und Mikroelektronik mitzuhalten, der seit den 1960er Jahren immer größer wurde und oft als dritte industrielle Revolution bezeichnet wird. Roter Faden der Ausstellung ist ein Essay des Leipziger Verlegers Jan Wenzel, der zwischen den Werken von über 20 Künstler*innen interessante Wissenshäppchen über diese mindestens in Westdeutschland ziemlich unbekannte Industriegeschichte gibt. Für das Ziel, mit Robotron die Tür zur dritten industriellen Revolution aufzustoßen, »investierte das Land in den 1980ern enorme Teile seines Staatshaushaltes, ohne dass es gelang, mit der internationalen Entwicklung Schritt zu halten«, schreibt er.
Antye Guenther nimmt darauf auf tragikomische Weise Bezug. Unter dem Titel »Operation Zwiebelmuster« hat sie ein Meissener Kaffeeservice gestaltet, deren Verzierungen geheime Bau- und Schaltpläne von Mikrochips enthalten. Bezugspunkt ist der Toshiba-Skandal: In den 1980ern soll die Stasi Manager des japanischen Konzerns mangels harter Devisen unter anderem mit Porzellan bezahlt haben, um an technische Informationen bekommen, die durch ein Embargo des Westens eigentlich nicht in die DDR gelangen durfte.
Spannend sind auch Einblicke in andere Teile der DDR-Industrie wie die Fotos einer großen Dia-Show von Tina Bara. Sie gehörte 1988 zu einer Gruppe Künstlerinnen, die offiziell in die Buna-Werke eingeladen wurden. Es zeigt, dass die DDR-Oberen eigentlich stolz waren auf ihre industriellen Errungenschaften, dass sie Kunst und Wirtschaft Hand in Hand gehen lassen wollten. So wie Tina Bara es tat, haben sie es sich allerdings sicher nicht vorgestellt, denn sie dokumentierte heimlich den Verfall des Chemiebetriebs, die schlechten Arbeitsbedingungen und die von ihm ausgelöste Umweltzerstörung.
Erwünscht war hingegen großformatige, figürliche Malerei wie von Werner Tübke, der 1973 das fast 14 Meter breite Wandgemälde »Arbeiterklasse und Intelligenzia« schuf, auf das sich der Ausstellungstitel bezieht. Es zeigt wie in einem klassischen Tableau tatsächlich rechts im Zwielicht die Arbeiterklasse und links in göttlichem Schein den Großrechner R300 von Robotron. Heute wirkt das beinahe satirisch – damals war es durchaus ernst gemeint. Dem hmkv ist der Coup gelungen, die selten gezeigte fünf Meter breite Öl-Vorstudie zu bekommen.
Vom 17. bis 19. April wird das Areal Böhler wieder zum Schauplatz der Art Düsseldorf: Knapp 120 Aussteller aus 22 Ländern bespielen die Hallen des ehemaligen Stahlwerks.
Am Thema Marktkonsolidierung kommt heute niemand im Sektor der Kunstmessen vorbei. Doch während andernorts über schrumpfende Umsätze geklagt wird, verzeichnet die Art Düsseldorf ein verstärktes Interesse der Galerien, am Rhein Flagge zu zeigen. Zu den 32 Neuzugängen in diesem Jahr gehören Namen, die in der Branche einen guten Klang haben, etwa Esther Schipper (Berlin, Paris und Seoul) oder Bärbel Grässlin (Frankfurt am Main).
Dass die Art Düsseldorf auf Kurs bleibt, hatte sich schon im vergangenen Jahr abgezeichnet: Trotz gedämpfter Erwartungen strömten 2025 rund 20.000 Besucher in die Hallen. Zwar spielen globale Leitmessen wie die Art Basel oder die TEFAF in Maastricht nach wie vor in einer anderen Liga, doch konnte Düsseldorf stark aufholen. Im Vergleich zur Art Cologne punktet die Düsseldorfer Messe mit einem unverwechselbaren Ambiente: Statt auf weitläufige, modulare Messehallen setzt man auf die atmosphärische Industrie-Architektur des Areals Böhler.
Mit drei Themenschwerpunkten, zu denen die Galerien passende Arbeiten vorschlagen konnten, wagt Gilles Neiens, der neue künstlerische Leiter der Messe, ein Experiment. »Cosmic Feel – Kunst als Resonanzraum«, »Panic Attack – Angst als Spiegel der Gegenwart« und das Japan-Special »Ōjigi – Eine Geste der Begegnung« – diese drei Segmente markieren innerhalb der Art Düsseldorf kleine Themenpräsentationen. Eine Soloschau des koreanischen Künstlers J. Park sowie eine Sammlung aus Tokio (»anonymous art project. made in AOMORI«) runden das Programm ab.
Visuelle Widerhaken
Strukturell fächert sich das Teilnehmerfeld 2026 in bewährte und neue Sektionen auf. Neben den Segmenten »Main«, »Solo« und »Next« (für junge Galerien) manifestiert sich der kuratorische Anspruch besonders in der Sektion »Fragile Realities«: Die Kuratorin Pola van den Hövel versammelt hier ausschließlich weibliche Positionen: Es geht um Galerien, die von Frauen geführt oder gegründet wurden. Dazu zählen Anahita Sadighi (Berlin), Roberta Keil (Wien) und Kristin Hjellegjerde (London, Berlin, West Palm Beach).
Ein Rundgang durch die Hallen verspricht aber auch visuelle Widerhaken und inhaltliche Tiefe. Am Stand der Galerie Ruttkowski;68 (Düsseldorf, Köln, Bochum, Paris, New York) kann man das vielschichtige Werk von Eva Beresin kennenlernen. Die 1955 in Budapest geborene Künstlerin behandelt in ihren grotesk-figurativen Bildern und Skulpturen Banalitäten des Alltags, aber eben auch die Traumata der Shoah – ein Erbe ihrer Eltern, das sich in ihr Körpergedächtnis eingeschrieben hat.
Das komplette Kontrastprogramm bietet Matthias Herrmann in seiner Serie »Textpieces: 1996-98«, die am Stand der Wiener Galerie Steinek gezeigt wird. Der Fotokünstler nutzt seinen eigenen Körper als Werkzeug für inszenierte Fotografien, um mit popkulturellen Zitaten und Soundbites die Klischees von Geschlechterrollen und Kreativität ironisch zu unterlaufen.
ART DÜSSELDORF, 17. BIS 19. APRIL (PREVIEW: 16. APRIL, 16 UHR)
Ein außergewöhnliches Projekt der Grand Snail Tour von Urbane Künste Ruhr in Schwelm: Das Chorwerk Ruhr und Trio Wellenbad bespielen das Stadtbad – über und unter Wasser.
Wie die Welt unter Wasser klingt, haben viele Menschen möglicherweise vor allem als Kindheitserinnerung im Ohr. Da taucht man beim Schwimmen im Freibad, im See oder Meer gern mal unter und hört wie die Gespräche von oben zu einem Murmeln werden oder plötzlich aufsteigende Luftblasen und Körperbewegungen ihre ganz eigenen Klänge bekommen. Am 24. April können Konzert-Besucher*innen erfahren, wie Musik unter Wasser klingt – das Chorwerk Ruhr und die Urbanen Künste Ruhr werden dann mit dem Trio Wellenbad im Stadtbad Schwelm für dieses besondere Erlebnis sorgen.
Die Idee zum Konzert »Abtauchen in Schwelm« ist für die Grand Snail Tour, also die Große Schneckentour, von Urbane Künste Ruhr entstanden. Mit dem mobilen Aktions- und Ausstellungsprojekt hat sich die Institution für Kunst im öffentlichen Raum vorgenommen, in drei Jahren durch alle 53 Städte und Gemeinden des Reviers zu reisen. Dabei gibt es manchmal klassische Lesungen zu erleben, mal Kunsthappenings, mal Konzerte oder partizipative Projekte in Zusammenarbeit mit lokalen Gruppen. »Während der Suche nach einem Ort in Schwelm entstand der Wunsch, einmal mit Chorwerk Ruhr zu kooperieren«, sagt Kurator Julian Rauter.
Die Kooperation ergibt absolut Sinn, weil Urbane Künste Ruhr genau wie Chorwerk Ruhr zwei Säulen der Kultur Ruhr GmbH sind, die auch die Ruhrtriennale betreibt. Man sitzt in Büros im selben Gebäude am Bochumer Westpark – aber bisher hatte sich kein Schnittpunkt zur Zusammenarbeit gefunden. »Der Chor ist sehr flexibel, ein großer Klangkörper, der in vielen Räumen wunderbar funktioniert«, sagt Chormanagerin Ariane Stern. Die Frage war nur: »In welchen städtischen Raum kann man ihn stellen, der ins Konzept der Grand Snail Tour passt?« Erst dachten die Kuratoren an das architektonisch interessante, aber auch umstrittene Schwelmer Kreishaus. Aber bald rückte das Stadtbad in den Fokus.
Das Bad als Resonanzraum
»Das war eine intuitive Entscheidung«, sagt Ariane Stern. »Das Bad ist architektonisch sehr besonders, sieht von außen ein bisschen aus wie eine Trillerpfeife. Innen hat es eine Holzdecke und wirkt abgeschlossen, man konnte es sich als guten Resonanzraum vorstellen.« Deshalb kam schnell die Idee auf, das Trio Wellenbad… nun ja… ins Boot zu holen. Es ist ein interdisziplinäres Künstler*innen-Trio für Musikformate im öffentlichen Stadtraum. Joseph Baader, Nathalie Brum und Vincent Stange vereinen Musikinformatik, Architektur und Komposition, um laut eigener Aussage »öffentliche Orte auf musikalische und nasse Weise zu bespielen«.
Baader ist Komponist, Klangkünstler und Autor von Hörstücken, die schon bei ARD-Hörspieltagen, im Neuen Kunstraum Düsseldorf oder im Deutschlandfunk Kultur zu hören waren. Brum ist Künstlerin und Architektin, hat in Aachen und Düsseldorf studiert. Ihre ortsspezifischen Medienkunstinstallationen verbinden Klang und Raum an Orten des öffentlichen Lebens. 2022 erhielt sie den Förderpreis des Landes NRW als Nachwuchskünstlerin in den Visuellen Künsten. Stange ist transmedialer Komponist und Kurator. Seine Projekte wurden unter anderem in der Kunstsammlung und im Tanzhaus NRW, in der Studiobühne Köln oder der Sammlung Philara realisiert.
Bisher war die Gruppe, die das »Trio« aus ihrem Namen löschen möchte, also bald nur noch »Wellenbad« heißt (und damit unmöglich zu googeln sein wird) tatsächlich vor allem in Schwimmbädern, Thermen oder Wasseraufbereitungsanlagen aktiv. Etwa im Programm des Beethovensfests Bonn, wo Ariane Stern sie erlebt hat, als Besucherin im Wasserbecken: »Es ist sehr besonders, selber im Schwebezustand zu sein, während man die Klänge unter Wasser hört. Man hört dort nur Mono – und auch an anderen Stellen im Kopf«, so beschreibt sie es.
Schwimmsachen nicht vergessen
Beim Abtauchen in Schwelm kooperieren Wellenbad und Chorwerk Ruhr auf vielfältige Weise. Beim abendlichen Konzert kommt man mindestens in Badeschlappen, am besten aber gleich in Schwimmkleidung, um auch die Erfahrung des Unter-Wasser-Hörens mitnehmen zu können. Am Beckenrand verteilt, eröffnen die Mitglieder von Chorwerk Ruhr dem schwimmenden und nichtschwimmenden Publikum eine Welt der vokalen (Schall-)Wellen mit passenden Kompositionen – von John Dowlands melancholisch-süßem Renaissancestück »Flow, o my tears«, über Edward Elgars dahin fließendem »Nimrod« bis hin zu John Cages eindringlicher »Litany for the whale«. Musik vom 16. Jahrhundert bis ins ganz aktuelle Heute erklingt, denn die Dirigentin des Konzerts, Lucia Birzer, ist auch Komponistin und hat ihr Werk »The Moon Is Distant From The Sea« beigesteuert.
Die Vokalwerke treten beim abendlichen Über- und Unterwasser-Konzert in Korrespondenz mit den elektronischen Klängen der Gruppe Wellenbad, die auch mit dem Tauchverein zusammengearbeitet hat, der wöchentlich im Schwelmer Bad trainiert. Dabei geht es den Künstler*innen um die Geräusche, die Taucher*innen produzieren, um das, was dem Singen nah ist: das Atmen. Es geht ihnen um die Frage: Was ist im Stimmraum möglich, wenn ich unter Wasser tauche? »Wasserluftmusik. Drei Stücke für Wasser und Stimme« heißt die Uraufführung, die Wellenbad als Auftrag für das Konzert komponiert hat.
»Singen ist ja etwas absolut Physisches, dabei passiert ganz viel im Körper«, sagt Ariane Stern und erklärt, was am Schwelmer Projekt einmal anders und besonders spannend sein könnte. »Als Rezipient bleibe ich normalerweise außen vor. Wenn ich aber mit meinen Ohren ins Wasser gehe, dann bin ich mittendrin. Das ist eine ganzheitliche Erfahrung von Klang und Stimme.« Das Publikum kann sich aussuchen, ob es ins Wasser geht, in dem auch Lautsprecher eingerichtet sind, ob es mit Schwimmnudeln auf dem Wasser gleitet oder am Beckenrand bleibt.
Das abendliche Konzert ist allerdings nur ein Teil der Arbeit von Wellenbad. Ein anderer, die Soundinstallation, wird im Stadtbad schon den ganzen Tag über zu hören sein. Schwimmer*innen und Kulturbegeisterte können zu den normalen Öffnungszeiten bei freiem Eintritt in die Halle und hören am Beckenrand und im Wasser ein für den Ort geschaffenes Soundkunstwerk. Dieses soll auch an den Trailer von Urbane Künste Ruhr übertragen werden, der bei allen Stationen der Grand Snail Tour dabei ist und dieses Mal vor der Schwimmhalle steht. »Wir nutzen ihn als Resonanzraum«, so erklärt es Kurator Julian Rauter.
Elektronik und Akustik, Wasser, Luft und Musik, eine komponierende Dirigentin, ein Tauchverein, der Geräusche für eine Soundinstallation spendet und auch live im Becken ist – irgendwie hat bei diesem besonderen Projekt alles mit allem zu tun, durchdringt sich gegenseitig. Es wird ganz bestimmt außergewöhnlich spannend, dabei zu sein.