In Bochum soll ein neues Produktionshaus für Figurentheater in der umgenutzten Christ-König-Kirche entstehen. Eine im deutschsprachigen Raum einzigartige Institution für Begegnungen, aber auch für Aufführungen und Produktionen: das »European Center for Puppetry Arts« – kurz »Puck«.
Was einst »Kick« war könnte bald »Puck« werden: Das Akronym Kick hatte einst für »Kunst in Christ-König« gestanden, weil das Bistum Essen die katholische Christ-König-Kirche in Bochum im Kulturhauptstadtjahr 2010 zum Kunstort entwickelte. 2019 kam allerdings das Aus für das eigentlich gelungene Umnutzungsprojekt, personell und finanziell war es nicht mehr zu stemmen. In Bochum, der Stadt des internationalen Figurentheater-Festivals Fidena gibt es nun aber einen neuen interessanten Plan für die leerstehende Kirche: Unter dem Arbeitstitel »Puppenspiel in Christ-König«, kurz »Puck«, könnte ein deutschlandweit einzigartiges Produktionshaus für Figurentheater einziehen.
Nicht nur die deutsche Szene wollen die Initiator*innen in den Blick nehmen: European Center for Puppetry Arts soll die neue Institution heißen, wenn sie tatsächlich die Welt erblickt. Einerseits steht das noch ein wenig in den Sternen, weil für die Umsetzung viel Geld fließen muss. Andererseits haben bereits viele Hände dafür gearbeitet, für rund 100.000 Euro aus Bundesmitteln eine sehr konkrete Machbarkeitsstudie zu erarbeiten – inklusive Architekturentwurf für den Umbau der Kirche, einen An- und einen optionalen Neubau. »Dank der Förderung des Bundes und eines anschließenden Sponsorings durch die Stadtwerke Bochum ist das Projekt nun entscheidungsreif«, schreibt der Lenkungskreis im Konzept.
Hochburg des Figurentheaters
Treibende Kraft hinter dem »Puck« (ein Begriff, der sich natürlich auch auf die Elfenfigur aus Shakespeares »Sommernachtstraum« bezieht) ist Annette Dabs. Sie war bis zu ihrer Pensionierung im vergangenen Jahr fast 30 Jahre lang Leiterin des in Bochum angesiedelten Deutschen Forums für Figurentheater, das alle zwei Jahre das Festival Fidena veranstaltet – und mittlerweile auch als Institution den Namen Fidena angenommen hat. Fidena – Figurentheater der Nationen – ist bis heute eines der wichtigsten Festivals für Puppen-, Figuren- und Objekttheater nicht nur deutschland-, sondern europaweit.
Während des ersten Corona-Jahrs 2020 hatten Annette Dabs und ihr Team zusammen mit dem Figurentheater-Kolleg, das ebenfalls in Bochum beheimatet ist, begonnen einen »Masterplan Figurentheater für Deutschland« zu entwerfen. »Dabei wurde schnell wurde deutlich: Obwohl Bochum als Hochburg des Figurentheaters gilt, fehlt bislang ein eigener Aufführungs- und Produktionsort«, sagt sie. »Im Gegensatz zu Tanz und Schauspiel existiert in Deutschland bislang kein Produktionshaus für das Figurentheater – eine Lücke, die in Fachkreisen wie in der Kulturpolitik gleichermaßen erkannt wurde.«
Die profanierte Christ-König-Kirche kennt Annette Dabs lange, hatte immer einen guten Draht zum umtriebigen Propst Michael Ludwig, der treibenden Kraft hinter dem Kunstort. 2010 hatte die Fidena die Kirche für die Aufführung »King Kongo« über das Kolonialzeitalter genutzt – lange bevor Kolonialismus und Postkolonialismus bestimmende Themen in der Kulturwelt wurden. »Propst Ludwig fand die Idee sofort gut«, erinnert sich Annette Dabs. »Irgendwas muss ja mit unseren Kirchen passieren, wenn sie nicht abgerissen werden sollen.« Für die Projektleiterin des »Puck« ist gerade die Christ-König-Kirche am Rande der Bochumer Innenstadt eine wichtige Landmarke, gelegen an wichtigen Fahrrad-, U-Bahn- und Straßenverbindungen, ein Ort des Zusammenkommens, die sie auch im neuen Gewand wieder sein soll.

Nach jetzigem Stand soll das »Puck« auf vier Säulen stehen: Die erste ist das Programm auf zwei Bühnen im ehemaligen Kirchengebäude, einer großen (mit circa 250 Plätzen) und einem kleineren Studio für unter 100 Besucher*innen. Es soll aus Eigenproduktionen von Gruppen und Einzelkünstler*innen gespeist werden, die vor Ort entstehen, und dann auch auf Tour gehen können – aber auch Gastspiele sollen dort stattfinden. Ein richtiges Spielplan-Programm. Die zweite Säule sind die Residenzen. Künstler*innen sollen vor Ort nicht nur arbeiten und proben, sondern auch wohnen können – deshalb braucht es Platz außerhalb des Kirchengebäudes. Ein bestehendes Gebäude, das zur Gemeinde gehörte, könnte dafür um- und ausgebaut werden, außerdem sieht der jetzige Entwurf des Architekturbüros Banz&Riecks einen Neubau vor, der aber abhängig von der möglichen Finanzierung bisher nur als Option gedacht wird.
Die dritte Säule ist das Labor: Das »Puck« soll auch ein Experimentierfeld zwischen den Disziplinen Wissenschaft und Kunst werden. Künstler*innen des Genres arbeiten nicht nur ständig an neuen Formen der Puppen- oder Figurenkreation und -führung, sondern erforschen auch neue Materialien. Die vierte Säule schließlich ist dem Austausch gewidmet. Das neue Produktionshaus soll auch ein sogenannter »Dritter Ort« zum Austausch mit der Stadtgesellschaft und der Region sein. Annette Dabs kann sich in diesem Zusammenhang vieles vorstellen: »Es könnte ein Begegnungscafé geben, Menschen aus der Stadt könnten die Residenzler treffen. Die Bibliothek der Fidena könnte einziehen. Es könnten Diskussionen stattfinden. Und auch Gruppen wie Chöre oder Karnevalsvereine, die schon vorher den Kirchenraum genutzt haben, könnte man weiter willkommen heißen.«
Positive Signale aus der Kulturpolitik
Würde man die Pläne so umsetzen wie in der Machbarkeitsstudie ausgearbeitet, würde das einen zweistelligen Millionenbetrag erfordern, den die Projektleiterin in diesem frühen Stadium noch nicht konkreter beziffern möchte. Es gibt allerdings schon Signale aus der Kulturpolitik von Stadt und Land, die an der Umsetzung interessiert sind. »Wenn man dieses Jahr zu einer Entscheidung kommen würde, könnten wir in fünf Jahren starten«, schätzt Annette Dabs. Das »Wir« ist in diesem Fall allerdings noch etwas unbestimmt, weil sie selbst keine Leitung der Institution anstrebt, eher im Hintergrund für ihre Entstehung wirken möchte.
Wegen der Betriebskosten, die eine solche Produktions- und Aufführungsstätte mit europaweiter Ausstrahlung benötigen würde, denkt der Lenkungskreis über Synergieeffekte nach. Denkbar wäre, dass die bereits bestehenden und öffentlich finanzierten Figurentheater-Institutionen in Bochum in das neue Zentrum aufgehen würden. Für die Fidena, die traditionell in Räumen in einem Stadtteil im Süden Bochums arbeitet, würde die Innenstadtlage durchaus eine Verbesserung bedeuten.
Annette Dabs ist wichtig, dass »Puck« auch ein wichtiger Ort für die freie Theater-Szene in Bochum wird, die durchaus umtriebig ist, aber oft außerhalb des Stadtraums produziert und aufführt. »In einem Modellspielplan kämen ein Drittel der Aufführungen von den Residenzen, ein Drittel aus Gastspielen inklusive Vorstellungen für Kinder und ein Drittel von der freien Szene der Stadt und der Region.«
Dafür dass ihr schon sehr konkret gewordener Traum Wirklichkeit wird, sieht Annette Dabs gute Anzeichen: »Wir haben das Glück, dass Figurentheater gerade total im Aufwind ist.« Sie beobachte immer öfter die Integration von Puppen-, Objekt- oder Materialtheater an städtischen Bühnen, ein wachsendes Interesse an der Kunstform durch die virtuellen, digitalen Welten. »Und auch Fragen nach Identität kann man mit dieser Kunstform neu und anders durchspielen.« Bei großen Festivals wie den Ruhrfestspielen oder den Wiener Festwochen sei Figurentheater mittlerweile fester Bestandteil – und beim Heidelberger Stückemarkt gibt es seit 2025 den Fidena-Stückepreis. Die Zeichen stehen also gut für »Puck«.
Das Festival Fidena findet wieder vom 13. bis 20. Mai in Bochum und Umgebung statt. Dann zum ersten Mal mit einem neuen Duo an der Spitze: Helene Ewert ist Geschäftsführerin und Christofer Schmidt Künstlerischer Leiter.
Auch das wandernde Festival Manifesta 16, das ab 21. Juni im Ruhrgebiet stattfindet, hat als Schwerpunktthema Kirchen-Umnutzungen und wird in der Christ-König-Kirche in Bochum Programm machen.






