Was für einen Unterschied macht es, Literatur laut zu hören, sie gemeinsam zu erleben statt sie still für sich zu lesen? Welche Rolle spielt sie auf der Bühne? Mit diesen Fragen will sich »kindly invited« beschäftigen, ein neues Literaturfestival, das die Kunststiftung NRW mit Kuratorin Svenja Reiner und der Leiterin des Kölner Literaturhauses Bettina Fischer vom 25. Februar bis 1. März an den Start bringt: In der Comedia soll gemeinsam gelesen und diskutiert, aber auch Karaoke gesungen und getratscht werden.
kultur.west: Frau Reiner, wie entstand die Idee, ein Festival der Literatur auf der Bühne zu widmen?
SVENJA REINER: Bei »kindly invited« kommen unterschiedliche Motivationen zusammen: Als Literaturvermittlerin und -kuratorin interessiert mich vor allem die Liveness von Literatur, also die Momente, in denen sie auf die Bühne kommt. In Veranstaltungen, wie sie das Literaturhaus Köln wöchentlich ausrichtet, wird Literatur zu einer sozialen Praxis: Ein Publikum kommt zusammen und erfährt den Text gemeinsam – und nicht, wie beim Buch, in stiller Lektüre. Darin liegt ein großes Potenzial: Über Inszenierungsstrategien lässt sich die Zugänglichkeit von Texten erhöhen, lassen sich Gefühle von Zugehörigkeit und Teilhabe stiften. Das ist nicht zuletzt vor dem Hintergrund aktueller Entwicklungen auf dem Buchmarkt relevant, auf dem die deutschsprachige Gegenwartsliteratur mit Verkaufsrückgängen zu kämpfen hat. Literaturveranstaltungen sind immer auch Einladungen an eine zukünftige Leser*innenschaft. All das waren Gründe, um sich nun gemeinsam in Köln zu treffen, sich auszutauschen und voneinander zu lernen: in einem Symposium, bei dem Literaturveranstalter*innen und Vermittler*innen aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, der Schweiz, Österreich, Polen, Norwegen und Slowenien zusammenkommen. Und in einem abendlichen Festivalprogramm, das spannende Veranstaltungsformate auf die Bühne bringt, Formen künstlerischer Barrierefreiheit erprobt, sich mit Musik, Tanz und Performance verbindet und Experimente wagt.
kultur.west: In der Unterzeile geht es um nichts weniger als um die Zukunft der Bühnen-Literatur – das klingt ein wenig, als sei sie in Gefahr?
REINER: Die freie Szene, zum Beispiel unabhängige Lesereihen, ist ein wichtiger Teil des Angebots, und deren Arbeit ist von Etatkürzungen bedroht. Darüber hinaus verzeichnen aber auch Institutionen wie Literaturhäuser inflationsbedingte Kostensteigerungen, die nicht selbstverständlich durch öffentliche Fördergelder ausgeglichen werden. Bis zuletzt war unklar, ob der »Open Mike« in Berlin finanziert wird, dem Literaturhaus Leipzig droht das Geld auszugehen – die finanzielle Zukunft von Live-Literatur ist daher auch ein Thema des Symposiums. Hinzu kommt die zunehmende Bedrohung durch rechte Kulturpolitik. Wir müssen Bündnisse schließen und stärken für diese Auseinandersetzungen, wollen aber auch über das Entwicklungspotenzial von Literaturveranstaltungen sprechen und uns die Zeit nehmen, die im betrieblichen Alltag oft fehlt: für den Austausch über Publikumsansprache, digitale Veranstaltungen, Formate im öffentlichen Raum, literarische Gastfreundschaft, ästhetische Barrierefreiheit oder die Inszenierung von Mehrsprachigkeit und Übersetzung.
kultur.west: Das Festival wird mit Saša Stanišić eröffnet, dessen Werke oft auf Bühnen zu sehen, aber eigentlich nicht speziell für sie geschrieben sind. Warum haben Sie ihn zum Auftakt ausgesucht?
REINER: Mit Saša Stanišić konnten wir einen Autor gewinnen, der nicht nur großartige Texte schreibt, sondern jede Lesung zu einem einzigartigen Ereignis macht. Nicht nur in seinen Romanen und Erzählungen finden sich zahlreiche Motive und Szenen der Gastfreundschaft, auch auf der Bühne ist er ein perfekter Gastgeber: Er öffnet Türen und bittet herzlich herein, schafft Raum für ungezwungene Zusammenkünfte und ehrliche Gespräche.
kultur.west: Wer und was genau wird in Köln »kindly invited«, also herzlich eingeladen, sein?
REINER: Eingeladen sind: Vielleser*innen. Abopublikum. Diejenigen, die sich vornehmen, mehr zu lesen, und jene, die es im Alltag nicht schaffen. Alle, die lieber Hörbücher hören oder angesichts der vielen Neuerscheinungen den Buchladen wieder verlassen. Sie sollten kommen, wenn sie Lesungen lieben – aber auch, wenn sie noch nie auf einer waren. Im Festival gibt es Formate, in denen mehr gesprochen wird, aber auch Programmpunkte, die sich ganz auf das geschriebene Wort konzentrieren. Es wird auf Deutsch, Englisch und Französisch gelesen und übersetzt. Außerdem bieten wir Übersetzungen in der Deutschen Gebärdensprache an. Ich würde sagen: Es ist für jede*n etwas dabei!
kultur.west: Welche Autor*innen stehen sonst noch auf dem Programm?
REINER: Wir freuen uns auf bereits etablierte Autor*innen wie Terézia Mora, Rasha Khayat, Daniela Dröscher, Gabriele von Arnim und Sasha Marianna Salzmann. Auf neue Stimmen wie Alisha Gamisch, Raphaëlle Red und Yade Yasemin Önder, sowie auf internationale Gäst*innen wie Athena Farrokhzad, Tünde Malmövölgyi und Fabrice Melquiot. Mit Kaleb Erdmann, Miedya Mahmod und Svea Mausolf sind außerdem Autor*innen aus Köln und dem Rheinland vertreten.
kultur.west: Und was für experimentelle Formate sind geplant?
REINER: Wir experimentieren mit Livemusik und Karaoke, mit Food-Performances, Linsensuppe und Sekt. Es gibt zwei Formate im öffentlichen Raum. Ein Talkformat über Gossip. Und wir haben eine literarische Girlband eingeladen!

Zur Person
Svenja Reiner schreibt, denkt und forscht über Literaturpolitik, Kulturwissenschaften, Pop und Fans. Sie studierte Anglistik/Amerikanistik, Wirtschaftswissenschaften, Internationales Kunstmanagement sowie Musikwissenschaften und arbeitet als Wissenschaftlerin und Literaturvermittlerin in Köln. Nach Stationen an der Hochschule Osnabrück und dem Institut für Kulturpolitik leitete sie von 2022 bis 2024 das Literarische Forum für feministische Stimmen, das die Literaturförderung in NRW untersuchte. Sie wurde mit den Münchner Förderpreis für deutschsprachige Dramatik 2016 ausgezeichnet und schreibt dramatisch, lustig, wissenschaftlich und in Bücher – zuletzt für die Anthologie »Flexen. Flâneusen* schreiben Städte« (Verbrecher Verlag). Zusammen mit Son Lewandowski gründete sie »Insert Female Artist«. Das Team kuratierte zwei Festivalausgaben 2019 und 2021, dazu mehrere Veranstaltungen, Reihen und Diskursprogramme. In ihrem gemeinsamen Podcast »temporär&prekär« sprechen sie über literaturpolitische Themen wie Förderpolitik, Aus- und Weiterbildung.
25. FEBRUAR BIS 1. MÄRZ 2026
COMEDIA THEATER, KÖLN






