Das TheatreFragile macht in Detmold mehr als Maskentheater. In ihren Stücken geht es für das Publikum auf Reisen – auf Straßen, Plätze und manchmal in den Wald.
Wer sie sieht, liebt und leidet mit ihnen: die Masken des TheatreFragile. Es entsteht ein zartes Band zwischen dem Publikum und diesen auf den ersten Blick ausdruckslosen Gesichtern, mit denen die Performer*innen der Theatergruppe agieren. Denn jede*r kann in ihnen sehen, was er möchte. Sie bilden eine Projektionsfläche für das Empfinden des Publikums und geben – anders als die Mimik von Schauspieler*innen – keine Deutung vor. Diese poetische Empfindung steht in einem krassen Gegensatz zu den gesellschaftspolitischen Themen, die das TheatreFragile angeht: Flucht, Einsamkeit, Klimawandel. Aber genau das ist der Ansatz: »Es ist seltsam, wie man von einem Thema wie Flucht dann doch wenig berührt ist, wenn man es nur in den Medien sieht«, sagt Marianne Cornil. »Deshalb wollten wir uns physisch damit auseinandersetzen und uns eingängig damit beschäftigen. Um dann, nachdem wir uns haben berühren lassen, auch wieder Menschen zu berühren.«
Cornil leitet das TheatreFragile gemeinsam mit Luzie Ackers, die ergänzt: »Es ist unser Wunsch, uns mit unseren Stücken gesellschaftlich zu engagieren. Die Themen wählen wir nach dem Gefühl von Wichtigkeit aus.« Nach einem Studium der deutschen Sprache und Kultur an der Pariser Sorbonne, kam Marianne Cornil im Jahr 2000 nach Berlin, wo Luzie Ackers Kulturwissenschaften studierte. Kennengelernt haben sich die beiden bei einer Ausbildung zum Physischen Theater an der »Etage«, einer Schule für Darstellende Künste in Berlin, wo sie beim Unterricht zur Commedia dell’arte erste Masken gestalteten. Marianne Cornil landete noch während der Ausbildung bei der Masken-Theatergruppe Familie Flöz.

Luzie Ackers erzählt, dass sie schon als Kind bei einem Puppenspieler – einem guten Freund ihrer Eltern – viele Stunden in der Werkstatt verbracht hat. »Im Wunsch unserer Zusammenarbeit sind die Masken geblieben«, meint Marianne Cornil. »Es war keine lange Suche, sondern es war einfach da«, erinnert sich Luzie Ackers. Auf Bühnen oder in geschlossenen Theaterräumen wollten sie aber nicht spielen, die Interaktion mit dem Publikum ist ihnen zu wichtig. Und so werden die Zuschauer*innen in ihren Stücken aufgefordert, verlorene Gegenstände aufzuheben oder kurze Texte vorzulesen, ihnen wird Suppe serviert oder sie gehen wortwörtlich mit auf eine Reise. All dies auf der Straße, auf Plätzen, in ganzen Stadtvierteln oder im Wald.
Dabei macht das TheatreFragile weit mehr, als Straßentheater. Den Stücken geht eine intensive Recherche voraus: Interviews mit Expert*innen des Alltags, inzwischen auch Wissenschaftler*innen und eine Recherche vor Ort bilden die Grundlage. »Wir lieben es sehr, uns mit dem Ort zu verbinden und uns die Zeit zu nehmen«, sagt Marianne Cornil, »uns gewissermaßen zu verwurzeln und Nachbar auf Zeit zu werden«. Das war es auch, was die Stadt Detmold bewog, ihnen einen Arbeitsraum zur Verfügung zu stellen. Nach Inszenierungen beim europäischen Straßentheaterfestival in Detmold 2010 und 2012 haben sie seit Februar 2013 ihre künstlerische Basis in einem früheren Hangar im Nordosten der Stadt. Und sogleich haben sie mit »Out of Bounds« den Stadtteil Hohenloh erkundet, in dem sich die Kulturfabrik Hangar 21 befindet. Als ehemaliges Areal der britischen Streitkräfte lässt sich hier große Geschichte im Kleinen erzählen, von Krieg und Vertreibung, aber auch von Heimatverbundenheit.
Die Anwohner*innen waren in die Gestaltung des Audio-Rundgangs eingebunden, ihre Erinnerungen aber auch ihre Ideen für die Zukunft des Stadtteils bilden das Gerüst der Inszenierung, die das Publikum mit Kopfhörern durch das Gebiet führt. Bei dieser Produktion wurde von der App über Wandbilder bis hin zu erzählenden Gegenständen eine Flut von Mitteln eingesetzt, so bewegt sie sich zwischen Installation, darstellender und bildender Kunst. Auch wenn nicht alle der bislang elf großen Inszenierungen von TheatreFragile so aufwendig und die meisten sogar zum Touren geeignet sind, benötigt die Vorbereitung jeweils etwa zwei Jahre.
So arbeiten sie schon jetzt – neben dem Spielbetrieb der bestehenden Stücke und den Workshops, die sie geben – an ihrer neuen Produktion für den Herbst 2027, bei dem es um die Perspektiven Jugendlicher gehen wird. Dazu zählen die beiden Leiterinnen ganz bewusst auch die Antragstellung für die Gelder, die ihre Projekte zusätzlich zur Konzeptionsförderung Freie Darstellende Künste des Landes Nordrhein-Westfalen finanzieren – die eigenen Ideen zu formulieren, helfe, sie zu reflektieren und zu konkretisieren.

Ausgehend von Interviews, die Marianne Cornil mit Personen führt, wird dann ein Mosaik aus O-Tönen, Musik, Bühnenbild, Maske und Kostüm mit einem Kernteam und eventuell anderen Akteur*innen entwickelt. Für die Proben treffen sie sich immer wieder in Detmold, nehmen Impulse auf – als »gemeinsames Wachsen« beschreibt es Luzie Ackers. »Wir setzen das ganz bewusst ein und lassen dem auch Zeit«, erläutert Marianne Cornil.
Was jeweils entsteht, ist sehr unterschiedlich, meist gibt es eine über Lautsprecher oder Kopfhörer eingespielte Audiospur, die Performer*innen bleiben stumm, nutzen ihre Körpersprache und natürlich die Masken. Deren Gestaltung hat sich im Laufe der Zeit gewandelt: Waren sie zu Beginn noch sehr klassisch, sind sie bei dem Stück »Closer« aus dem Jahr 2024 zum Thema Einsamkeit entweder übergroße, abstrahierte Styroporgesichter oder hauchzarte Silikonmasken, die nur über eine Schiene im Mund gehalten werden. Auch die Masken werden während der Entwicklung der Stücke entworfen und wieder verworfen, bis sich das Team damit identifizieren kann. So haben sie bei »Wir treffen uns im Paradies«, das gemeinsam mit Geflüchteten kreiert und performt wurde, graue Masken ohne Mund und Nase entwickelt. »Weil sie kein Mitspracherecht haben, weil sie wenig Platz zum Atmen haben, weil sie als Schattenfiguren der Gesellschaft tituliert werden«, sagt Luzie Ackers. »Ihre Augen sind aber sehr präsent, weil sie die Welt mit großen Augen anschauen und Erwartungen haben.«
Neben dem hohen ästhetischen Wert bedeuten die von Luzie Ackers gebauten Masken für die beiden künstlerischen Leiterinnen einen »radikalen theatralen Einschnitt im öffentlichen Raum«. Sie ermöglichten eine Verwandlungsfähigkeit und Universalität, nicht mit dem eigenen Gesicht als Spieler*in auftreten zu müssen, weg vom Persönlichen und Privaten. Dabei, so sind sie sich einig, bringen die Maske und das Spiel ohne gesprochene Sprache keine Distanz, sondern mehr Empathie für die dargestellten Figuren. »Es ist eine Sprache, die weniger intellektuell ist, mehr menschlich, von Körper zu Körper«, meint Luzie Ackers, »es hat eigentlich etwas Mystisches.« Nur wer ganz genau hinschaut, kann dieses Mystische entschlüsseln: Die Masken haben zwei Gesichter. Je nachdem, welche Seite die Spielenden dem Publikum zuwenden, drücken sie eine andere Emotion aus.






