Wem gehört die Stadt? Und wem gehört das Theater? Dass diese beiden Fragen zusammengedacht werden müssen, zeigt eine neue Stellenbeschreibung: Die »Stadt-Dramaturgie« wertet Vermittlungsarbeit und Öffnung der Stadttheater stark auf.
»Wir machen Theater für die Stadt.« Das ist ein Satz, der seit einigen Jahren vermutlich in beinahe jedem Programmkonzept einer neuen Intendanz zu lesen und auf vielen Programmpressekonferenzen zu hören ist. Es gibt das Konzept der Bürgerbühne, die mehr Beteiligung der Bürger*innen mit ihren Erfahrungen und Perspektiven erwirkt. Es gibt verstärkt Vermittlungs- oder theaterpädagogische Projekte, die gezielt junge, ältere oder anderweitig gruppendefinierte Menschen ansprechen. Netzwerk-Arbeit, Partizipation und Zuschauer*innenakquise ist im 21. Jahrhundert fester Bestandteil der deutschsprachigen Stadttheaterlandschaft. Mit Beginn einiger Neuintendanzen in NRW taucht aber ein neuer Begriff im Spielplan auf: die Stadt-Dramaturgie.
In Dortmund unter der Schauspielintendanz von Julia Wissert – dort wird das Wort »Stadtdramaturgie« übrigens ohne Bindestrich geschrieben – reisen zum Beispiel zwei Ape(lina)s als mobile Spiel- und Bildungsstätten durch die Stadt und werden dank Kaffeemaschine, Bücherregal und Sitzhockern zu Begegnungsorten. »Mit viel Herz bauen wir Gesprächsbrücken zu den Leben der Dortmunder*innen« heißt es in der Selbstbeschreibung. Stadtdramaturgie als »Begegnung von Stadt und Theater – auf Bühnen, Straßen, Plätzen, in Cafés oder Hinterhöfen«.
Hinein ins Zentrum der Programmgestaltung
Auch am Schauspiel Essen gibt es diese Position im Team. Katharina Rösch ist seit Beginn der Intendanz von Selen Kara dort als Dramaturgin und als Stadt-Dramaturgin beschäftigt, jeweils zu ungefähr 50 Prozent. Und genau das ist ein zentraler Aspekt in der Beschreibung und Besetzung dieser Stelle: Als Dramaturgin nimmt Rösch automatisch an vielen Sitzungen teil, in denen konzeptionell für das gesamte Haus geplant wird. In Essen rückt diese Arbeit also strukturell aus der eigenen, isolierten Sparte mitten rein ins Zentrum der Programmgestaltung.
Auch Anna Haas, früher als Dramaturgin unter anderem am Schauspiel Essen und Bochum tätig, heute Transformationsmanagerin Nachhaltigkeit Kultur am Badischen Staatstheater Karlsruhe und Studiengangsleiterin und Dozentin für Dramaturgie an der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, beobachtet eine »extreme Aufwertung« des Begriffs. Die Vermittlungs- oder Netzwerkarbeit werde jetzt ernsthaft als Teil der Dramaturgie betrachtet – und ist damit ein wichtiger Schritt eines größeren Transformationsprozesses. »Die Frage nach der Zukunft von Kulturinstitutionen wird bei all den Spar- und nötigen Renovierungsmaßnahmen immer relevanter«, erklärt Haas. »Was soll aus den großen Gebäuden, aus den 1000-Plätze-Häusern werden, wenn sie dann saniert sind? Müssen wir vielleicht andere, neue Räume schaffen?«
Stadt-Dramaturgie ist nach Anna Haas immer auch der Versuch, Bindung zu schaffen. Da gehe es um Beziehungsarbeit. »Für wen machen wir Theater? Für wen sind die Häuser? Bleiben wir elitär oder fangen wir an, alle Menschen zu repräsentieren?« Diese Fragen würden immer wieder auch im Dramaturgie-Studium diskutiert. Stadt-Dramaturgie ist zwar kein separates Unterrichtsfach, aber die Frage, was Theater in Zukunft sein wird, sei permanent Thema. »80 bis 90 Prozent der Kulturförderung fließt in die großen Häuser. Da reicht es nicht, nur gute Kunst zu machen. Wir müssen Barrieren abbauen.«
Dass sich die Häuser als weiße Kulturinstitutionen vermehrt kritisch hinterfragen, sagt auch Katharina Rösch. »Theater sind für viele Menschen nicht sehr einladende Orte, und kulturelle Teilhabe ist nicht für alle möglich. Aus der Motivation heraus, das zu ändern, arbeiten wir in der Stadt-Dramaturgie.« Und eben diese Prozesse, die Öffnung zur Stadt auch in Richtung derjenigen, die sich sonst ausgeschlossen fühlten, sei Teil der jüngeren Geschichte des Theaters.
Hinein in die Nachbarschaft
Die Projekte der Essener Stadt-Dramaturgie finden nicht nur im Rahmenprogramm statt. Das Ensemble hat Teil daran. Als partizipatives Theater-Spektakel im Stadtraum entwickelt Regisseur Christoph Frick zum Beispiel gerade die Produktion »500 Meter«, Premiere ist am 5. Juni. Dafür erkundet das Team die Nachbarschaft des Grillo-Theaters, befragt Sozialarbeiter*innen, Wohnungslose, Barbesitzer*innen oder Menschen, die in der Bäckerei arbeiten. Gut vernetzt zu sein in der Nachbarschaft, sei ihnen wichtig, sagt Rösch. Dafür nimmt sie auch an Stadtteiltreffen beispielsweise der Ehrenamtsagentur teil. Am 28. März öffnet sich das Grillo jetzt bereits im zweiten Jahr »Nur für Frauen*«. Für das transkulturelle Fest arbeitet das Theater mit Frauengruppen und Initiativen aus der Stadt zusammen.
Der Bereich Stadt-Dramaturgie wolle wachsen, meint Rösch. Und sei eigentlich endlos, was Themen und Projektideen angehe. Es brauche allerdings sehr viel Arbeitskraft, und da stoße so eine Institution auch an ihre Grenzen. »Unser Schwerpunkt ist und bleibt das Theater machen«, so Rösch. Strukturell sei man kein soziokulturelles Zentrum. Aber Stadt-Dramaturgie gehe aus von der These, dass das klassische Stadttheater nicht zugänglich sei für alle. »Wir wollen Formate entwickeln, bei denen sich alle Menschen willkommen fühlen.«
Die Räume anders und neu nutzbar zu machen, ist ebenso Ziel des Offenen Foyers. Das hat zum Beispiel Intendantin Marie Johannsen am Rheinischen Landestheater Neuss eingerichtet. Im Jahr 2000 ist das Theater ins ehemalige Horten-Haus in der Innenstadt gezogen. Und seit der vergangenen Spielzeit ist das Foyer nun als »Dritter Ort« tagsüber für die Stadtgesellschaft geöffnet. »Wir wollen den Raum an die Stadt und die Bürger*innen ‚zurückgeben‘«, beschreibt Johannsen die Idee. »Hier gibt es kostenlos Wasser, WLAN und Wetterschutz – für alle, konsumfrei«, heißt es auf der Webseite.
»Wenn unser Auftrag ‚Kultur für alle‘ lautet, dann müssen wir Orte schaffen, an denen Verschiedenes stattfindet«, sagt auch Katharina Rösch. Und laut Anna Haas wird so ein Satz wie »Wir machen Theater für die Stadt« nun endlich inhaltlich gefüllt und ist mehr als eine gutgemeinte Phrase.






