Die 50. Duisburger Filmwoche ehrt den bedeutenden Künstler Thomas Heise und mehrfachen Festivalgast mit »Übergang« von Peter Badel und Chris Wright nach einer Idee des vor zwei Jahren gestorbenen Dokumentarfilmers.
Berlin, Ecke Schönhauser. Die Leere der U-Bahn-Station im nächtlichen Dunkel der großen Stadt, an deren Himmel ein Silvester-Feuerwerk zündet und ihn zu zerreißen scheint. Das zauberische, man möchte sagen: märchenhaft-realistische Schwarzweiß, das der Dokumentarfilmer Thomas Heise gestaltete, begegnet uns in »Übergang« wieder: die tastende Genauigkeit der Kamera, das Gespinst von Bildern und Geräuschen. Atmosphärisch Alltag abbildend und ihn überhöhend. »Übergang« ist – wie alles von Heise – ein Heimatfilm und darin »Ausdruck einer Ahnung«.
»Bilder bedeuten alles am Anfang, sind haltbar, geräumig. Aber die Träume gerinnen, werden Gestalt und Enttäuschung.« Der Text geht viel weiter. Er stammt von seinem väterlichen Freund Heiner Müller aus dem Jahr 1955, dem Geburtsjahr Thomas Heises, für den dieser Film gemacht ist. Heise starb 2024. Einer der großen Künstler der DDR, wie die Fotografinnen Sibylle Bergemann und Helga Paris, wie Uwe Johnson, Thomas Brasch oder Ruth Berghaus.
2013 zeigte das Duisburger Festival »Gegenwart« – Arbeitsprozesse einer Maschinerie der »Sterbekultur«. Das Rhein-Taunus-Krematorium funktioniert als Gefüge von Logistik, Verwaltung, Technik, Apparaten, Schaltplänen und mit den verpackten Leichnamen. Ein Schild verlangt »Bitte Ruhe Trauerfeier«, ein anderes informiert über Vorkehrungen bei »Auslaufprodukten von Särgen«. Die Fachsprache kennt keine Pietät. Alles geht seinen Gang.
2019 lief am Duisburger Dellplatz »Heimat ist ein Raum aus Zeit«, der auch in »Übergang« Eingang findet. Der Zeit-Raum bildet eine Trümmerlandschaft, durchädert von Schmerzspuren. Lebensläufe von vier Heise-Generationen zwischen Berlin und Wien, West und Ost, Politik und Privatheit. Sie erzählen von Schicksalsgefasstheit, Verzweiflung, Hoffnung, Skepsis gegenüber staatlicher Theorie und Praxis. »Ich bin Stein geworden«, heißt es einmal. Wie sonst könnte es auch sein beim Blick auf das Medusenhaupt Deutschland und seine Verhängnisse.
»Übergang« ist auch eine essayistische Summe von Heises Leben und Werk, dem Chronisten, kritischen Bürger, Archäologen und Poeten, Sohn von Rosemarie und des Philosophen Wolfgang Heise. Eine intellektuelle Biografie in Ost-Berlin – also eine anstößige.
Anfänge! In einem Aufsatz von 1965 schreibt der zehnjährige Schüler über das Lügen, was eine Art Selbstkritik sein sollte, wie der erwachsene Thomas amüsiert kommentiert. Wir hören Auszüge aus der Akte, die die Stasi 1981 über den »Verdächtigen«, Student der Hochschule für Film und Fernsehen, im »operativen Vorgang Schule« anlegt. Darin ist die Rede von »Rowdytum« und »Aufsässigkeit«, er wird als »Sonderling« apostrophiert und mit bösen, dummen und falschen Zuschreibungen belegt. Mehrere Spitzel sind auf ihn angesetzt. Die Ironie, sagt die Freundin Pit, mit der sie damals auf die Tätigkeit von Stasi und IM reagiert hätten, ließe sich kaum vermitteln.
Zum Bürokraten-Deutsch gehört der Begriff »Vernichtungsfreigabe«: Ein Film Heises wurde nach seiner Fertigstellung zerstört. Grotesk und idiotisch all das, doch es erzeugt Verletzungen, bleibende. Erzeugt auch Wurzellosigkeit, vielleicht noch durch das jüdische Erbe und sein Schwul-Sein verstärkt. Beim Besuch des KZs Ravensbrück überlegt Heise, dass er als Häftling vermutlich drei Dreiecke: »rot, gelb und rosa« hätte tragen müssen.
Konflikte und Konfrontationen. Heise denkt nach über »die freieste Zeit« der Jahre 89/90, ihr erwartbares Ende und den Veränderungs-Furor. So entsteht der heftig umstrittene »Stau« über die rechtsradikale Szene 1992 – nicht Nachsicht, aber Umsicht zeichnet den Autor aus, den Macht und Ohnmacht und Formen der Gewalt beschäftigen. Das Film-Drehen möge weitergehen nach seinem Tod, lautet ein letzter Wunsch. Appell fürs Am-Leben-Bleiben! Befolgt haben ihn Chris Wright und Peter Badel, die mit Heise befreundet gewesen sind und verbunden in der Arbeit. »Übergang« ist ein eigensinniger, zarter, intimer Film, der Thomas Heise in seiner unpathetischen, souveränen Distanziertheit und klugen Beweglichkeit ganz erfasst. Die Linie der Straßenbahn, die häufig das Leinwandbild kreuzt, könnte Sehnsucht heißen.
DUISBURGER FILMWOCHE, 2. BIS 8. NOVEMBER






