Die Zukunft nehmen viele vornehmlich als Bedrohungsszenario wahr. Dagegen verordnet das Theater an der Ruhr eine radikale Kur: Mit der Veranstaltungsreihe »Utopie 2« setzt Roberto Ciulli den Traum von einer besseren Welt gegen die triste Gegenwart.
Wer zum Theater an der Ruhr pilgert, landet im Mülheimer Raffelbergpark. Einst kurierte man hier in einem Solbad körperliche Gebrechen, heute behandelt ein Ensemble in dem sanierten Kurhaus die geistigen Versteifungen der Gesellschaft. Der Genius Loci könnte kaum passender sein für das, was Roberto Ciulli und sein Team in der zweiten Hälfte der Spielzeit unter dem Titel »Utopie 2« ausrufen: die Heilung durch radikales Wunschdenken.
Dabei ist der Begriff der Utopie hier keineswegs als naive Realitätsflucht zu verstehen. Für Ciulli, den großen alten Mann des deutschen Theaters, ist das Theater per se ein Ort des Widerstands. Mit »Utopie 2« wird dieser Geist nun programmatisch verdichtet.
Den Auftakt macht ein philosophisches Schwergewicht. Mit der Uraufführung »Wir Nietzsche« (Premiere am 20. Februar) wagt Ciulli den Versuch, Friedrich Nietzsche von der braunen Patina zu befreien, die ihm seine Schwester durch Fälschungen auftrug. Ciulli interessiert sich für den Jünger des Dionysos, den Gott des Rausches.
Dass Utopie sich aber auch an der härtesten Realität reiben muss, beweist ein Gastspiel am 22. Februar: Das Kölner Kollektiv Futur3 bringt mit »Making the Story« den Krieg in der Ukraine auf die Bühne. Das Stück rückt die sogenannten »Fixer« in den Fokus. Das sind jene einheimischen Ortskundigen, ohne die internationale Korrespondent*innen blind wären. Sie organisieren, übersetzen und riskieren ihr Leben an der Frontline. Basierend auf Interviews und einer Recherche-Reise, fragt das Stück nach den postkolonialen Strukturen der Berichterstattung und dem Ethos der Wahrheit.
Stiller, aber nicht weniger eindringlich ist Peter Handkes Stück »Über die Dörfer« (Premiere am 14. März). In dem »dramatischen Gedicht«, das seine Uraufführung 1982 bei den Salzburger Festspielen erlebte (unter der Regie von Wim Wenders), holt Ciulli eine Vision auf die Bühne, die beinahe wie ein Märchen aus alter Zeit wirkt: die Utopie vom ewigen Frieden. In einer Landschaft, die von Betonhallen gepflügt wurde und in der nur noch das Geld regiert, erscheint die Figur der Nova.
Mit »Wie Küsse, wie Schnee« (Premiere am 7. März) begibt sich das italienische Kollektiv Anagoor auf eine Bühnenreise ins Mittelalter – die Lobgesänge der Hildegard von Bingen stehen im Zentrum der Produktion. In ökologisch unwirtlichen Zeiten wirkt die Vision der Heiligen von einer unzerstörbaren pflanzlichen Kraft wie ein Manifest gegen die Gleichgültigkeit.
Gleich zwei Produktionen von »Utopie 2« widmen sich am 26. Februar der Verbundenheit. »Das Band. Freundschaft als Lebensform« untersucht die Freundschaft als freiwillig gewählten Halt in einer Welt der Vereinzelung. Flankiert wird dies von Alina Sobottas Inszenierung »Kein Ort. Nirgends« nach Christa Wolf. In einem fiktiven Salon treffen Heinrich von Kleist und Karoline von Günderrode aufeinander – zwei Seelenverwandte, die an der Realität scheiterten, aber im Theater einen Möglichkeitsraum finden.
Eingebettet ist die auf das utopische Potenzial des Theaters zielende Reihe in die generelle Ausrichtung einer Bühne, die sich seit ihrer Gründung 1980 als »Insel« verstand, von der aus man zu neuen Ufern aufbricht. Mit »Utopie 2« wird das Publikum nun mehr denn je zum Komplizen gemacht. »Runter vom Sofa, rein ins Theater!«, heißt es umstandslos im Programmheft. Ein Appell, der an Deutlichkeit und Dringlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt.
»UTOPIE 2«, THEATER AN DER RUHR, MÜLHEIM AN DER RUHR
20. FEBRUAR BIS 26. APRIL






