Im dritten Jahr seiner Ruhrtriennale-Intendanz bereitet Ivo Van Hove der Musik von David Bowie eine Bühne. Ein Gespräch über Idole, Begegnungen mit dem Sänger in New York, Bowies »power of authority« und über die überwindende Kraft der Liebe.
Zeitgenossenschaft ist ein gehaltvoller Begriff: Er enthält Weltläufigkeit, das Akute und Vitale wie auch die Idee der Brüderlichkeit. Er bezeichnet Interesse am Gegenwärtigen, das aber ohne Wertschätzen von Tradition nicht produktiv wird. Ivo Van Hove, beheimatet in Belgien und den Niederlanden, aber künstlerisch in Amsterdam und Antwerpen ebenso zuhause wie in Paris und Madrid, London und New York, ist ein Kosmopolit der Künste, der Euripides und Sophokles, Shakespeare und Marlowe, Arthur Miller, John Cassavetes, Ingmar Bergman und und und inszeniert (hat). »Sehnsucht nach Morgen«, als Motto seiner dreijährigen Ruhrtriennale, meint ein Selbstverständnis, das Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gemeinsam in den Blick nimmt.
Übrigens begann seine Karriere jenseits etablierter Theaterspielorte. Mit 21, 1980, habe er im Hafen von Antwerpen eine unaufgeputzte Halle, groß wie die Jahrhunderthalle, für seine erste Inszenierung genutzt. »Da haben wir unseren Stil entdeckt, inspiriert von der Performance Art, auch von Peter Stein und seiner ,Orestie‘ in Berlin, auch von Peter Zadek – wow!, seine Lulu, unglaublich, roh und nicht sauber«.
Echo-Räume bis ins Heute
Lässt sich für den Intendanten die Erwartung ans Morgen noch als sehnsüchtig beschreiben? Van Hove: »Immer noch mehr. Bereits vor vier Jahren, mit Beginn von Russlands Krieg gegen die Ukraine, musste ich erkennen, wie sich Gewalt als legitimes Mittel etabliert, um politische Ziele zu erreichen. Diese Realität ist seither noch gewachsen, so dass darin die Gefahr der Akzeptanz liegt, gegen die wir uns wehren müssen. Und ich sehe, dass Künstler*innen darauf künstlerisch reagieren, nicht direkt als politisches Theater, eher in dem Sinn, dass Politik etwas ist, dass die Polis betrifft, also die Gemeinschaft.«
Im Rückblick auf die vorigen Festivalsaisons bewegten sich auf der Zeitachse Produktionen wie Kiril Serebrennikows »Legende«, Łukas Twarkowskis »Oracle« und »Guernica Guernica« von FC Bergman, die historische Figuren, Motive, Stoffe und Ereignisse ins Präsens brachten, um ins Futur zu weisen. Vorausschauend auf die aktuelle Saison gilt diese Perspektive auch: etwa für »Deutscher Herbst«, der vom Nachkriegsjahr 1946 den Echo-Raum über 1977 bis ins Heute öffnet und Mentalitäten und Umbrüche markiert. Und gilt für »Europa« als Tragödie und Traumastoff, der sich fortschreibt über Generationen. Dass das Festival mehrfach Projekte aus dem östlichen Europa einlud, wie in diesem Sommer des aus Polen stammenden Krzysztof Warlikowski mit dem Novy Teatr Warszawa, belegt die dringliche Integration des Kontinents.
Ivo Van Hove betont dies noch: »Es ist eine neue alte Dimension, nur hatten wir sie fast vergessen. So wie wir jetzt Acht geben müssen, nicht die Ukraine wieder zu vergessen und sie aus den Nachrichten verdrängt zu sehen wegen aktuellerer Krisenherde, was auch ein Problem der Mediatisierung ist und ohnehin ein menschlicher Faktor, der so funktioniert. Vergleichbar mit dem Vietnam-Krieg, ich bin ja Kind dieser Zeit, heranwachsend in den sechziger Jahren, damals gab es dieses Phänomen des Verschwindens aus der öffentlichen Wahrnehmung. Ich bin jetzt gerade in New York, wo die Angst mit Blick auf den Iran die eines zweiten Irak-Kriegs ist – oder eines zweiten Vietnam.«
New York ist die Stadt, in der Van Hove vor zehn Jahren David Bowies Musical »Lazarus« uraufgeführt hat: Im Dezember 2015 war die Premiere. Er habe als einziger im Team gewusst, wie krank Bowie war, der, wenn er sich gut fühlte, oft zu den Proben gekommen sei. Schon geraume Zeit zuvor hätten sie beide intensiv an dem Projekt gearbeitet, wobei Bowie nie seine »power of authority« ausgespielt habe. Über kritische Anmerkungen und dramaturgische Fragen habe er nachgedacht, um sie dann zu diskutieren und auch zu akzeptieren. »Sein Traum war es, Musik für Theater zu schreiben«, habe er ihm gegenüber bekannt.
Fassbinder, Chéreau und Bowie
War Ivo Van Hove überhaupt von Beginn an klar, dass er drei musikalische Openings inszenieren würde? »Ja, das war so geplant, aber nicht klar, welche genau. PJ Harvey mit Sandra Hüller stand fest. Frank Sinatra / Nina Simone noch nicht. ‚Watertown‘ war für mich eine zufällige Entdeckung, dieses kaum bekannte wunderschöne Sinatra-Konzeptalbum, das er als sein intimstes betrachtet hat. Beim Nachdenken bin ich dann auf die Kombination mit Nina Simone gekommen. Und jetzt ‚Rebel Rebel‘ mit Bowie, die Idee besteht schon lange und hat gar nichts mit seinem zehnjährigen Todestag zu tun.«
Mit ihm verbindet er »das stärkste persönlichste Band. Ich hatte drei Idole, Rainer Werner Fassbinder – auf jeden seiner Filme in den siebziger Jahren habe ich regelrecht gewartet. Sein Tod war für mich ein Schock. Dann Patrice Chéreau, zu dessen Aufführungen in Paris ich oft gefahren bin, obwohl ich ganz wenig Geld hatte, und es danach direkt wieder zurückging. Und Bowie.«
Van Hove hat 35 Songs ausgewählt, von verschiedensten Alben, angefangen mit dem ersten aus den Sixties (»für mich eine Offenbarung«), mal weniger bekannte Songs und mal sehr berühmte. Jedes Lied mache Sinn für die Geschichte und ihr Ziel. Im Song »Rebel Rebel« lautet eine Zeile: »You’ve got your mother in a whirl / She’s not sure if you’re a boy or a girl«. Darin steckt das uneindeutig Chamäleon-hafte, das Bowie verkörpert, von Ziggy Zardust über den White Duke und Berliner Prinzen der Nacht bis zur absoluten Pop-Ikone. Vom Außenseiter zum Mittelpunkt. Der sich die Freiheit nahm, wie Thomas Mann sagt, »im Gleichnis leben zu dürfen«. Identität im Rollenspiel.
»Die Liebe überwindet alles«
Ist das Changierende, Ambivalente das, was Van Hove an Bowie interessiert? »Ja, klar, einer seiner bekanntesten Songs heißt ‚Changes‘. Für Bowie galt: Wir müssen nicht sein, was wir sind. Wir können uns selbst kreieren. Können selbst entscheiden.«
Bowie habe »das Leben als mögliche Reise« betrachtet: von einer Station zur nächsten, ohne zu wissen, wann der Endpunkt erreicht sein wird. »Diese Sicht ist für unsere Inszenierung wichtig, sie beginnt an einem dystopischen Punkt, vage orientiert an Orwells ‚1984’. Situiert in einer Stadt, in der alles verboten ist: Liebe, Freundschaft, Kontakte, und die von einer aggressiven Gang terrorisiert wird. Viele Bowie-Songs handeln davon, dass Individuen keinen Platz haben in einer gesellschaftlich brutalen Umgebung und sie ihn sich erkämpfen müssen. Es gibt einen pessimistischen jungen Mann und eine eher optimistische junge Frau, die vielleicht auch ein Mann sein könnte, das bleibt im Ungefähren. Das Finale mündet für mich in das berühmte aus dem Lateinischen überlieferte Wort: Amor vincit omnia. Die Liebe überwindet alles.«
Ein wenig erinnert das an eine zugespitzte »West Side Story«, das Musical von Leonard Bernstein und Stephen Sondheim, das Sie auch schon inszeniert haben? »Stimmt, das ist mein Thema«. Die Selbstermächtigung des Anderen, des Außenseiters, des ‚Unreinen’: Van Hove findet es bei Fassbinder und bei Chéreau, auch bei Tennessee Williams, Pasolini, Visconti, Tony Kushner, deren Stücke und Stoffe ihn beschäftigt haben.
Im Video zu dem Song »Lazarus« schwebt Bowie aus seiner Matratzengruft davon, halluziniert wie in der Zeitschmelze sein jüngeres Ich und transzendiert den eigenen Tod. Es ist nicht alles zu Ende. Hat Van Hove ihn so erlebt? Er zögert, es sei für ihn sehr »schwierig«, davon zu sprechen. Er habe David Bowie motiviert, den Lazarus-Song im Musical-Ablauf so zu platzieren, dass man das Grundproblem der Figur verstünde: zu sterben. »Look up here, I’m in heaven«, heißt die erste Zeile. Im Nachhinein ist das wie ein Testament. Emotional sei es für ihn bis heute unmöglich, das Album »Blackstar« zu hören. »Und das Video zu Lazarus musste ich nach 15 Sekunden abschalten. Es war für mich zu viel. Unglaublich, wie jemand es geschafft hat, den eigenen Tod in Kunst zu verwandeln.«
Zur Person
Ivo Van Hove, geboren 1958 in belgischen Heist-op-den-Berg, begann 1981 seine Karriere. Er war unter anderem Künstlerischer Direktor der Toneelgroep Amsterdam (heute: International Theater Amsterdam) und auch des Holland Festival. In mehr als vier Jahrzehnten entstand eine gewaltige Zahl an Inszenierungen für das Sprech- und Musiktheater, darunter in London, Madrid, Paris und New York, in Berlin, Hamburg und München ebenso für Festivals wie Avignon, Edinburgh und Wien. Als Intendant leitet er die Ruhrtriennale 2024-2026.
»REBEL REBEL«
20., 22., 23., 25.-27., 30. AUGUST, 1., 2. SEPTEMBER
JAHRHUNDERTHALLE BOCHUM






