Schon vorab steht fest: Den Literaturpreis Ruhr wird diesmal sicher eine Frau bekommen. Drei Debüts und zwei Werke bisheriger Preisträgerinnen stehen diesmal auf der Shortlist.
»… diesmal müssen wir gar nicht gendern«, ist im Newsletter des Literaturbüros Ruhr zu lesen, in dem die Shortlist für den Literaturpreis Ruhr verkündet wird. Fünf Autorinnen sind mit ihren aktuellen Werken für den mit 15.000 Euro dotierten Hauptpreis nominiert, der vom Regionalverband Ruhr (RVR) und dem Literaturbüro verliehen wird: Çiğdem Akyol, Annika Büsing, Ines Habich-Milović, Judith Kuckart und Mascha Unterlehberg. Ihre zwischen dem 1. Mai 2024 und 30. April 2025 veröffentlichten Bücher verhandeln auf ganz unterschiedliche Weise Fragen von Herkunft, Familie und Identität. Es sind Themen, die nicht nur das Ruhrgebiet prägen, und doch handeln die Erzählungen alle in dieser Region oder sind dort entstanden. Denn Voraussetzung für die Nominierung ist ein solcher regionaler Bezug: Der Literaturpreis Ruhr rückt seit 1986 das literarische Schaffen in und über das Revier in den Fokus. Die Jury besteht in diesem Jahr aus Christa Becker-Lettow (RVR), der Journalistin Cathrin Brackmann, dem Kabarettisten und Autor Frank Goosen, dem Literaturwissenschaftler Peter Goßens und dem Buchhändler Patrick Musial. Sie haben gleich drei Debüts sowie zwei Werke von Preisträgerinnen der letzten Jahre auf die Shortlist gesetzt.
Zwischen Istanbul und Herne
»Geliebte Mutter – Canım Annem« ist der erste Roman von Journalistin und Korrespondentin Çiğdem Akyol. Es geht darin um eine Familie zwischen Istanbul und Herne in Almanya, enttäuschte Hoffnungen, Gewalt und Sehnsucht nach Freiheit. »Furchtlos und sprachlich virtuos« schätzt die Jury die Erzählung ein. »Dein Vater hat die Taschen voller Kirschen«, der erste Roman von Autorin und Regisseurin Ines Habich-Milović, beleuchtet ebenso die Zerrissenheit einer Familie zwischen zwei Kulturen im Ruhrpott und in Montenegro. Ein Punkt, an dem sich die Bandbreite der nominierten Werke zeigt: Habich-Milović schrieb bislang Theaterstücke und bedient sich auch in diesem Roman vieler szenischer Eindrücke. Einfühlsam umschreibt sie so, was die Figuren einander nicht sagen können, und macht ihre Erzählerin mitunter zur Regisseurin möglicher Szenen. Das dritte Debüt legt Autorin Mascha Unterlehberg mit »Wenn wir lächeln« vor. Es ist eine Coming-of-Age-Geschichte, die laut Jury »mitreißend das Erwachsenwerden zwischen Wut, Schwesternschaft und Sehnsucht« erzählt.
Die anderen beiden Nominierten hingegen haben den Literaturpreis Ruhr bereits in der Vergangenheit bekommen: Die Autorin und Regisseurin Judith Kuckart ist im Vergleich zu den anderen am längsten im Geschäft und bereits vielfach ausgezeichnet – unter anderem 2009 mit dem Literaturpreis Ruhr. Nun legt sie einen autofiktionalen Roman vor oder, in den Worten der Jury, »eine zarte und gleichzeitig kraftvolle Einladung zu einem poetischen Tanz durch ein ‚normales‘ Leben entlang des großen Weltgeschehens seit den 1960er Jahren«. Hier werden Lesende mit großer Sicherheit auch eigene Erinnerungen wecken.
Annika Büsing wurde wiederum 2022 für ihr Debüt »Nordstadt« mit dem Literaturpreis Ruhr ausgezeichnet. »Wir kommen zurecht« ist ihr dritter Roman, der der Autorin und Lehrerin nun eine erneute Nominierung einbringt. »Ein leises Buch, das noch lange nachhallt«, umschreibt die Jury die Coming-of-Age-Geschichte eines Teenagers, dessen Familie mit der psychischen Erkrankung der Mutter umgehen muss. Ob einer der Debütromane die Auszeichnung erhält oder es eine erneute Preisträgerin geben wird, wird bei der Verleihungsgala am 10. September im Lehmbruck Museum in Duisburg verkündet.