Die Bochumer Redakteurin und Autorin Brigitta M. Schulte hat einen biografisch geprägten Familienroman geschrieben. Der schlanke Band steckt voller historischer Details und spürt eindrucksvoll dem Schicksal der Ruhrpolen über mehrere Jahrzehnte nach.
Ende des 19. Jahrhunderts benötigen die Fabriken im Ruhrgebiet massenhaft Arbeiter. Zuzanna und Adam versuchen hier Fuß zu fassen: Der Armut in ihrer polnischen Heimat sind sie entflohen und auch wenn sie um die Schwierigkeit des Ankommens in der Fremde wissen, eint sie ihr Wunsch nach einer besseren Zukunft für ihre Kinder. Doch sie entwickeln unterschiedliche Vorstellungen davon, als Adam sich politisch engagiert und Zuzanna von einem Vertiko für ihr Heim träumt.
Über die polnische Herkunft ihrer Urgroßeltern hatte die Bochumer Redakteurin und Autorin Brigitta M. Schulte lange nichts gewusst. In kurzen, die Handlung ergänzenden Passagen sucht sie in ihrem absolut lesenswerten Roman nach Erklärungen. War es Scham, dass ihre Vorfahren die eigene Herkunft lieber verschwiegen? Schließlich geht es in Ruhrgemüse, polnisch auch um soziale Fragen, um Milieuverschiebungen und Klassenzugehörigkeit: Es ist die Zeit der Gewerkschaftsgründungen und besonders Adam zeigt Empathie für die, die es noch schwieriger haben als er und unter den harten Arbeitsbedingungen leiden. Von der Obrigkeit bespitzelt hat er bald das Gefühl, sich zwischen Karriere und Engagement entscheiden zu müssen. Schultes detailliert recherchierte Geschichte fängt die angespannte Stimmung Jahre nach Aufhebung der Sozialistengesetze ein, hebt etwa hervor, wie »entlassen am 2. Mai« sich als Code etablierte, der vor gewerkschaftsnaher Gesinnung warnen sollte. Von einem Auftritt Rosa Luxemburgs im Ruhrgebiet bis zur Gründung des BVBs hält der Roman zudem immer wieder interessante historische Verweise bereit.

Die ersten Kapitel konzentrieren sich auf wenige Jahre im Leben der Familie, das letzte umfasst die Jahre 1909 bis 1931. Von Beginn an vermittelt eine schlichte und nie lamentierende Erzählweise Nähe zu den Figuren, die im Zuge der zeitlichen Verdichtung zum Ende aber etwas verloren geht. Das ist schade, schmälert jedoch den Beitrag des Romans zur Aufarbeitung der Geschichte der Ruhrpolen kaum. Neben den Härten der Arbeit und des Arbeitskampfes stellt Schulte anschaulich heraus, welches Konfliktpotenzial auch zwischen den Einwanderern bestand. Von der Diaspora kritisch beäugt, beschließen Adam und Zuzanna, sich anzupassen – sie fürchten soziale und finanzielle Nachteile: Ihre Tochter Ania benennen sie zu Anja um, Josefina wird gar nicht erst als Józefina eingetragen. Später wird ihnen nahegelegt, auch den Nachnamen zu ändern, schließlich ende er auf das eindeutig polnische Suffix -ski. Perfide dabei: Die Behörden lassen systematisch die eingedeutschten Nachnamen gleich auslauten, sodass die Zuordnung weiter auf der Hand liegt. Gleichzeitig wachsen die Gräben zu denen, die in der Fremde zunehmend polnischen Nationalstolz entwickeln. Das Buch zeigt, dass der Ruhrpott in dieser Zeit nur bedingt ein Schmelztiegel der Kulturen ist. Dass der Beitrag polnischer Einwander*innen zum industriellen Wachstum heute weithin anerkannt wird und zum Ruhrkult gehört, mag darüber hinwegtäuschen, mit wie viel Ausgrenzung es die Menschen zu tun hatten. Selbst wer damals das Attribut polnisch loswerden wollte, schaffte es in erster Generation nicht – darauf deutet auch der Titel hin: »Ruhrgemüse, polnisch«.
LESUNG AM 31. MÄRZ IM HOESCH-MUSEUM DORTMUND
BRIGITTA M. SCHULTE: RUHRGEMÜSE, POLNISCH, STROUX EDITION,
188 SEITEN, 25 EURO






