Das Kunstwerk im Zeitalter seiner poetischen Strapazierbarkeit: Mit seinem Roman »Benjamin im Stroboskop« gibt der Düsseldorfer Autor Bernard Hoffmeister sein Debüt. Auf rund 260 Seiten fliegen uns die Fetzen entgegen. Ein fragmentarischer Remix aus Altstadtsuff, Körperflüssigkeiten, Poetry Slam und vor allem: Walter Benjamin.
Bei Bernard Hoffmeisters Debütroman »Benjamin im Stroboskop« ist der Name Programm: Es geht um Benjamin Schoenflies, Uni-Dozent an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und es geht um Walter Benjamin, den berühmten Philosophen und sogenannten »Posterboy der Kulturtheorie«. Benjamins Passagenwerk ist nicht nur Gegenstand von Benjamins Never-Ending-Doktorarbeit. Der Theoretiker ist für ihn auch Kultfigur und Idol. Während sich der Vornamen-Benjamin an den Thesen des Nachnamen-Benjamins abarbeitet und sich dabei ständig um die eigene Achse dreht, zieht sein Leben an ihm vorbei.
Fast so besessen wie von seiner akademischen Leitfigur, rennt er seinem Ruhm als Slampoet hinterher, um auf der Bühne zu schockieren und sich doch nie selbst zu finden. Wie Lichtblitze fliegen uns Hoffmeisters poetische Fetzen entgegen, spielen mutig mit Inhalt und Form, kommen mal als „Stream of Consciousness“, mal als Auflistung, dann als Interview oder Zitat daher. Als roter Faden und Dreh- und Angelpunkt dient der Geschichte eine rätselhafte Begebenheit in Klagenfurt. So beginnt jedes Fragment mit einer Zeitangabe: »Noch 202 Tage« steht da oder »24 Tage danach« – ein kluger Kniff, um die Spannungskurve des Romans trotz der assoziativen Erzählweise aufrechtzuerhalten.
Wow, das ist nerdig!
Der Zeitangabe vorangestellt sind außerdem kryptische Codes à la »J 29,2« oder »H2 a, 2«. Ein Bibelvers? Programmiersprache? Die Antwort liefert der Text selbst: Es handelt sich um eine von Walter Benjamin verwendete Verschlüsselung seines Passagenwerks. Okay, wow, das ist nerdig! Hoffmeister erlaubt sich diese verkopften Kunstkniffe und mehr noch: Er macht sie zum Prinzip. Denn das, was der Protagonist Benjamin mit seinen Bühnentexten probiert, was Walter Benjamin in seinen Theorien aufgreift, fällt mit der formalen Umsetzung von Hoffmeisters Roman zusammen. Es ist ein Remix, eine Zitatmontage, ein Pastiche. Das Steckenpferd seines Protagonisten ist damit zeitgleich ein poetologisches Prinzip des Autors: »Zitatmontagen sind eigentlich Kläranlagen. Gestern hast du noch reingeschissen und morgen hast du dasselbe Wasser schon fast zu Wein gemacht.«
Ob die fragmentarisch-poetische Welt Hoffmeisters, in der große Intellektuelle auf Kneipensound und Eichelpilz treffen, nun Château Margaux oder Sangria ist, darüber lässt sich – wie immer in der Kunst – streiten. Bemerkenswert ist der Roman vor allem deshalb, da er das formale Experiment und grotesken Humor wagt. Dabei kann der akademische Dunstkreis, in dem sich Benjamin vor allem selbstbeweihräuchert, stellenweise etwas nerven.
Namedropping von intellektuellen Männern, von Adorno, Foucault, Kafka, Fauser, Götz, und Proust, Abhandlungen über den Deutschlandfunk und den Theaterbetrieb wirken bisweilen sehr exklusiv-akademisch. Das passt zwar zu Benjamins Egozentrik und dem Montage-Stil des Textes, gleichzeitig haftet dieser intellektuellen Selbstumdrehung doch etwas Prätentiöses an. Spaß machen neben dem Spiel mit Sprache und Form hingegen vor allem die konkreten Düsseldorf-Referenzen – der Salmiakki im Kreuzherreneck, der Rave am Wehrhahn oder die Tristesse am Worringer Platz rücken die Stadt am Rhein in ein neues literarisches Licht. Und obwohl die Parallelisierung von Autor und Figur in der Literatur immer müßig ist, drängt sie sich bei diesem Roman geradezu auf. Nicht nur, weil sich Hoffmeister durch ein originelles Doppelgängermotiv selbst in den Text einschreibt, auch ähnelt seine Biografie der seines Protagonisten deutlich: Der Kulturwissenschaftler lehrt selbst an der HHU über (klar!) Walter Benjamin und hat sich in Düsseldorf längst einen Namen in der Poetry Slam-Szene gemacht.

BERNARD HOFFMEISTER: BENJAMIN IM STROBOSKOP, SATYR, 264 SEITEN, 24 EURO





