Unser Film des Monats: Auf der Berlinale hat Sandra Hüller mit diesem Film den Silbernen Bären gewonnen: In und als »Rose« von Markus Schleinzer ist das Ensemblemitglied des Bochumer Schauspielhauses schier ein Ereignis.
Einem Wort von Richard Wagner nach sei »Effekt Wirkung ohne Ursache«. Das von Effekt freie Spiel von Sandra Hüller ist gerade das Gegenteil. Es ist und war es – staunenswert genug – von Beginn an ihrer Karriere, die auf der Leinwand vor 20 Jahren mit Hans-Christian Schmids »Requiem« begann und der damals 28 Jahre jungen Künstlerin aus Thüringen und Absolventin der Ernst-Busch-Hochschule in Berlin den Deutschen Filmpreis und den Silbernen Bären einbrachte. Darauf folgte nun – nach Befestigung ihres auch internationalen Rufs und Ruhms, der sie die Isabelle Huppert ihrer Generation sein lässt – zum zweiten Mal die Berlinale-Auszeichnung als beste Darstellerin.
So wie ihre Figur der Studentin Michaela Klingler aus streng katholischem Elternhaus in »Requiem« etwas Grenzgängerisches, der Norm nicht Gehorchendes besitzt, deren psychische (und religiöse) Krise sich mit Exorzismus nicht beikommen, sondern in die Katastrophe münden lässt, ist auch Rose ein Fremdkörper – in einem noch grundlegenderen Sinn. Sie ist eine Frau, die sich als Mann ausgibt, als Mann lebt, um zu überleben.
In einer gnadenlosen Zeit
Der österreichische Regisseur Markus Schleinzer kombiniert für diese Anverwandlung zwei Motive, die das Extrem darstellen und herausfordern: den Krieg und den Mikrokosmos eines Dorfes mit seinen Argusaugen. Gesteigert noch dadurch, dass er Roses von einer Erzählstimme begleitete Geschichte in eine zeitferne Situation stellt und diese – wie auch sonst – in Schwarz-Weiß zeigt. Der Dreißigjährige Krieg im 17. Jahrhundert hat Europa und im Besonderen Deutschland der Vernichtung »auf dem allgemeinen Kirchhof der Menschheit« preisgegeben, wie Immanuel Kant ein Jahrhundert später schreibt.
Die Erde ist ein wüstes Land, bedeckt mit Gebeinen: Der Tod holt reiche Ernte ein. Krieg, das ist ein Ausnahmezustand, der die schlimmsten und die besten Eigenschaften im Menschen hervorholt. Rose sucht ihren Platz und findet ihn nur als ER, der sich den Leuten als Soldat vorstellt und Dokumente vorweist, die sein Recht auf Land bezeugen. Er ist den protestantischen Dörflern vielleicht nicht geheuer, aber sie lassen es zunächst gut sein. Rose nimmt den Kampf mit der Natur auf, wird Bauer. Es geht darum, irgendwo hin- und dazu zu gehören und »aus dem Heute heil herauszukommen«. Dass es ein Morgen für sie / ihn geben könnte – ein Acker, den man bestellt, eine blühende Wiese, über die eine junge Familie läuft –, ist Gnade in einer gnadenlosen Zeit. Zum Programm der Einordnung ins Gebräuchliche gehört die Ehe. Die Braut, die ihr Vater (Godehard Giese) dem Mann Rose auch aus nachbarschaftlichen Nützlichkeitserwägungen und der Erbfolge wegen anvertraut, heißt Suzanna (Caro Braun). Eine Komplizin aus Instinkt und Notwendigkeit bis hin zu ihrer Schwangerschaft. Doppeltes Rollenspiel und eine echte Beziehung, die sich zwischen Rose und Suzanna tastend ergibt, bewährt und wächst und für die es (noch) den Begriff Queerness nicht gibt oder braucht. Das Wagnis Liebe tut es auch. Gewiss lässt sich mit Alexander Kluge sagen, dass »Gefühle eine historische Produktivkraft« bilden.
Bei dem, was in der Folge an Bösem und Leidvollem geschieht, darf man denken an Arthur Millers »Hexenjagd« oder auch Lars von Triers »Dogville«. Geschichten, die über sich hinausweisend ins Exemplarisch-Mythische und Gleichnishafte (zurück)führen.
Roses Gesicht ist markant, stoisch, unergründlich wie bei einem indigenen Häuptling. Sandra Hüller betreibt nicht Mimikry oder Maskerade, das würde ihrem Wesen zuwider laufen, wie wir auch von der Bühne wissen, etwa aus ihrem »Hamlet« und ihrer Penthesilea am Bochumer Schauspielhaus. Sie ist, was sie ist. Einfach, durchlässig, kontrolliert. Nicht einmal von Identitätskonflikt und genderfluider Existenz muss geredet werden. Selbstbestimmt leben wollen – Konfliktzonen liegen außerhalb von Rose, nicht bei und in ihr. »In der Hose war mehr Freiheit. Da bin ich in die Hose gestiegen.« Punktum.
Hüller vertraut auf Introspektion, die Beseeltheit zu nennen keine romantisierende Abirrung wäre, aber auch Fülle an Eigenem heißen darf. Sie hat die Seelenruhe, eine große Menschendarstellerin zu sein. Die Schlichtheit, mit der Rose spricht, fühlt, überlegt, handelt, scheint geprägt von Einsicht. Eine Narbe zieht sich auf einer Seite ihrer Wange quer bis zum Mundwinkel. Eine Musketen-Kugel hat sie bei sich. Rose trägt das Zeichen. Stigmatisiert. »Rose« ist in gewisser Weise wie Sandra Hüllers vorangegangener französischer Film: »Anatomie eines Falls«.
»Wer bin ich?« bzw. »Wer bist Du?« lautet die Urfrage, um die sie und die Personen um sie her kreisen. Es ist die Menschheitsfrage seit Anbeginn, seit Adam und Eva, Kain und Abel, Jesus und Pontius Pilatus oder auch Ödipus, Medea, Faust und Hamlet. Es ist die Sinn- und Gottesfrage. Markus Schleinzer und Sandra Hüller finden dafür jenseits eines naturalistischen Historiendramas auf eindringliche Weise eine zeitgenössische Form. *****
»Rose«, Regie: Markus Schleinzer, Österreich / Deutschland 2026, 93 Min.,
Start: 30. April.






