Unter die Haut gehend: »The Chronology of Water« von Lidia Yuknavitch und Kristen Stewart mit Imogen Poots.
A bigger splash – es fängt an, als habe David Hockney hinter der Kamera gestanden. Aber das ist nur eine ganz kurze Momentaufnahme, die in ein Wasserbassin eintaucht und eine Schwimmerin im flirrend gebrochenen Blau des flüssigen Elements zeigt. Dann blutet das Bild buchstäblich aus. Wir sehen die blutige Hand einer jungen Frau – und sind dabei beinahe auf der Spur von Alfred Hitchcock. Die schwerelose Freiheit des Wassers und der Horror des Wassers sind weniger als eine Armlänge voneinander entfernt.
Die Schauspielerin Kristen Stewart nähert sich als Filmemacherin in »Chronology of Water« dem Leben und Werden von Lidia Yuknavitch an, die davon selbst in ihrem autobiografischen Memoir erzählt hat. Sie bricht und löst in ihrem Regie-Erstling dabei die linear narrative Struktur auf, um sich dem Bewusstseinsstrom zu überlassen und introspektiv die traumatische Gefühls-, Erfahrungs- und Erinnerungswelt der 1963 in Kalifornien geborenen US-amerikanischen Sportlerin, Autorin und Universitätsdozentin einzufangen.
Die Form des Fragmentarischen, der mentalen Flashs, Splitter und des Aufrisses, die das Buch stilistisch prägen, macht der Film auch zu seiner Methode und setzt sie auf eigene Weise in Bildern, Stimmen, Geräuschen, inneren Monologen fort. Insofern ist »The Chronology« auch konsequent auf 16 Millimeter gedreht. Extreme Perspektiven, Schnitte und Bildausschnitte, die oft die Haut ausforschen und abgreifen, lassen an die frühen filmischen Arbeiten des Gus van Sant, ebenso an den Umwerter Godard und dezidiert an Sofia Coppolas »The Suicid Virgins« denken.
Lidias Psychodrama übersetzt sich visuell in experimentelle Schreckens-Poesie. Kristen Stewart kann dabei durchaus Einsichten nutzen, die sie durch ihre Rolle der Prinzessin Diana in »Spencer« gewonnen hat. Kann sie weiterreichen an ihre grandiose Hauptdarstellerin Imogen Poots. Buch wie Film erinnern in ihrer unerbittlichen Konsequenz an Romane der Bachmann oder Jelinek und übrigens auch an den Beatnik Allen Ginsberg.
Als Lidia ein Teilstipendium für ihre Schwimmkarriere erhält, ist das dem Vater (Michael Epp) nicht genug, gegen den weder die psychisch desolate Mutter noch Lidias ältere Schwester Claudia ankommen. Demütigung, Druck, Kontrolle, Gewalttätigkeit, der Terror der Disziplin im Training, emotionaler Missbrauch, Medikamenten- und Drogenkonsum sind hier die Stichworte. Lidias Selbstqual, nicht zu genügen, ihr Revoltieren, sexuelle Fantasien, die Ambivalenz von Lust und Unlust: Wir müssen uns die Puzzleteile selbst zusammensetzen.
Lidia sucht und findet ihren Weg, der über lange Strecken ein Passionsweg ist und Wunden und Schmerzen der Nichterfüllung beinhaltet. Die Sehnsucht nach Geborgenheit und Schutz, der sich in der Familie und in der Hassliebe zum Vater oder auch in der Beziehung zu einem jungen Mann und Vater ihres totgeborenen Kindes nicht herstellt, gelingt am College in Oregon beim Studium Kreatives Schreiben und im Medium des Wortes, mündend in das Debüt »Caverns«. Die Pointe dabei: dass ihr Professor, der Aktionskünstler Ken Kesey, in seiner militant-schrägen Guru-Artigkeit (Jim Belushi) wieder eine Vaterfigur darstellt. Und es gelingt beim Entdecken ihres Begehrens – auch weiblicher – Sexualität und körperlicher Züchtigung. Wer weiß, ob nur in der Fantasie ihrer Literatur.
Lidia Yuknavitch, diese andere kleine Meerjungfrau, endet nicht wie Undine. Sie gründet eine Familie, dichtet und lehrt. An einer Stelle schreibt sie: »Ich lerne, an Land zu leben«. *****
»The Chronology of Water«, Regie: Kristen Stewart, USA / Frankreich / Lettland 2025, 128 Min., Start: 5. März





