Vor 40 Jahren gewann der 2010 verstorbene Sigmar Polke den Goldenen Löwen für seine Installation »Athanor« im Deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig. Heute sind Künstler*innen in NRW auf seinen Spuren unterwegs.
Pflanzen und Fotos in Kornelimünster
Mit seinen 1986 im Seitenflügel des Deutschen Pavillons gezeigten »Dürerschleifen« rückte Polke dekorative Elemente aus einem Holzschnitt Albrecht Dürers in den Mittelpunkt: Sie wurden zum Blickfang auf mit Graphitstaub bestäubten Leinwänden – und laden ein zur Assoziation. Diese Herausforderung nimmt die 1988 geborene Berit Schneidereit an und zieht Polkes Fotos mit Pflanzenranken aus derselben Zeit heran. Für die zweigeteilte Schau »Entangled Lines« schuf sie im Garten des Kunsthaus NRW eine lebende Skulptur aus rankenden Pflanzen. Sie wurden zum sich immer wieder verändernden Motiv für ihre Fotos. »Polkes Arbeitsweise hat mir Impulse gegeben, Zeit nicht nur als etwas zu verstehen, das vergeht, sondern als einen Bestandteil des künstlerischen Prozesses«, sagt Schneidereit, »das Erleben und ‚Erlauben‘ von Zeit, das Einbeziehen chemischer Prozesse und physikalischer Gesetzmäßigkeiten wie der Schwerkraft sowie eine Haltung der Offenheit wurden zu Teilen meiner eigenen Arbeitsweise«. So schließt sich mit dem Blick auf die Ranken und ihre Schatten auf lichtsensitiven Papieren der Kreis zu Dürers Schleifen. Für den zweiten Teil überführt sie die Fotos in eine Installation, die im Dialog steht mit selten gezeigten Fotos von Polke.
»ENTANGLED LINES (TIME)«
BIS 31. JANUAR 2027
Befragung des Materials im Ruhr Museum
Ein Meteorit und ein Quarzkristall ergänzten 1986 die Ausstellung im Deutschen Pavillon. Ausgeliehen hatte Polke sie im Ruhrlandmuseum in Essen – und die damals verantwortliche Sammlungsleiterin mit Fragen zu Mineralien, Pigmenten und Steinen gelöchert. Daran anknüpfend schafft Nico Joana Weber eine Installation im Schaudepot des Ruhr Museums, wie es heute heißt, das sich in der Salzfabrik auf Zollverein befindet. In der Ausstellung »Fragen an eine Geologin« setzt sich die 1983 geborene Künstlerin mit der Sammlung des Museums und der Mineralogischen Sammlung der Ruhr-Uni auseinander. Sie verbindet aktuelle Fotos mit Werken und Objekten aus vergangenen Projekten und bezieht sich in einem Film auf die Geschichte des Meteoriten und Quarzkristalls. Dabei knüpft sie an Polkes Filme an, in denen er mit Zoom und Doppelbelichtungen arbeitete.
»FRAGEN AN EINE GEOLOGIN«
18. OKTOBER BIS 6. DEZEMBER
RUHR MUSEUM, ZOLLVEREIN, ESSEN
Der Alchemist in Mönchengladbach
Spätestens mit seiner »Athanor«-Installation wurde Polkes Ruf als Alchemist in der Kunst besiegelt, experimentierte er doch mit Einflüssen von Feuchtigkeit, Wärme und Licht auf das von ihm verwendete Material: organische Pigmente und Erdfarben, das Sekret von Purpurschnecken, Metalle, Chemikalien und synthetische Stoffe. Der öffentliche Studientag »Reflections and Fluidities« im Museum Abteiberg erforscht ausgehend von Polkes dort hängendem 6-teiligen Zyklus »Lackbilder« das Zusammenspiel der Materialien und die physikalisch-chemischen Verfallsprozesse. Vorträge geben Einblicke in Polkes künstlerische Verfahren, in seine Materialien und die kunstwissenschaftlichen, restauratorischen und künstlerischen Beobachtungen dazu. Kurzführungen ergänzen das Programm, genauso wie Interventionen von Studierenden der Kunsthochschule für Medien, die eigene Zugänge zu ihm entwickeln haben.
»REFLECTIONS AND FLUIDITIES«
7. NOVEMBER 2026
MUSEUM ABTEIBERG, MÖNCHENGLADBACH
DIE ARBEITEN DER STUDIERENDEN SIND BIS 29. NOVEMBER ZU SEHEN.






