Den Graben zwischen öffentlichem Raum und den abgeschirmten Bezirken der Kunstvermittlung überwinden, das hat sich Mischa Kuball auf die Fahnen geschrieben. Im Baukunstarchiv NRW macht der Düsseldorfer Künstler die Probe aufs Exempel.
Bauzäune prägen derzeit den Lichthof des Baukunstarchivs NRW in Dortmund. Was auf freier urbaner Wildbahn Absperrung, Reparaturbedürftigkeit, aber auch Entstehung von etwas Neuem signalisiert, erfährt eine Metamorphose, für die Mischa Kuball verantwortlich zeichnet. Der Düsseldorfer Medienkünstler verwandelt die Bauzäune in Exponate, die im Zusammenhang von Architektur und zeitgenössischer Kunst gesehen werden wollen. Im ehemaligen Museum am Ostwall, einem Ort, wo Architektur- und Planungsnachlässe aus ganz Nordrhein-Westfalen aufbewahrt und erforscht werden, zeigt Kuball bis zum 22. März »under construction / public preposition«.
Ein zweistufiges Projekt: Im ersten Stadium platzierte der Künstler an drei Stellen in der Dortmunder Innenstadt großformatige Transparente auf Bauzäunen. Diese Schaufenster dokumentieren frühere Aktionen des global agierenden Künstlers – von Marl über das polnische Katowice (Kattowitz) bis Christchurch in Neuseeland. Zudem nehmen die provisorisch wirkenden Fotoplanen Bezug auf die Situation vor Ort: »Dortmund wird zum Schaufenster der Region«, erklärt Kuball.
Urbane Bühne
Nach dieser Inkubationsphase übersiedelte die Bauzäune-Galerie ins Baukunstarchiv. Eine Kontextverschiebung, die ebenso wichtig ist wie die Bildbotschaften selbst. Die Dortmunder Innenstadt betrachtet Mischa Kuball als »einen großen Exponat-Raum«. Eine Plane, die zuerst im öffentlichen Raum aufgestellt worden ist, »musste sich bereits außerhalb einer White-Cube-Situation bewähren«, so Kuball. Im Lichthof entstehe dann »aus den irritierenden Elementen eine neue Erzählung, ein urbanes Narrativ«, so der Künstler. »Gerade die Besonderheit der Rolle des Baukunstarchiv NRW war fast schon eine provokante Steilvorlage, um die Schnittstellen zwischen der Rolle von Bauen und Leben sowie Kunst und Leben zusammenzubringen.«
»public preposition«, der Begriff ist nicht ohne Weiteres geläufig; er bedeutet so viel wie »etwas anlehnen«, »etwas zur Seite stellen«. Kuball: »Es geht mir darum, suchend und eher als ein Versuch in den öffentlichen Raum hineinzuwirken.« Dass der nicht in Stein gemeißelt ist, dass auf der urbanen Bühne jedermann eine Rolle spielen kann und soll, darin besteht vielleicht eine der wichtigsten Maximen von Mischa Kuballs Kunst. Die zunehmende Ökonomisierung des öffentlichen Raums geht ihm gewaltig gegen den Strich: »Wir haben kaum noch Orte des Öffentlichen, die nicht mit Verzehr, Konsum, Unterhaltung oder medialer Beschallung zu tun haben«, kritisiert Mischa Kuball. »Mein Projekt weist auch auf dieses Moment hin. Es fehlt uns eine Leerstelle – eine Agora im Sinne eines Denkraumes!«
Eine solche Agora, also eine Versammlungsstätte, die Debatten stimuliert, stellt das Symposium dar, das am 6. März als Teil von Mischa Kuballs Projekt im Baukunstarchiv NRW stattfindet. Dabei wollen Expert*innen wie Georg Elben, Vanessa Joan Müller, Lea Schleiffenbaum und Jacques Toussaint über Aspekte der öffentlichen Erinnerungskultur sprechen. Stichwort Erinnerung: Die Synagoge Stommeln in Pulheim, eines der wenigen jüdischen Gebetshäuser, die der nationalsozialistischen Zerstörung entgingen, dient seit 1991 als Schauplatz für zeitgenössische Kunstprojekte. 1994 war auch Mischa Kuball mit seiner Licht-Installation »refraction house« hier zu Gast.
Fortan wird er der Ausstellungsreihe ›Synagoge Stommeln‹ als Vorsitzender eines neugebildeten künstlerischen Beirats zusätzliche Impulse geben. »Es soll«, verrät Kuball, »weiterhin jährliche Ausstellungsprojekte geben. Außerdem wollen wir mit einem Diskursprogramm die inhaltliche Auseinandersetzung vertiefen und mit performativen Formaten eine deutlich jüngere Generation einbinden.«
»MISCHA KUBALL – UNDER CONSTRUCTION / PUBLIC PREPOSITION«,
BAUKUNSTARCHIV NRW, DORTMUND, BIS 22. MÄRZ.
AM 6. MÄRZ (BEGINN 16 UHR) FINDET INNERHALB DER AUSSTELLUNG EIN SYMPOSIUM STATT (»ZWISCHEN KUNSTWERK UND DENKMAL: DISKURS ZUR ZUKUNFT ÖFFENTLICHER ERINNERUNG«). DIE TEILNAHME IST KOSTENLOS, UM ANMELDUNG PER E-MAIL WIRD GEBETEN: INFO@BAUKUNSTARCHIV.NRW.





