Wenn die Theater im September aus der Sommerpause kommen, werden allerorten glänzende Eröffnungsfeste gefeiert. Doch hinter den Kulissen sieht es – im wahren Sinne des Wortes – anders aus: Viele Bühnen sind marode, müssen aufwändig saniert oder gleich ganz ersetzt werden. Stefan Keim und Peter Grabowski sind auf eine Tour durch Nordrhein-Westfalen gegangen, wo zahlreiche Bühnen geplant und beschlossen, aber auch wieder abgesagt werden.
Im Büro von Alexandra Stampler-Brown an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Allee ist die Ratlosigkeit mit Händen zu greifen. Die Geschäftsführende Direktorin der Deutschen Oper am Rhein und Technikchef Philip Rabe würden ihren Mitarbeiter*innen gerne sagen, wie es weitergeht – aber sie wissen es selbst nicht. Anfang Juni hatte Düsseldorfs Oberbürgermeister Stephan Keller (CDU) den Neubau des Opernhauses nach Jahren langer Vorplanung quasi über Nacht abgesagt; auch die Opernführung wurde erst kurz vor Bekanntgabe der Entscheidung informiert. Kellers Begründung ist ebenso schlicht wie auf den ersten Blick einleuchtend: die Kosten. Eine Milliarde Euro standen zuletzt im Raum, doch allein im laufenden Jahr fehlen der Stadt 490 Millionen in der Kasse.
Seine Entscheidung hat allerdings sehr weitreichende Folgen. Denn während Oper, Ballett und das zugehörige Sinfonieorchester zur künstlerischen Spitzenklasse gehören, ist das denkmalgeschützte Stammhaus am Hofgarten eher eine Ruine: Das marode Foyerdach wird notdürftig gestützt, damit es nicht einstürzt, zahlreiche Arbeitsplätze der rund 600 Mitarbeiter*innen sind rechtlich längst nicht mehr zulässig. Weil die einzigen beiden Aufzüge im Hinterhaus ständig ausfallen, müssen alle Instrumente der rund 130 Musiker*innen zwischen Lager, Probensaal und Orchestergraben über Etagen treppauf, treppab geschleppt werden.
Auch die Heizungs- und Lüftungsanlage aus den 1950er Jahren ist öfter kaputt als funktionsfähig und ihr Betrieb zudem irre teuer, während die Leitungen für Kalt- und Warmwasser im Hinterhaus so nah beieinander liegen, dass ständig die Gefahr eines Legionellenbefalls besteht. Um vor Infektionen zu schützen, werde zwar regelmäßig alles durchgespült, erzählt Alexandra Stampler-Brown im Gespräch mit kultur.west, aber das Gesundheitsamt halte dieses Prozedere für nicht ausreichend sicher. Und das sind alles nur einzelne Beispiele; die tatsächliche Mängelliste ist buchstäblich endlos.
Zu dem Ergebnis kam auch eine aufwändige Machbarkeitsstudie 2021: Sie hat allein für eine Basissanierung, also die (Wieder-)Herstellung eines störungsfreien, rechtlich zulässigen Spielbetriebs knapp 460 Millionen Euro kalkuliert. Die üblichen Anforderungen an ein heutzutage international konkurrenzfähiges Opernhaus wären damit allerdings noch nicht zu erfüllen: Dazu fehlen unter anderem eine zweite Seitenbühne und die technischen Möglichkeiten für TV-Aufzeichnungen. Auch die weltweit üblichen Ballettabende mit drei kürzeren Stücken sind nicht möglich, weil der Platz hinter der Bühne nicht für mehrere Kulissen reicht. Das gäbe es erst mit einer erweiterten Sanierung, Kostenpunkt laut Studie: 600 bis 650 Millionen Euro. Diese Schätzung ist wie die Basissanierung allerdings sechs Jahre alt; seitdem gab es am Bau Kostensteigerungen bis zu 50 Prozent.
Vor diesem Hintergrund mutet es geradezu grotesk an, dass der Stadtrat vor der Sommerpause zur Ertüchtigung des Hauses gerade mal 25 Millionen Euro beschlossen hat. »Wie es jetzt weitergeht?« Alexandra Stampler-Browns Stimme wird brüchig. »Das ist die Frage, die sich alle stellen, die auch in uns brennt – aber es gibt noch keine Antwort dazu.«
Sanierungsbedürftig: Oper und Schauspiel in Bonn
70 Kilometer den Rhein rauf, in Bonn, sind sogar beide Häuser dringend sanierungsbedürftig: Oper und Schauspiel. Vor allem die Bühne des Sprechtheaters in Bad Godesberg ist seit vielen Jahren ein Schließungskandidat und konnte mehrfach nur durch großes Engagement der Bürgerschaft gerettet werden. Nun hat die Stadt fünf Vorschläge für die Theaterzukunft erarbeiten lassen. Oberbürgermeister und Kulturdezernentin setzen sich vehement für die Variante mit einem Neubau von Oper und Schauspiel im Stadtteil Beuel ein: nah beieinander, mit Synergieeffekten für Werkstätten und Technik, dazu modern, offen und verkehrstechnisch gut angebunden. Das soll 426 Millionen Euro kosten und wäre damit wohl günstiger als die Sanierung der bestehenden Spielstätten. Zudem könnten beide Sparten während der prognostizierten fünf Jahre Bauzeit in ihren alten Häusern weiterspielen. Allerdings ist ein bedeutender Teil der Bonner Kulturszene dagegen. Hauptargument: Das Theater gehöre in die Innenstadt. Zumal völlig unklar ist, was aus dem bisherigen Operngelände direkt am Rhein werden soll. Auch sollte der Vertrag von Generalintendant Bernhard Helmich (64) eigentlich im August um nochmal zwei Jahre bis 2030 verlängert werden. Der Stadtrat hat die Entscheidung darüber aber kurzfristig zurückgestellt, mit unabsehbaren Folgen: Im Opernbereich wird stets viele Jahre im Voraus geplant und auch Führungspersonal verpflichtet. Zum regulären Ende von Helmichs Amtszeit Mitte 2028 wird deshalb kaum noch eine Nachfolge zu finden sein, zumal der städtische Zuschuss für die Bühnen ab diesem Zeitpunkt um mindestens fünf Millionen Euro reduziert wird – entsprechend groß ist gerade die Aufregung in Bonn.
Weniger Premieren in Essen
Nicht viel anders ist es in Essen, wo es künftig heißt: Weniger Premieren, mehr Publikum – und zwar deutlich mehr Publikum! Diesen Auftrag bekam die Essener Theater und Philharmonie GmbH (TUP) direkt vor der Sommerpause vom Stadtrat erteilt, um den Anstieg der städtischen Zuschüsse zu begrenzen. Ein Gutachten der Unternehmensberatung Actori hatte ergeben, dass sie bei bisherigem Betrieb bis zum Jahr 2031 um 16,5 Millionen steigen würden, auf dann 75 Millionen Euro jährlich. Nun ist ein maximales Plus von knapp 10 Millionen vorgesehen. Diese Finanzierung will die Stadt bis 2031 nicht in Frage zu stellen – allerdings muss das Theater nachweislich Maßnahmen ergreifen, um schlanker und wirtschaftlicher zu werden. Und die Schauspielsparte muss eine zusätzliche Kröte schlucken: Die eigentlich versprochene Studiobühne für kleinere Formate ist endgültig abgesagt.
Wobei der größere Problemfall in Essen eigentlich die Oper ist: Die Zuschauerzahlen im Aalto-Musiktheater sind abgestürzt, es gab Machtmissbrauchsvorwürfe, die Verträge von Intendantin und Generalmusikdirektor wurden nicht verlängert. Jetzt soll Interimschef Peter Theiler den Betrieb stabilisieren und Publikum zurückgewinnen, bevor Julien Chavaz – derzeit noch Generalintendant in Magdeburg – die Herkulesaufgabe übernimmt, die Essener Oper in die Zukunft zu führen. Denn wenn weniger Premieren mehr Publikum anziehen sollen, kann sich das Theater kaum noch einen Flop leisten, und auf jeder einzelnen Produktion lastet Erfolgsdruck.
Sanierungsstau und Baustellen in Dortmund
Weiter westlich in Dortmund muss das erfolgreiche Kinder- und Jugendtheater seine angestammte Spielstätte in einer ehemaligen Schule verlassen. Nach langer Planung entsteht jetzt eine Junge Bühne in direkter Nachbarschaft zu Oper und Schauspielhaus – an das die Baustelle allerdings unmittelbar angrenzt, weshalb es für voraussichtlich fünf Jahre woanders unterkommen muss. Als zentrales Interim ist das Erdgeschoss eines ehemaligen Kaufhauses in der Fußgängerzone vorgesehen, weitere Spielorte muss Intendantin Julia Wissert je nach Bedarf suchen; im Juni hat sie bereits Brechts »Dreigroschenoper« in der Kokerei Hansa inszeniert. Allerdings ist auch das Schauspielhaus selbst dringend sanierungsbedürftig: Seit Jahren erhält es die Betriebsgenehmigung nur unter großen Bauchschmerzen der Verantwortlichen, und der Zustand wird durch mindestens fünf Jahre Leerstand sicher nicht besser. Deshalb soll es – geplant ab 2030 – ebenfalls für mehrere Jahre saniert werden. Die finale Entscheidung will der Stadtrat mit Blick auf die finanziellen Möglichkeiten der Stadt aber erst zwei Jahre vor Baustart fällen. Man braucht kein Prophet zu sein, um vorherzusagen, dass die Interimszeit selbst im besten Fall sehr lang wird, während die Intendantin gleichzeitig unter hohem Erfolgsdruck steht: Sie soll auch unter den erschwerten baulichen Bedingungen mehr Publikum anlocken, weil die Auslastung seit Jahren sehr niedrig ist.
Kostenexplosionen in Wuppertal
Zuletzt ein Blick nach Wuppertal: Hier soll im Herbst die endgültige Entscheidung über den Bau des Pina-Bausch-Zentrums fallen. Die Kosten sind im Laufe der Jahre genauso explodiert wie in vielen Projekten andernorts, aktuell sind über 160 Millionen Euro kalkuliert. 37,2 Millionen hat der Bund für den Bau zugesagt, 12,5 Millionen das Land NRW. Die jährlichen Betriebskosten sollen nach der letzten Berechnung aus 2020 mindestens 16,3 Millionen Euro betragen; der Anteil Wuppertals daran liegt bei 7,1 Millionen. Das wäre etwa doppelt so viel wie die Stadt bisher für ihr weltberühmtes Tanztheater ausgibt und eine hohe zusätzliche Belastung für eine Kommune, die sich wegen Überschuldung in der Haushaltssicherung befindet. Trotzdem haben alle im Stadtrat vertretenen Parteien (bis auf die AfD) ihre Unterstützung für den Bau des Pina-Bausch-Zentrums bekundet, und bislang sieht es danach aus, dass auch die letzte Hürde Ende September im Stadtrat genommen wird. Doch sicher sagen kann das in der gegenwärtigen Gesamtlage niemand – auch das hat Wuppertal mit zahlreichen Städten in NRW gemeinsam, deren Kulturbauten am Ende ihre Lebensdauer angekommen sind.






