Vier Musiktheater in NRW zeigen Stücke von Leonard Bernstein – und die »West Side Story« ist nur einmal dabei.
Leonard Bernstein ist ein Gigant. Kaum jemand hat die Musikstile seiner Zeit so überzeugend mit klassischen Klängen zusammengebracht wie er. Und dabei packende, relevante Geschichten erzählt. Seine »West Side Story« ist ein Klassiker und Publikumsgarant, die anderen Stücke werden allerdings seltener gespielt. Das hat sich nun gerade geändert, denn allein zwei Theater in NRW spielen aktuell den philosophisch-abgedrehten »Candide«, und in Duisburg läuft Bernsteins Bühnenerstling »On the town«, eine jazzige Liebeserklärung an New York.
»Candide« nach Voltaire ist eines der komplexesten Stücke Bernsteins. Die Welt ist gut. Man muss nur daran glauben, dass sie gut ist. Candide tut das und bleibt unerschütterlich in seinem Optimismus. Auch wenn er Kriege und Naturkatastrophen erlebt, Mördern und Kannibalen begegnet, immer wieder von seiner Geliebten verraten wird. Natürlich meinte Voltaire diese Geschichte ironisch. Der große französische Philosoph und hochbegabte Spötter wollte zeigen, dass die Welt eben nicht gut ist. In seinem Roman »Candide« zog er über die Mächtigen seiner Zeit her. Und der Komponist und Dirigent Leonard Bernstein fand 200 Jahre später, dass sich am Wahnsinn der Welt wenig geändert hat. Er schrieb ein Stück, von dem niemand so recht weiß, ob es ein Musical, eine Operette oder eine komische Oper ist.
Geschmeidige Glitzerstimme
Diese Geschichte überzeugend auf die Bühne zu bringen, ist eine riesige Herausforderung. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum das Stück mit seiner überwältigenden Musik nicht öfter gespielt wird. Im Theater Bielefeld wagt Regisseur Wolfgang Nägele den Versuch. Das Aalto-Musiktheater Essen hingegen wählt eine konzertante Fassung. Loriot hat in den 90er Jahren einen witzigen und immer noch aktuellen Text geschrieben, den nun Götz Alsmann mit Witz und Ironie vorträgt. Ein Bühnenbild gibt es nicht, das Orchester füllt die Bühne. Aber die wunderbaren Sängerinnen und Sänger des Aalto-Musiktheaters spielen die Szenen sehr lebendig. Vor allem die junge Sopranistin Natalia Labourdette als moralisch äußerst flexible Cunegonde begeistert mit geschmeidiger Glitzerstimme und vollem Körpereinsatz.
Großen Jubel löst gerade auch die »West Side Story« in Hagen aus. Man muss sich beeilen, um noch die letzten Karten zu bekommen. Dirigent Steffen Müller-Gabriel entfaltet mit dem Philharmonischen Orchester einen rauen, ruppigen Schwung mit überwältigender Präzision. Nike Tiecke und Anton Kuzenok singen das Liebespaar mit dem schillernden Schmelz ihrer Opernstimmen, während die anderen direkte Töne mit street credibility produzieren. So bekommt die Liebe etwas Märchenhaftes in einer brutalen Umwelt, in der sich die Straßengangs bis aufs Blut bekriegen. Ein tolles Miteinander von Musicalspezialist*innen und dem Hagener Ensemble, eine packende Inszenierung von Yara Hassan. Überraschend ist allerdings, dass sogar die bekannten Songs auf Deutsch gesungen werden. Das hat mit den Aufführungsrechten zu tun – die Theater bekommen ein enges Korsett vorgegeben, sonst dürfen sie die »West Side Story« nicht spielen. Ein Hindernis, das für den Bernstein-Boom übersprungen werden muss.
»CANDIDE«, AALTO-MUSIKTHEATER ESSEN: 10. MAI
»CANDIDE«, THEATER BIELEFELD: 1., 8., 14., 21., 31. MAI, 3., 6., 23. JUNI, 17. JULI
»WEST SIDE STORY«, THEATER HAGEN: 8., 28. MAI, 4., 6., 27. JUNI, 19. JULI
»ON THE TOWN«, DEUTSCHE OPER AM RHEIN, DUISBURG: 7., 16., 25. MAI,
6., 18. JUNI





