Sie ist überall. Im Kunsthaus NRW in Aachen und im Museum Morsbroich, im KIT und bei der Art Düsseldorf kann man ihre Werke entdecken. Ein Atelierbesuch bei Enya Burger.
»Zwischen Fressnapf und Storage Space befindet sich die Einfahrt«, so die Info in der E-Mail. Von einem romantischen Hinterhofatelier hat dieser Ort in Düsseldorf-Heerdt so gar nichts. Doch einmal die Treppe hinaufgestiegen, vergisst man fast den gesichtslosen Mix aus Büro und Gewerbe, dicken Straßen und einschlägigen Großmärkten. Hier oben ist nur Platz für Kunst. Enya Burger geht vor – ein separierter Raum im Drunter und Drüber des Gemeinschaftsateliers gehört ihr. Recht hell ist es hier und relativ aufgeräumt.
Mikroskop und Riesenmonitor auf dem Schreibtisch. Anderswo stapeln sich Fischhäute neben Bremsscheiben. Schraubbohrer und Schneidematte gehören zum Equipment. Viele ihrer Arbeiten sind unterwegs in den diversen Ausstellungen. Von dem, was blieb, hat Burger einiges zur Ansicht an die Wand gehängt. Auch hier mischen sich die Sphären: wissenschaftliches Instrument – Petrischalen etwa oder Objektträger fürs Mikroskop. Man begegnet märchenhaften Motiven, die Burger in südschwedischen Kirchen entdeckt und ins Glas graviert hat. Was hat das zu bedeuten? Erst, wenn die Künstlerin zu erzählen beginnt, finden die scheinbar disparaten Dinge und Gedanken zueinander.
In der folgenden Stunde bekommt man viel zu hören von Schleimpilzen und Milchhasen, Kriegsschiffen und Urschleim auf dem Meeresgrund. Von einem verschwundenen Dorf im Roten Moor und dem unendlichen Kreislauf des Wassers durch Ozeane und den menschlichen Körper. Alles Themen, die sie umtreiben, und die in ihren aktuellen Ausstellungen zur Sprache kommen – sei es im Kunsthaus NRW in Kornelimünster, auf Schloss Morsbroich in Leverkusen oder im Düsseldorfer KIT.

Für Burger gibt es kein Entweder-oder – alles gehört zusammen. Auch aktuelle Wissenschaft kann mit uralten Geschichten verschmelzen. »Ich muss mich vor niemandem rechtfertigen, muss kein wissenschaftliches Paper schreiben, oder so«, sagt Burger. »Ich kann mich mit dem beschäftigen, was mich interessiert, kann mich aus verschiedenen Gebieten bedienen, Informationen anhäufen und vielleicht neue Narrationen entwickeln.« Diese Rundumsicht quer durch Disziplinen, das Kombinieren unterschiedlicher Wissensformen ist wohl am ehesten, was ihre Arbeiten zusammenhält.
Seit 2024 begegnet man ihnen immer öfter. Es war das Jahr, in dem Burger ihr Studium abgeschlossen hat – an der Düsseldorfer Kunstakademie, wo sie zunächst bei Marcel Odenbach und dann bei Gregor Schneider studierte. Und es war auch das Jahr, in dem sie für ihre Videoinstallation »The World as a Phantom« den Internationalen Bergischen Kunstpreis bekam. Da geht es um digitale Bildproduktion: Ein Nachrichtensprecher führt durch das Video und propagiert, dass man gar nicht mehr in die Welt hinaus muss, um sie zu erleben. Dann mischen sich dokumentarische Bilder mit KI-generierten, Reales und Digitales geraten durcheinander. Die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion fallen, und es wird zunehmend schwieriger, zu entscheiden, wie man das eine oder das andere einordnen soll.
Der Kölner Philipp von Rosen hatte das Video gesehen, holte Burger in seine Galerie, präsentierte sie mit einer größeren Einzelausstellung in seinen Räumen und gleichzeitig als »New Position« auf der Art Cologne, wo sie in einer vielbeachteten Installation ihre Recherchen zum Schleimpilz künstlerisch verarbeitete, indem sie seine Bewegungen in Sound übersetzte und in einem gläsernen Labyrinth als rauschenden, schmatzenden Sound live hörbar machte. Das alles passierte in dem einen Jahr – und in ähnlicher Taktung geht es bei Burger weiter bis heute.
Faszination fürs Viskose
Ebenfalls geblieben ist die Faszination fürs Viskose. »Mich interessiert das Schleimige total – in den verschiedensten Ausführungen«, erklärt Burger. Und provoziert ein Lächeln bei ihrem Gegenüber. Doch lässt sie sich nicht anstecken, fährt lieber fort mit ihrer Faszination: Der Schleimpilz sei nicht greifbar, besitze über 600 Geschlechter. Uneindeutig sei er durch und durch. Seit Millionen von Jahren existiere dieses Lebewesen – ob Pilz oder doch eher Pflanze, auch das sei nicht klar.
Vorsichtig unterbricht sie sich, fragt, ob man vielleicht mehr darüber hören möchte und weist auf die Arbeiten an der Atelierwand, die ebenfalls der Beschäftigung mit dem Schleimpilz entspringen. Spannend findet Burger ihn vor allem wegen seiner einfachen Intelligenz, die es ihm erlaube, Netzwerke zu bilden. Wenn es in einem Labyrinth mal nicht weitergeht, dann gibt dieser Pilz die Info weiter, erinnert sie und bewegt sich deshalb nie ein zweites Mal in die Sackgasse.
Auch in unseren Wäldern sei das schleimige Etwas anzutreffen, weiß die Künstlerin. In Südschweden machte sie einen Mythos ausfindig, der sich um das Rätsel spinnt. Es spielen mit: Der Teufel, eine Hexe und ein gieriger Hase, der das Milchglück stehlen soll, sich aber gelegentlich überfrisst und Milch in den Wald spuckt. Daher also die schleimigen Spuren. Aus dem, was übrig bleibt, stampfen Hexe und Teufel gemeinsam magische Butter. In einigen Kirchen fand die Künstlerin Szenen dieser Erzählung dargestellt. Und zitiert die Bilder mit Gravuren ins Glas von Petrischalen. Dass man das Schleimige von jeher dem Weiblichen zugeordnet hat. Dass man das Unerklärliche, durch den Mythos greifbar machen wollte und wiederum einer bösen Frau, der Hexe, Schuld in die Schuhe schob – »das finde ich interessant«. Eine Bemerkung, die so oder ähnlich immer wieder fällt.
Mit ihrem umfassenden Interesse griff Burger für ihren Auftritt in der aktuellen Ausstellung auf Schloss Morsbroich ein altes Druckverfahren auf: die Anthotypie. Farbe aus Pflanzensaft sorgt dafür, dass das Bild im Museum, von UV-Licht beschienen, nach und nach verschwindet. Wie das funktioniert? Sie kann es zeigen und führt auf ein Dach vor dem Atelierfenster, wo zwei mit einem Gemisch aus Alkohol und Alge bedruckte Blätter in der warmen Frühlingssonne liegen.
Im Roten Moor
»Das finde ich interessant.« Zuletzt trieb Burger diese künstlerische Neugier mit der Kamera ins Rote Moor zwischen Hessen, Bayern und Thüringen. Daraus entstanden ist eine Video-Installation, die sie aktuell im Kunsthaus NRW Kornelimünster präsentiert. Da taucht die Künstlerin tief in die Geschichte des Moores ein und bringt dabei sowohl die wissenschaftliche Pollenanalyse als auch den Mythos des untergegangenen Dorfes Poppenrode ins Spiel. Ganz in Rot getaucht ist Burgers filmische Spurensuche im Moor. Rote Felder, Büsche, Bäume, dazu historische Karten und eine Stimme aus dem Off.
Sie habe mit Infrarotkamera gefilmt – »eine alte Militärtechnik, um Menschen sichtbar zu machen«. Hier im Roten Moor hat die Künstlerin sie nicht zuletzt als Referenz eingesetzt auf die militärische Geschichte des Ortes, die schon im Dreißigjährigen Krieg nachweisbar ist. Damals brannten schwedische Truppen Poppenrode nieder. Von der Kirche, so Burger, sei diese Geschichte jedoch umgedeutet worden: Demnach habe Gott die Menschen im Dorf für ihren Hochmut und ihr ausschweifendes Leben bestraft. Wieder zeige sich, wie eng Macht und Mythos zusammenhängen, bemerkt die Künstlerin. Nach dem Motto: »Ihr müsst schon zu uns kommen und beten, sonst überschwemmt das Moor auch euch.«
Wissenschaft und Mythos, Geschichte und Gegenwart, Literatur und Überlieferung – Burger bringt alles zusammen, um sich Themen, Orten, Materialien zu nähern und neue, vielfältige Narrationen zu entwickeln. So etwas ist nun auch in Arbeit für den nahenden Auftritt im Düsseldorfer KIT geplant. Dort wird es unter anderem um den sogenannten Urschleim gehen und um Methoden seiner Erforschung im 19. Jahrhundert. Auch darüber gäbe es viel zu erzählen.
Doch interessiert am Ende mehr noch die Frage, wie sie dieses Pensum bewältigt. Mit sieben vollen Arbeitstagen in der Woche? Burger lächelt, nickt und gesteht, dass sie mitunter auch die Nacht im Atelier verbringe. Um zwischen Tierfutterdiscount und mietbarem Lagerraum ihren ganz eigenen vielstimmigen Erzählungen nachzugehen.
»CROSSFADE. ENYA BURGER, FABIAN FRIESE«
KUNSTHAUS NRW KORNELIMÜNSTER, AACHEN
BIS 19. APRIL
»CHAINED TOT HE RHYTHM. VON MENSCH UND NATUR«
BIS 7. JUNI
»FOR EVER AN FOREVER WHEN I MOVE. ENYA BURGER UND TERESA LINHARD«
BIS 28.6.
GALERIE BRITTA RETTBERG
17. BIS 19. APRIL



