Die Folgen eines Massakers: Krzysztof Warlikowski zeigt Wajdi Mouawads »Europa« bei der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle.
Noch ist Małgorzata Szczęśniaks Bühne, die ebenso an ein Klassenzimmer wie an eine (Turn-)Halle und ein Internierungslager erinnert, menschenleer. Nur auf der großen Tafel im Hintergrund sieht man als Videoprojektion die Nahaufnahme eines jungen Mädchens. Das lässt einen zumindest die Maske mit den weit aufgerissenen Augen glauben, hinter der sich der Schauspieler und ehemalige Sportturner Claude Bardouil verbirgt. Von den wie eingefrorenen Zügen der Maske mit ihren riesigen Pupillen geht etwas Gespenstisches aus. Die dunklen Videobilder von diesem alterslosen Gesicht wirken verstörend. Ein tiefes Entsetzen hat sich in sie eingeschrieben. Dabei ist nicht einmal klar, ob dieses Mädchen starr vor Schrecken ist oder ein besonders perfides Spiel mit ihren Stofftieren treibt.
Noch während man wie hypnotisiert das Video betrachtet, betritt von rechts eine von Andrzej Chyra gespielte ältere Frau zögerlich die Bühne. Sie trägt einen braunen Pelzmantel, eine große braune Sonnenbrille und ein schwarzes Kopftuch. Ihre Gesichtszüge werden zwar nicht von einer Maske verdeckt, aber ihr ganzes Auftreten gleicht einer Maskerade. Diese Frau namens Europa scheint sich hinter ihrer Eleganz zu verstecken. Nach einem kurzen Blick auf das Video wendet sie die Augen ab und sucht Halt an einem der aufgereiht stehenden Schultische.
Dichtes Netz aus Andeutungen
Zu diesem Zeitpunkt ist in Krzysztof Warlikowskis Inszenierung von Wajdi Mouawads Stück »Europa« zwar noch alles offen. Aber es deuten sich bereits Verwicklungen und Verknüpfungen an. Während man die ältere Frau und das Mädchen beobachtet, verdichtet sich die Ahnung, dass diese beiden Figuren eine sein könnten. Warlikowski spinnt in diesen ersten Momenten ein derart feines und dichtes Netz aus Blicken, Andeutungen und Stimmungen, dass man sich umgehend in Mouawads Tragödie verfängt.
Wie kaum ein anderer Gegenwartsdramatiker ringt Wajdi Mouawad mit den politischen wie den privaten Verwerfungen, die ihre Wurzeln in den Genoziden und Bürgerkriegen, den Massakern und Fluchtbewegungen der vergangenen 80 Jahre haben. Schon in »Verbrennungen«, dem Stück, mit dem der libanesisch-kanadische Schriftsteller und Dramatiker seinen Durchbruch auf den deutschsprachigen Bühnen erlebt hat, vermischen sich fiktionalisierte Ereignisse aus dem libanesischen Bürgerkrieg, der seine Familie zunächst nach Frankreich und dann nach Kanada ins Exil geführt hat, mit Verweisen auf Sophokles‘ »Ödipus«. So weitet Mouawad den Blick von konkreten Gräueltaten auf grundlegende strukturelle Muster.
Das Massaker, um das »Europa« kreist, hat sich 1952 in der fiktiven Region Hafeztan ereignet. Die damals 8-jährige Europa hat nicht nur miterlebt, wie Verwandte von ihr Frauen, Männer und Kinder misshandelt und ermordet haben. Sie selbst ist auch schuldig geworden. 75 Jahre später wird sie von Assia, einer UN-Ermittlerin und Nachfahrin der Opfer des Massakers, mit ihr konfrontiert. So kommt eine verborgene Familiengeschichte ans Licht. Krzysztof Warlikowski verdichtet Mouawads Frage danach, wie sich Gewalt und Traumata über Generationen hinweg in die Leben von Menschen einschreiben, noch einmal. In seiner Inszenierung ist die 8-jährige Europa ganz konkret eine ständige Begleiterin ihres späteren Ichs. In ihren teils heftigen, wie von Krämpfen geschüttelten Bewegungen spiegelt sich nicht nur das von Hass und Selbsthass erfüllte Innenleben der 83-jährigen Europa. In ihnen offenbaren sich zugleich auch die Zerrissenheit und das Getriebene von Europas Töchtern wie ihrem Enkel. So bleibt schließlich eine Frage an uns alle zurück, die Mouawad stellt, aber weder er noch Warlikowski beantworten: »Wie beendet man eine Tragödie?«
»EUROPA«
28. BIS 31. AUGUST
JAHRHUNDERTHALLE BOCHUM



