Film des Monats: François Ozon verfilmt auf klassische Weise Albert Camus‘ Roman »Der Fremde«.
Am Anfang ist der Mord bereits geschehen. Die Tat, das Urteil sind erfolgt. Nun noch das Geständnis: »Ich habe einen Araber getötet«.
Zuvor sehen wir Algier aus einer historischen Wochenschau vorgestellt, seine Geräusche und Gesichter, Nordafrikas exotische Wirklichkeit, auch die des Aufruhrs gegen die französische Kolonialherrschaft.
Am Anfang ist der Tod – den jungen Meursault erreicht (wie im Roman) die Nachricht, dass seine Mutter gestorben sei. Meursault – ein verschlossenes Gesicht, gutaussehend, etwas dandyhaft, nicht unbedingt sympathisch. Er nimmt sich frei und reist mit dem Bus an ihren Sterbeort – ein Altenheim. Er hält die Totenwache, aber den Sarg lässt er nicht öffnen, er will sie nicht mehr sehen: »Weil es nichts bringt«.
Gleichgültig betrachtet er die Menschen, die seiner Mutter in den letzten Jahren nahegestanden haben. Ausdruckslos nimmt er die Zeremonie des Abschieds auf und kehrt in sein Leben zurück. Geht ins Schwimmbad, trifft Marie Cardona (Rebecca Marder), genießt seinen unbekleideten Körper und den der attraktiven Frau, geht mit ihr ins Kino, , um eine Komödie von Marcel Pagnol mit Fernandel zu sehen, schläft mit ihr, arbeitet in seinem Geschäftsbüro.
Als Sohn, als Angestellter, als Kumpel, als Liebhaber, als Zeitgenosse und Mitmensch, als Angeklagter bleibt er ein Betrachter, auch seiner eigenen Geschichte, die er ohne sichtbare Emotion registriert. Er lügt nicht, auch nicht während des Prozesses vor Gericht, als er nicht von Reue, sondern von Langeweile spricht. Behauptet nicht, etwas zu fühlen, wo er nicht fühlt. Ein Beispiel für die »Verhaltenslehren der Kälte«, die Helmut Lethen für die Epoche zwischen den beiden Weltkriegen ausgemacht hat. Albert Camus’ Schlüsselroman des Jahrhunderts erschien 1942.
Die Spur, die François Ozon in diesem Monument des Existentialismus (mehr als 50 Jahre nach Luchino Viscontis Adaption mit Marcello Mastroianni) aufnimmt, lässt sich bereits in früheren seiner Filme auslesen: in der Trilogie der Trauer mit »Unter dem Sand«, »Die Zeit die bleibt« und »Rückkehr ans Meer« zwischen 2000 und 2009 und auch in »Sommer 85« von 2020. Das Gefühl des Fremdseins in der und des Herausfallens aus der Welt, Isolation und Konfrontation mit sich selbst und dem eigenen Leben, wie es sich abspielt und für den ‚Hauptdarsteller’ ereignet, ohne dass dieser das Drehbuch gekannt und die Überzeugung hätte, »dass man sein Leben ändern kann« oder irgendetwas eine Bedeutung hätte. Der glückliche Sisyphos also.
Für die Figur, die Ozon zwischendurch im Gefängnis inmitten der anderen Häftlinge aufwachen lässt, hat er mit Benjamin Voisin einen brillanten Interpreten und Phänotyp gefunden, dessen Attraktivität sich in seiner indifferenten und indolenten Maske erfüllt und der auf Patricia Highsmiths mörderischen Tom Ripley vorauszuweisen scheint. Kühl, klar und elegant, ist Ozons »Der Fremde« schon jetzt ein Klassiker zu nennen.
Die Kamera von Manuel Dacosse heftet sich an Meursault, nimmt ihn kaum aus dem Blick, als sei sie fasziniert von dieser makellosen Fassade und wolle ergründen, was hinter dieser Stirn vor sich geht. Das gilt nicht nur, aber besonders auch für die genau mittig im dem Schwarzweißfilm gestaltete Todesszene am Meeresstrand. Auge in Auge sind Täter und Opfer wie in einer Arena unter greller Sonne. Gezeigt wird auch eine deutlich erotisch konnotierte Begegnung, so dass nicht allein die Stahlklinge des Messers es ist, das der Halbwüchsige aus der Hosentasche zieht, die das Flimmern verursacht, das Meursault blendet, als er fünf Mal mit dem Revolver schießt und damit »das Gleichgewicht des Tages zerstört«. Ozon lässt das Bild stehen und zitiert aus dem Roman. Dass er zum Schluss noch dem Grab des toten Algeriers am Strand die letzte Ehre erweist, ist eher ein pflichtschuldig korrekter als glaubwürdiger Epilog.
Wie Ozon aber den Gang Meursaults zur Guillotine zunächst inszeniert als Traumbild, in dem der Henker und sein Todeswerkzeug auf einem kahlen Wüstenhügel stehen, rückt die Geschichte ins mythisch Fantastische und nahe an Kafka heran, den anderen großen Schuldsprecher der Literatur. Meursault, der den Priester abweist, ist in der Zelle bei sich, nicht in sich selbst gefangen, sondern von sich und seinem Geschick umfangen und empfänglich »für die zärtliche Gleichgültigkeit der Welt«. Ganz allein mit diesem seinem Glück. *****
»Der Fremde«, Regie: François Ozon, F 2025, 120 Min., Start: 1. Januar






