Was tun, wenn das Leben Risse bekommt? In ihrem neuen Roman verbindet Sarah Meyer-Dietrich die Verlusterfahrung ihrer Protagonistin mit der Gelsenkirchener Bergbaudepression – eine originelle Komposition, die nicht nur die titelgebende Tamara in ein neues Licht rückt.
Tamara ist tot. Das ist kein Spoiler, sondern der erste Satz von Sarah Meyer-Dietrichs neuestem Roman »Tamara, bei Licht betrachtet«. Tamara, das ist Maries Mutter und Peters Frau. Eine Mutter, die vielleicht keine hätte werden sollen. Eine Frau, die für ihren Mann nach Gelsenkirchen gezogen ist, wo ihr die Luft zum Atmen fehlt – und die sich lieber mit ihren Kunstwerken beschäftigt als mit ihrer Familie. Als das Zechensterben beginnt und Peter kein anderes Thema mehr kennt, lässt sie Mann und Tochter zurück, geht nach Berlin und widmet sich vollkommen ihren Leinwänden, die sie monochrom bemalt: Blau, Grau, Schwarz.
Jahre später erreicht Marie die Nachricht vom Tod ihrer Mutter. Lungenkrebs im Endstadium hatte sie gehabt und sich die Pulsadern aufgeschnitten. Das passt zu Tamara, die ihr Leben immer selbst in die Hand genommen hat. Für Maries Tochter Paula ist der Tod von »Tamama« ein Schock. Sie hatte die liebevolle Beziehung zu ihrer Omi, die Marie immer wollte. Zuneigung für ihre Tochter stand nie auf dem Programm, »Stell dich nicht so an« lautete ihre Lebensweisheit.
Zwischen Jetzt-Zeit und Retrospektiven
Marie reist nach Berlin und merkt, dass sie keine Ahnung hat, wen sie zur Beerdigung einladen soll. Nichts scheint sie zu wissen über ihre Mutter. In Retrospektiven fängt sich Marie an zu erinnern: an ihre Kindheit in Gelsenkirchen, ihre Jugend in Berlin, an all die Worte, die nie ausgesprochen wurden und stößt dabei auf Tamaras gut behüteten Geheimnisse.
Raffiniert spinnt Sarah Meyer-Dietrich einen Roman, der eine so außergewöhnliche Familiengeschichte erzählt, wie man sie nur selten liest und dabei ganz nebenbei die ost-westdeutsche Geschichte neu literarisiert: Dem vermeintlichen Eldorado Berlin, der Stadt, in der man sich jeden Tag neu erfinden kann, stehen deprimierte Kumpel und ein tiefer Riss im Schalke-Becher entgegen. Während drüben die Mauer fällt, wird in Gelsenkirchen der Bergbau immer mehr infrage gestellt, fürchten Peter und seine Kumpel täglich um ihre Jobs. Ein »grauer Schleier« legt sich über die Nachbarschaft, der sie nie wieder ganz verlassen wird. Gelsenkirchen wird von »der Stadt der tausend Feuer zur Stadt der tausend Sonnen« und im Osten werden ganze Dörfer umgesiedelt – in Maries Identität verbinden sich die Geschichten des Bergbaus wie Tunnel unter Tage.
In kurzen Kapiteln springt Meyer-Dietrich zwischen Jetzt-Zeit und Retrospektiven, lässt Marie sich erinnern, rekapitulieren, reflektieren und verstehen. Im Sog fliegt man durch ihre Erinnerungsfetzen, die assoziativ-fließend miteinander verbunden sind und es schaffen, Leichtigkeit in einen Text zu bringen, der vor lauter Wunden blutet. Immer wieder bemüht die Autorin die Metapher des Risses – in der Hausfassade, an ihren Händen, zwischen den Menschen, um die Verletzlichkeiten mehrerer Leben zu erzählen. Den Schmerz lindern können dabei nur die liebevoll gezeichneten Figuren: das Stoffnilpferd Kaminski, das in Maries Kindheit das Sprechen übernimmt. Sein wortkarger Namensvetter, Kumpel Kaminski, immer eine Trost-Ritter-Sport in der Tasche. Ela und ihre Väter Fatih und Thilo, die Marie in Berlin eine wirkliche Heimat bieten oder Simon, der Maries blau-weißes Herz mit seinen Cottbusser Fan-Gesängen im Sturm erobert.
Dass die Bergbau-Metaphorik stellenweise etwas überstrapaziert wird, verzeiht man dem Roman schnell, der mit seiner feinen Komposition individuelle Schicksale und Grubengeschichte lakonisch miteinander verbindet. Die im Revier aufgewachsene Meyer-Dietrich versteht es, ihre Skizze der Region vor überflüssiger Romantik zu beschützen und gleichzeitig auf jeder Seite erlebbar zu machen – sei es im Musiktheater Gelsenkirchen, auf Schloss Dyck oder in der Nordkurve vom S04.

SARAH MEYER DIETRICH: »TAMARA, BEI LICHT BETRACHTET«
HARPERCOLLINS, 336 SEITEN, 24 EURO
29. SEPTEMBER: PREMIERENLESUNG, LITERATURHAUS DORTMUND
14. JANUAR 2027: LESUNG, BUCHHANDLUNG KAPE IN VELBERT






