»Kammerspiele #1 Eifersucht | Die Nacht der Lesben« ist die erste Episode einer sechsteiligen Theaterserie, die Markus Öhrn für das Schauspiel Köln konzipiert hat.
Was für ein Auftritt! Schon in dem Moment, in dem der von Elias Eilinghoff gespielte August Strindberg zum ersten Mal den weißen Bühnenraum betritt, kann es keinen Zweifel an seiner maßlosen Selbstüberschätzung geben. Der schwarze Zylinder auf seinem Kopf, die hellgraue zweireihige Weste über dem schwarzen Rollkragenpulli, der schwarze Gehrock, der dunkle von (falschen) Schneeflocken gesprenkelte Pelzmantel und der Gehstock haben nur eine Funktion: Sie sollen ihm eine Aura von Unantastbarkeit verleihen. Doch seine langsamen Bewegungen und die Pappmaché-Maske, die seine Züge verbirgt und seinem Gesicht einen Ausdruck ewigen Erstaunens verleiht, erzählen eine ganz andere Geschichte. Hier spielt sich ein zutiefst verunsicherter, innerlich zerrissener Mann auf und offenbart so anstelle von Stärke eine Schwäche, die ihn zugleich lächerlich und gefährlich macht.
Der schwedische Theatermacher Markus Öhrn thematisiert in seinen Arbeiten immer wieder die Machtverhältnisse, die sich in Beziehungen zwischen Frauen und Männern manifestieren und scheinbar wie von selbst verfestigen. Performances wie »Häusliche Gewalt« (2018) und »3 Episodes of Life«, die bei den Wiener Festwochen herausgekommen sind, oder seine am Wiener Volkstheater entstandene Bühnenversion von Ingmar Bergmans »Szenen einer Ehe« (2023) widmen sich der psychischen wie der physischen Gewalt, die Männer so erschreckend oft in Beziehungen ausleben. Sie gehen gezielt an die Grenzen des Erträglichen, um das Publikum mit einer Realität zu konfrontieren, der es sich natürlich bewusst ist, die es jedoch meist verdrängt. Dabei arbeitet Öhrn konsequent mit Verfremdungen und Verzerrungen, zu denen neben den Pappmaché-Masken und den verlangsamten Bewegungen auch technisch verzerrte Stimmen und hyperrealistische Geräuscheffekte gehören.
Eigenwillige Ästhetik
Für das Schauspiel Köln entwickelt Öhrn unter dem Obertitel »Kammerspiele« eine auf fünf Jahre angelegte Reihe von Inszenierungen. Der erste Teil »Eifersucht | Nacht der Lesben« basiert auf Per Olov Enquists 50 Jahre altem Psychodrama »Die Nacht der Tribaden«, einem Stück über den Dramatiker und Frauenhasser August Strindberg. Im Jahr 1889 soll dessen Stück »Die Stärkere« am von seiner Frau Siri von Essen geleiteten Dagmar-Theater seine Uraufführung erleben. Die Ehe der beiden steht kurz vor der Scheidung. Als Strindberg zu einer Probe ins Theater kommt, trifft er dort neben Siri (Bettina Lieder) auch deren Geliebte Marie Caroline David (Rebekka Biener) und den in seiner Demut schon erschreckend servilen Schauspieler Viggo Schiwe (Andreas Grötzinger). Zwischen diesem Quartett entspinnt sich ein Kampf der Geschlechter, in dem sich die Rollen mehr und mehr verschieben und der Titel von Strindbergs Stück einen prophetischen Klang bekommt.
Enquists Stück merkt man sein Alter deutlich an. Seine feministische Grundhaltung steht zwar in einem reizvollen Kontrast zu Strindbergs »Die Stärkere«, einem Stück über zwei Frauen, die »um einen abwesenden Mann kämpfen«. Aber Enquists Figuren bleiben dabei ähnlich holzschnittartig wie seine für die 1970er Jahre progressiven Ideen. »Die Nacht der Tribaden« ist aus der Zeit gefallen und damit geradezu perfekt für Markus Öhrns eigenwillige Ästhetik.
Die Pappmaché-Masken mit den geöffneten Mündern, den dicken grellroten Lippen und den riesigen, weit aufgerissenen Teller-Augen, die alle tragen, treiben dem Stück erst einmal jegliche Form von Psychologie aus. Aus Enquists Figuren werden Typen, die klassische Vorstellungen von Männlichkeit und Weiblichkeit spiegeln. Aber dabei belassen es Öhrn und sein Ensemble nicht. Die Masken, die ihre Gesichter verbergen und dafür das von den Verhältnissen verheerte Innere der Figuren offenbaren, geben Rebekka Biener, Bettina Lieder, Elias Eilinghoff und Andreas Grötzinger eine ganz eigene Freiheit. Ihr Spiel definiert sich so statt über Mimik über kleinste Bewegungen ihrer Hände, über Nuancen in ihrer Körperhaltung und über die Art, in der sie sich einander nähern.
Biener, Lieder, Eilinghoff und Grötzinger gelingt es, durch ihr feines, äußerst differenziertes Körper-Spiel all das, was die Masken verdecken, auf eine andere Weise sichtbar zu machen. Die eingefrorenen Züge der Masken werden so für das Publikum beinahe lebendig. Man erkennt in ihnen die Deformationen, zu denen bürgerliche Konventionen und Hierarchien in jedem einzelnen führen. So entwickelt sich aus Öhrns Theatermitteln eine Tiefe und Genauigkeit in der Darstellung von Beziehungsdynamiken, die weit über Enquists Stück hinausgeht.
WIEDER AM 20. FEBRUAR UND 8. MÄRZ
DEPOT, KÖLN






