Was ist für unsere Kritiker*innen ein besonderes Bühnen-Highlight der vergangenen Wochen? Und was ist weniger gelungen? Diesmal schauen wir mit Stefan Keim nach Neuss und mit Sascha Westphal nach Münster.
Top: Stefan Keim ist beeindruckt von »Die Wut, die bleibt« in Neuss
Es ist nichts Besonderes passiert. Ihr Ehemann hat bloß beim Essen nach Salz gefragt. Helene steht auf, geht zur Balkontür und springt. Einfach so. Tot. Die Familie bleibt zurück, voller Entsetzen und Schuldgefühle. Was haben Ehemann und Kinder nicht bemerkt? Aus dem Schock entsteht Wut, »Die Wut, die bleibt«, so heißt das Buch von Mareike Fallwickl. Sandra Strunz hat es am Rheinischen Landestheater Neuss mit einem überwältigenden Ensemble inszeniert.
Die Wut ist positiv, zerstörerisch auch, aber es braucht die Wut, damit Neues entsteht. Helenes Tochter und ihre Freundinnen lassen sich nicht mehr beruhigen. Sie schreien, kotzen ihren Protest heraus, fordern Veränderung. Es ist großartig, dass bei aller Kraft auch Momente des Zweifels und der Nachdenklichkeit entstehen. Helenes Freundin zum Beispiel ist die Radikalität der jungen Frauen zunächst fremd. Und auch der Ehemann kommt gelegentlich zu Wort. Oft geraten feministische Power-Performances inhaltlich eindimensional oder sogar selbstgerecht. Das ist hier nicht so. In der Explosivität liegen Verletzbarkeit und Verletztheit. Dieser Abend bewegt, löst etwas aus, sorgt für Diskussionen.
WIEDERAUFNAHME AM 8. OKTOBER
RHEINISCHES LANDESTHEATER NEUSS

Flop: Sascha Westphal ärgert sich über »Toxische Männer« in Münster
Was für eine vertane Chance! Natürlich gehören die fortlebenden Machtstrukturen des Patriarchats und die Gewalt, die von Männern ausgeht, zu den großen Problemen unserer Zeit. Davon zeugen die Kriminalstatistiken. Konstantin Küsperts Stück »Toxische Männer« verspricht, einen Finger in diese gesellschaftliche Wunde zu legen. Doch statt Strukturen offenzulegen und den Ursachen männlicher Gewaltbereitschaft auf den Grund zu gehen, hat Küspert eine lose Szenenfolge verfasst, die eher an eine harmlose Kabarett-Revue als an politisches Theater erinnert. Zwei Erzählstränge ziehen durch dieses Sammelsurium von platten Gags und halbgaren Einfällen. Da ist Prometheus, der den Menschen das Feuer gebracht hat und dafür von Zeus ans Kaukasusgebirge gekettet wurde, ein Möchtegern-Schöpfer und Tyrann. Und da ist der nordkoreanische Diktator Kim Jong-un, der mittels einer »KIM« genannten KI die Weltherrschaft übernimmt und Frauen und Männer auf verschiedenen Kontinenten separiert. Diese irrwitzige dystopische Utopie könnte wenigstens ein paar Fragen anstoßen. Doch Cilli Drexels rein auf Effekt getrimmte Inszenierung raubt auch ihr den letzten Rest Tiefe und Schärfe.
17. JULI






