Depressiv zu sein und zugleich auf der Bühne zu stehen – ist das ein Widerspruch? Nein, sagt Tobi Katze, der als Slampoet auch die eigene Krankheit zum Thema macht. Vor zehn Jahren hat er den Bestseller »Morgen ist leider auch noch ein Tag« bei Rowohlt veröffentlicht, in dem er offensiv und humorvoll über seine Depression erzählt. Wie geht es ihm heute? Und woran arbeitet er jetzt?
…sind die Themen Depression und Einsamkeit. Die Depression hat mein Leben ganz grundsätzlich durchgerüttelt. Die Krankheit ist natürlich auf einer persönlichen Ebene ein Einschnitt, auf eine Art auch ein traumatisierendes Erlebnis. Aber die Möglichkeit, darüber zu sprechen, hat mir eine größere Bühne geboten. Ich konnte das Buch »Morgen ist leider auch noch ein Tag« herausbringen, das mir erlaubt hat, die letzten zehn Jahre hauptberuflich als Schriftsteller auf der Bühne zu stehen, vor abertausenden von Menschen über das Thema Depression zu sprechen und gemeinsam auch ein bisschen gute Laune und Hoffnung zu verbreiten. Ich konnte dadurch meinen Job weitermachen, mit weniger Sorgen andere Projekte verfolgen. Das war ein wilder Ritt – tagein, tagaus unterwegs sein zu dürfen und auch zu können, Menschen kennenzulernen, zwischendurch andere Dinge zu schreiben. Das war schon lebensverändernd. Das Buch war ein sogenannter Longseller, hat sich rund hunderttausend Mal verkauft, ich glaube, wir sind mittlerweile in der 15. Auflage. Das ist krass, war jenseits meiner Vorstellungskraft.
Ursprünglich bin ich aus einer Trauer und Hilflosigkeit heraus an die Öffentlichkeit gegangen. Der Suizid einer Freundin hat mich dazu gebracht, dass ich dachte: Ich muss jetzt etwas zu dem Thema machen, damit etwas Positives anfangen. Daraus sind erst ein Blog und dann das Buchprojekt entstanden, in rasanter Folge. Wahrscheinlich habe ich zur richtigen Zeit mit dem richtigen Tonfall das richtige Thema an die Öffentlichkeit gezerrt. Das hat mit mir als Schriftsteller und Person vielleicht gar nicht so viel zu tun. Da kamen einfach viele Dinge zusammen.
Über die Depression habe ich in der Zeit gelernt, dass man dazu neigt, sie zu unterschätzen und ein bisschen zu verharmlosen, auch wenn man die Krankheit hat. Ich bin da selber in eine Falle getappt, dachte jahrelang: »Ich habe das im Griff, ich war in Therapie, habe Medikamente genommen. Mir geht es doch gut.« Im Laufe von Corona bin ich aber wieder in ein depressives Loch gefallen, ohne es als solches identifizieren zu können. Mir ist erst im Nachhinein aufgefallen, dass ich wohl wieder in einer Depression stecke. Auch wenn man Witze drüber macht: Letztendlich ist es immer noch eine Krankheit, die viel Leid und Zerstörung hinterlässt. Die Witze sorgen allerdings für eine Gemeinschaft, dass man sich nicht so einsam fühlt damit.
»Witze über Depressionen sorgen für eine Gemeinschaft, dass man sich nicht so einsam fühlt damit.«
Tobi Katze
Was sich in den letzten zehn Jahren radikal verändert hat ist: dass wir auf einem guten Weg sind, immer offener über die Krankheit zu sprechen. Ich weiß nicht genau, wann das losgegangen ist, aber um den Zeitraum 2018 bis 2020 ist sehr stark etwas in Bewegung gekommen. Das liegt sicher auch daran, dass Organisationen, die sich psychische Gesundheit auf die Fahnen geschrieben haben, auf Ebene der Medien und der Politik viel Aufklärungsarbeit leisten, so dass auch Stereotype nicht weiter verbreitet werden. Da wird auch mit Drehbuchautor*innen geredet. Weit verbreitete Stereotype sind zum Beispiel dieses »traurig heulend in der Ecke sitzen«. Das ist bestimmt auch mal so, aber Depression ist viel mehr als Traurigkeit. Aber auch das: »Ach, du bist du reich und erfolgreich, jung und schön, du kannst doch gar keine Depressionen haben.« Oder dass Menschen mit Depressionen verrückt und gefährlich seien. Das ist sehr verletzend, so etwas zu hören.
Beruflich habe ich irgendwann beschlossen, dass ich zu dem Thema alles gesagt und geschrieben habe. Ich finde es wichtig, neuen Zugängen und Ausdrucksweisen Platz zu machen. Was ich erzählen kann, erzähle ich gerne weiter, auch auf Bühnen, wenn die Menschen es hören wollen. Aber ich habe nicht unbedingt neue Erkenntnisse gewonnen. Es gibt andere Themen, die ich aktuell spannender und dringlicher finde. Gerade treibt mich das Thema Einsamkeit um. Seit Corona haben wir immer weniger Orte, an denen wir uns vorurteilsfrei begegnen können. Ganz viel ist ins Internet ausgelagert worden. Wir existieren mehr parallel, weniger in Gemeinschaften. Ich bin auch persönlich davon betroffen: Ich arbeite als Schriftsteller von Zuhause. Es gibt nicht so viele Notwendigkeiten, mich unter Menschen zu bewegen. Wenn Anlässe und Orte fehlen, sich zwanglos zu begegnen, auf dem Dorfplatz, im Großstadt-Kiez, kann Einsamkeit zum akuten Problem werden. Ich schreibe gerade an einer Geschichte, mit der ich versuche, die Themen Neurodivergenz und Einsamkeit zu verknüpfen in einer… liebevollen Fabel – so könnte man es vielleicht sagen.
Aufgezeichnet von Max Florian Kühlem
Name: Tobi Katze
Alter: 44 Jahre
Beruf: Autor und Slampoet
Wohnort: Bochum
TOBI KATZE: MORGEN IST LEIDER AUCH NOCH EIN TAG. IRGENDWIE HATTE ICH VON MEINER DEPRESSION MEHR ERWARTET, 252 SEITEN, 14 EURO






