Das Theater Bielefeld zeigt ein grandioses Musiktheater nach Christa Wolfs »Kassandra«.
Achill ist ein Held. Er tötet die besten Kämpfer seiner Feinde und demoralisiert die Gegner durch Grausamkeit. Das ist die eine Lesart. Christa Wolf nennt ihn ein »Vieh«, einen gewissenlosen Mörder. Oder genauer gesagt, legt sie diese Worte Kassandra in den Mund, der Seherin, auf die niemand gehört hat. Wolfs wuchtige Erzählung »Kassandra« ist ein Monolog und perfekt für die Bühne geeignet. Das zeigt nun auch die Uraufführung eines neuen Musiktheaterstücks in Bielefeld.
Die Bühne ist eine schräge Holzfläche. Löcher klaffen darin, als ob Bomben eingeschlagen wären. Darauf steht eine Frau im schmutzig weißen Kleid. Kassandras letzte Prophezeiung ist der eigene Tod. Sie hat nur noch ein paar Stunden zu leben. Gedanken, Bilder, Erinnerungen schießen ihr durch den Kopf – an den Trojanischen Krieg, die geschlachteten Brüder, die Demütigungen und die Gewalt, die sie selbst erlitten hat.
Der Chor als Resonanzraum
In den 1980er und 90er Jahren wurde Wolfs Text als Metapher auf die zu Ende gehende DDR gelesen. Diese Ebene spielt in der Bielefelder Fassung nun keine Rolle mehr. Hier rufen die kraftvollen Texte die heutigen Kriege und die allgegenwärtigen Schreckensbilder in die Köpfe des Publikums. Die Schauspielerin Christina Huckle schäumt und brüllt, argumentiert, krümmt sich und leidet, steht immer wieder auf, findet sogar die Kraft, die Mächtigen ironisch zu karikieren. Der Chor bleibt eine Ansammlung schwarzer Schatten, ein Resonanzraum. Er trägt weiße Masken vor sich, die am Ende direkt an der Bühnenkante niedergelegt werden, Stellvertreter*innen für alle, die ähnliche Schicksale erleben müssen und mussten.
Die Bielefelder »Kassandra« ist eine Mischung aus Oratorium und Schauspiel. Die Komponisten Mathis Nitschke und Stefan Behrisch arbeiten mit sich wiederholenden Phrasen, ohne in den Rausch der minimal music zu geraten. Der Chor murmelt oft kaum verständlich einzelne Worte, dann peitscht er explosiv im jagenden Rhythmus Namen der Kriegsopfer oder einzelne Sätze heraus. Die von Anne Hinrichsen zupackend und feinfühlig dirigierten Bielefelder Philharmoniker schaffen stimmungsvolle Resonanzräume, der E-Cellist Mathis Mayr korrespondiert mit der Schauspielerin auf improvisative Weise. Jeder Abend ist anders.
Intendantin Nadja Loschky hat zusammen mit Yvonne Gebauer die Textfassung geschrieben und ebenso atmosphärisch dicht wie inhaltlich genau inszeniert. Bei aller Komplexität ist »Kassandra« direkt, verständlich und mitreißend. Was zu einem riesigen Jubel des Publikums im ausverkauften großen Haus führte. Vor allem die Schauspielerin Christina Huckle, die den gesamten Abend trägt, wurde zu Recht gefeiert. Von ihr, verrät Nadja Loschky im Programmheft, kam überhaupt die Idee, sich mit »Kassandra« zu beschäftigen. Auch das ist eine tolle Bielefelder Tradition: Die Theaterleitung hört auf die Wünsche der Schauspieler*innen. So kommen immer wieder Aufführungen heraus, in denen die gemeinsame Leidenschaft zu spüren ist.
12. UND 24. APRIL






