Der Skulpturenpark Waldfrieden in Wuppertal feiert die vor zwei Jahren verstorbene Bildhauerin Rebecca Horn mit einer Werkübersicht, die sich über alle drei Ausstellungspavillons erstreckt. Bewegung ist der Motor ihrer Kunst.
Eine Arbeit ragt heraus bei Rebecca Horns aktueller Werkübersicht »Emotion in Motion« im Skulpturenpark Waldfrieden. Gemeint ist der »Turm der Namenlosen«. Ein Mahnmal von zerbrechlicher Intensität: Hölzerne Leitern, ineinander verkeilt, ragen als fragiles Gebilde empor, das durch Geigen gänzlich unerwartet orchestriert wird. In festgelegten Intervallen treiben kleine Motoren die Violinen an – die Töne, die auf diese Weise erzeugt werden, klingen, als würde ein Musiker gerade sein Instrument stimmen.
Den »Turm der Namenlosen« realisierte Rebecca Horn (1944-2024) im Jahr 1994 für das Treppenhaus einer Altbauvilla am Wiener Naschmarkt. Die Installation widmete sie den Opfern der Jugoslawienkriege. In jener Zeit suchten tausende Geflüchtete Schutz in Wien – viele davon lebten unter prekären Bedingungen rund um den Naschmarkt. So unmittelbar ergriff die Skulptur manche Betroffene, dass sie sich spontan mit eigenen Instrumenten dazugesellten, um in das Kunstkonzert einzustimmen.
Der Turm, der Assoziationen zur heutigen Situation von Flüchtlingen nicht nur erlaubt, sondern herausfordert, steht exemplarisch für das Werk einer Künstlerin, die poetisch und politisch zugleich war. Er ist eine von 14 kinetischen Skulpturen, die in Wuppertal Einblicke in ihren »Maschinenraum der Kunst« gewähren. Zudem erschließt ein eigenes Programm im Anbau des Café Podest das filmische Schaffen der vielseitigen Künstlerin. Horns Filme – die frühesten datieren vom Beginn der 1970er Jahre – sind keine Randnotiz, sondern elementarer Bestandteil des Œuvres, mit ihren performativen und skulpturalen Werken in vielerlei Form verknüpft.
Bei der Wuppertaler Ausstellung handelt es sich um eine Kooperation mit der Moontower Foundation. Diese Stiftung, ansässig in Bad König, hat Horn 2007 selbst gegründet, um die Betreuung ihres pflegeintensiven Werks und die Nachlassverwaltung beizeiten in kundige Hände zu geben. 2015 erlitt sie einen Schlaganfall, der ihrer Karriere ein abruptes Ende setzte.
Kinetische Kunst
Im Münchner Haus der Kunst war vor zwei Jahren eine Retrospektive zu sehen – die letzte Ausstellung zu Lebzeiten der Künstlerin, die mit 80 starb. In der kulturhistorischen Schau »Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst«, die vor kurzem im Potsdamer Museum Barberini gezeigt wurde, gehörte ihre Performance »Einhorn« von 1970 zu jenen Exponaten, die das mythologische Fabelwesen im Terrain der Gegenwartskunst ansiedeln. »Emotion in Motion« ist nun der vorläufige Höhepunkt einer Ausstellungsoffensive, die Rebecca Horn als eine der prägenden Künstlerpersönlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte erscheinen lässt.
Ihr Weg zur kinetischen Kunst war von einer existenziellen Zäsur geprägt. Ende der 1960er Jahre erlitt sie als Studentin eine schwere Lungenvergiftung durch die Arbeit mit giftigen Kunststoffen wie Glasfasern und Polyesterharz. Es folgten lange Aufenthalte in Krankenhaus und Sanatorium. Auf diesen Kollaps ihres Körpers reagierte Rebecca Horn künstlerisch – in Form sogenannter »Körperextensionen«. Wie durch Zauberei erfährt der Bewegungsapparat hierbei Zuwachs durch Prothesen und Zubehör aus organischen Materialien. Federn und Bandagen ersetzten die toxischen Stoffe. 1972 präsentierte Horn die »Körperextensionen« auf der documenta 5 in Kassel – damals war sie die jüngste Künstlerin bei dieser wohl wichtigsten Positionsbestimmung der internationalen Gegenwartskunst.
Ab den 1980er Jahren wechselte sie das Medium, vertauschte die Körperkunst mit der Apparatur. Wie der Mensch, so sind auch diese kinetischen Werke alles andere als perfekt: Sie beben, zittern, ermüden mitunter, stoppen sogar abrupt, scheinen jedenfalls ein eigensinniges, durchaus auch verletzliches Eigenleben zu führen. In Wuppertal wird dies etwa beim »Concert for Anarchy« (2006) deutlich. Ein kopfüber von der Decke hängender Flügel bricht in regelmäßigen Abständen aus seiner Starre aus: Der Deckel reißt auf, die Tasten schnellen hervor, und die Saiten erzeugen ein klangliches Beben, bevor sich das Instrument wieder schließt.
Ironie der Maschinen
Ihre Maschinen setzt Rebecca Horn auch zur ironischen Befragung etablierter Kulturtechniken ein. Die »Malmaschine« (1991) etwa ersetzt den »genialen« Schöpferakt durch einen mechanischen Arm, der Tinte und Champagner gegen die Wand spritzt. Die Macho-Malergesten, wesentlicher Bestandteil der männerdominierten Moderne, nimmt die Künstlerin aufs Korn, indem sie das vermeintlich Titanische an eine ›seelenlose‹ Gerätschaft delegiert – und tiefer hängt. Nach demselben automatischen Prinzip funktioniert die »Brautmaschine« (1988), die Stöckelschuhe rhythmisch mit blauer Farbe bespritzt und dabei elegant mit sexuellen Fetischen spielt.
Auch die Liebe findet bei Horn ihren mechanischen Ausdruck: In der Installation »Kuss des Rhinozeros« (1989) bewegen sich zwei mit Nashorn-Hörnern bestückte Metallhalbkreise gemächlich aufeinander zu, bis sich am Berührungspunkt ein elektrischer Impuls entlädt. Beinahe meditativ wirken dagegen ihre späten Werke. Beispielsweise die Bodenarbeit »Hauchkörper« von 2017: Schlanke, spitz zulaufende Messingstäbe, mechanisch angetrieben, wiegen sich sanft wie Gräser im Wind. Mit den Bäumen, die durch die Glaswände des Pavillons im Skulpturenpark Waldfrieden unmittelbar ins Blickfeld geraten, verschmelzen die filigranen Stangen zu einem Ensemble.
Ihre Premiere feierte diese Werkgruppe bei einer Ausstellung im Duisburger Lehmbruck Museum. Anlass für diese Schau war die Verleihung des renommierten Wilhelm-Lehmbruck-Preises, den Rebecca Horn 2017 als erste Frau überhaupt entgegennehmen durfte. Im Skulpturenpark Waldfrieden erfährt ihr Schaffen, das Tony Cragg »berührend und rührselig« nennt, nun eine posthume Würdigung, die der Künstlerin mit Gewissheit gefallen hätte.
»REBECCA HORN. EMOTION IN MOTION«
SKULPTURENPARK WALDFRIEDEN, WUPPERTAL
BIS 30. AUGUST



