Am 21. Juni 2026 startet die europäische Wanderbiennale Manifesta 16 im Ruhrgebiet. Wie laufen die Vorbereitungen? Und was erwartet uns im Sommer? Manifesta-Direktorin Hedwig Fijen gibt Einblicke.
kultur.west: Frau Fijen, Schauplätze der Manifesta werden Kirchen im Ruhrgebiet sein – nach dem Krieg erbaut und mittlerweile aufgegeben. Rund 200 solche Gotteshäuser haben Sie gesichtet – was ist Ihr Eindruck?
HEDWIG FIJEN: Am meisten beeindruckt hat mich die bemerkenswerte architektonische Qualität und die bewegende Geschichte der sogenannten Pantoffelkirchen. Diese Gebäude sind sehr berührende und zugleich hoffnungsvolle Beispiele für den modernistischen und brutalistischen Wiederaufbau nach dem Krieg im Ruhrgebiet. Nach 1945 gehörten sie zu den ersten neuen Symbolen der Demokratie und hatten eine große Bedeutung für den Wiederaufbau kollektiver Erinnerung und den Zusammenhalt der Gemeinschaft in zerstörten Stadtteilen. Auch fiel mir auf, wie eng diese Kirchen mit dem Gemeindeleben verwoben sind: Viele liegen direkt neben Kitas, Schulen und Seniorenheimen und bilden damit frühe »15-Minuten-Städte«, in denen die täglichen Bedürfnisse auf engem Raum konzentriert waren. Diese Strukturen ermöglichten es den Gemeinschaften, zu gedeihen.
kultur.west: Zwölf dieser Kirchen in vier Städten – in Essen, Duisburg, Bochum und Gelsenkirchen – wurden für die Manifesta ausgesucht. Nach welchen Kriterien haben Sie die Auswahl getroffen?
FIJEN: Wir haben Kriterien verwendet, die wir intern »WAM« nennen: Jede Kirche muss einen starken Wow-Faktor in Bezug auf architektonische Qualität, städtebauliche Präsenz und Merkmale wie Materialität oder Glasmalerei haben. Gleichzeitig muss sie während der 15-wöchigen Ausstellungszeit immer vollständig zugänglich sein und offen für künstlerische und sozialgestalterische Interventionen – sowohl im Gebäude als auch in der Umgebung. Darüber hinaus muss sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sein. Intern nennen wir sie scherzhaft die »WAM-Kirchen«: Wow – Accessible – Mobility.
kultur.west: Mobility ist ein gutes Stichwort. Die Schauplätze der Manifesta 16 liegen recht weit auseinander – wie soll man von einem Ort zum anderen gelangen?
FIJEN: Die Idee ist, dass die Besucher*innen einer Route durch verschiedene Städte und Kirchen folgen und dabei die Vielfalt der Gotteshäuser im Ruhrgebiet erleben. Dazu prüfen wir verschiedene Optionen – öffentliche Verkehrsanbindungen, eine eigene M16-Straßenbahn oder -Buslinie, Elektrofahrräder und kleine Shuttlebusse für kürzere Strecken. Ideal stellen wir uns einen Mobilitätspass vor, mit dem man verschiedene Transportmöglichkeiten bequem kombinieren könnte.
kultur.west: Schon im Oktober ist das Vor-Programm in Gelsenkirchen mit zwei Workshops gestartet. Sind im Vorfeld weitere Veranstaltungen geplant?
FIJEN: Es ist noch viel geplant: weitere Community-Workshops, das Youth-Shift-Programm, bei dem junge Menschen kritisch über die Manifesta 16 reflektieren, Schulungen für Schulen und Vermittlungsprogramme. Außerdem werden wir vorbiennale Filmvorführungen veranstalten und die schrittweise Transformation der Kirchen begleiten.
kultur.west: Und hinter den Kulissen? Wie werden die Vorbereitungen weitergehen? Welche Aufgaben liegen vor Ihrem Team?
FIJEN: Wir finalisieren derzeit alle Veranstaltungsorte und vertiefen die Forschung und Planung für die künstlerischen und sozialgestalterischen Projekte. Dazu gehören detaillierte Budgetierung, technische Vorbereitung und die Konzeption von Publikationen. Unsere Bildungs- und Kommunikationsprogramme werden entwickelt und umgesetzt, Partnerschaften aufgebaut sowie Transport- und Mobilitätssysteme organisiert.
kultur.west: Für das Hauptprogramm der Manifesta sind mehrere Kurator*innen zuständig.
FIJEN: Ja, wir haben drei Tandems, in denen Kurator*innen aus unterschiedlichen Generationen zusammenarbeiten, außerdem Josep Bohigas und Gursoy Doğtaş, die jeweils in mehreren Kirchen arbeiten. Doğtaş konzipiert zudem ein öffentliches Programm. Letztlich liegt meine Verantwortung darin, sicherzustellen, dass diese Beiträge als eine kohärente Biennale zusammenkommen – und nicht als fünf separate.
kultur.west: Gibt es schon Ideen, was in den Kirchen passieren soll?
FIJEN: Mehr als 60 Künstler*innen und Fachleute werden sich kreativ mit der Wiederverwendung der aufgegebenen und entweihten Pantoffelkirchen und ihrer Umgebung auseinandersetzen. Besonders interessieren uns Vorschläge, die auch nach Abschluss der Manifesta 16 fortgeführt werden können und langfristigen Wert für die beteiligten Menschen und Gemeinschaften schaffen. Das war bisher bei jeder Manifesta-Ausgabe unser Streben, etwas Bleibendes zu hinterlassen.
kultur.west: Wie könnte das bei der Manifesta 16 aussehen, was würden Sie sich wünschen?
FIJEN: Für die Manifesta 16 Ruhr bedeutet das, nachhaltige Lösungen für geschlossene Kirchen zu entwickeln – entweder durch neue Transformationsmodelle oder durch die Gestaltung alternativer, inklusiver und sicherer Umgebungen. Wir möchten zeigen, dass die Manifesta als echter Inkubator für sozialen Wandel funktionieren kann. Wir glauben, dass künstlerische Vorstellungskraft politische Vorstellungskraft eröffnen kann – dass öffentlicher Raum zurückgewonnen, Erinnerung wiederhergestellt und lokale Gemeinschaften befähigt werden können, die Bedingungen für Transformation selbst zu gestalten.
Zur Person
Hedwig Fijen, geboren 1961 in den Niederlanden, hat Geschichte und Kunstgeschichte in Amsterdam studiert. Seit ihrer Gründung 1993 in Rotterdam ist sie Direktorin der Manifesta, die sich unter ihrer Leitung zu einem der wichtigsten Kunst-Events in Europa entwickelt hat.
»MANIFESTA 16 RUHR«
21. JUNI BIS 4. OKOBER 2026
ZWÖLF KIRCHEN IN DUISBURG, ESSEN, BOCHUM UND GELSENKIRCHEN



