Wir wollen nicht vom Kino ablenken, sondern zum Kino hinlenken, zu dem, was es war, ist und wieder sein wird. Regelmäßig und nun zum 53. Mal stellen wir einen Klassiker des deutschen und internationalen Films vor, der nicht unbedingt zum Kanon gehört, aber eine Rarität und Kostbarkeit ist. Bei einem der vielen Anbieter lassen sie sich ausleihen, als DVD kaufen, zur Not bei youtube besichtigen. Nur Netflix-Serien zu schauen, verengt den Blick, wir möchten ihn weiten, um auf der Kino-Leinwand besser zu sehen. Diesmal geht es um die Filmwelt von Volker Koepp: Zeit, Landschaft, Leben.
Volker Koepps Uhren gehen anders. Bei ihm erfahren wir, wie die Zeit weniger vergeht, als vielmehr stille steht. Bedachtsam, feinsinnig und ruhig spürt Koepp dem Geist der Natur nach und findet über deren Gleichklang und Kreislauf den Bezug zum Gesellschaftlichen und zu dessen (Fehl-)Entwicklungen. Natur und Künstlertum sind einander wohl nahe verwandt.
Gegenwart ist bei dem 1944 im pommerschen Stettin geborenen, längst in der Uckermark lebenden Koepp nie ohne Vergangenheit da. Der gelernte Maschinenschlosser, dann ausgebildet an der Hochschule für Filmkunst in Potsdam-Babelsberg, Defa-Regisseur und freier Künstler hat seit 1967 ein monumentales Werk geschaffen, in dem sich Lebens-, Sozial-, Kultur-, Natur- und politische Geschichte sublim verbinden. Der Wittstock-Zyklus zählt dazu, sein Czernowitz-Memorial und vieles mehr.
Der vielfach ausgezeichnete Chronist ist der Fontane des Dokumentarfilms. Von einer Wanderung mit Einar Schleef erzählt er, wie sie sich bei Erreichen eines Sees erinnert hätten, dass sich – so liest es sich in Fontanes »Stechlin« – in dem märkischen Gewässer die ganze Welt abbilde und auf deren Erschütterungen reagiere. Der Dok-Film kann und darf zur Form allerpersönlichster Teilnahme werden, so dass von Interesse geleitete Anschauung tiefen Sinn und dringliche Intensität erhält.
»Chronos« nun zieht während 200 Minuten die Summe von Koepps Filmwerk. Zuvor jedoch noch einige Eindrücke aus anderen seiner Filme. »Landstück« (2016) ist eine kritisch meditative, nahezu kantatenhafte Betrachtung über Mensch und Natur. Koepp spricht mit Alteingesessenen, die über die DDR-Zeit der LPG berichten, über Schlussverkäufe während der Wende, sowie über Neuzugezogene, Ökologen, Umweltschützer, Bio-Bauern und Agrarwissenschaftler. Blühende Landschaften, aber beileibe kein Idyll angesichts rasanten Wandels und fataler Methoden industrieller Landwirtschaft. Angesichts von Monokultur, Windkraftanlagen, Großinvestitionen und dem Fortzug der Bewohner aus dem dünn besiedelten Gebiet.
In »Seestück« (2018) wühlt und rauscht die Ostsee wie im Zorn. Das massige Kreuzfahrtschiff AIDA posaunt. Fischer, Seeleute, Naturfreunde, Philosophen, Wissenschaftler erzählen. Die Idee von der Freiheit auf dem Meer an der vorpommerschen Küste, dem Caspar David Friedrich-Land, und weiter hinaus nach Skandinavien und ins Baltikum, sie kollidiert mit unserer Hybris. Dem Menschen ist die Schöpfung nicht mehr heilig. Offshore-Anlage, Pipelines, das Hässliche und Schädliche okkupieren das Gottgegebene.
Damals und Heute. Eine deutsche Geschichte, die biografisch in England endet: »Gehen und Bleiben« (2023) hat zum Ziel Sheerness on Sea, Sterbeort des Schriftstellers Uwe Johnson. Dort in seinem Haus hing eine Karte von Mecklenburg. Johnson, Jahrgang 1934, ist zehn Jahre älter als Koepp. Geboren im pommerschen Cammin, verlebte er seine Kindheit in Anklam. Das Meer rauscht und gleißt jenseits des Kanals ebenso wie an der kontinentalen Ostsee. »Und überdies erwies uns die See einige Augenblicke lang die Höflichkeit, so blau zu sein, wie blau nur sein kann.« Schreibt Johnson. Volker Koepp folgt den Spuren des Autors der »Jahrestage« beharrlich sanft und spannt den Erzählbogen vom Nazi-Reich und seinem Grauen, dem Kalten Krieg und geteilten Deutschland bis zu Europas Krieg in der Ukraine, der begann, während Koepp noch an dem Film arbeitete. »Der Vorbereitung eines Krieges ziehe ich die Vorbereitung des Friedens vor«, wird Johnson aus dem Jahr 1972 zitiert.
»Sarmatische Zeit« nannte Johannes Bobrowski einen Gedichtband. Der Zeiger der Uhr ist zurückgedreht. »Sarmatien« hieß einstmals die Landschaft, die von der Ostsee bis nach Transnistrien nicht fern vom Schwarzen Meer reichte. »Chronos« ist auch der (alte) Name eines Flusses, womöglich dem Pregel, womöglich der Memel. Das Konkrete und das Mythische, Heute und Gestern rinnen ineinander. Koepp ist wiederum »der Rauner des Imperfekts« (Thomas Mann). Ein Vermesser und Verwalter des eigenen Werks, das er zitathaft in Gesichtern, Orten, Erinnerungsbildern, Bedeutungsräumen und mit Wahlverwandten aufruft, weiterführt und zur epischen Erzählung ver-dichtet. Der Zweite Weltkrieg, Neuordnung des ausgebluteten Kontinents und verlorene Welt von Gestern, die nicht nur in Czernowitz auch eine kulturgesättigt jüdische war, Auflösung der Sowjetunion, Aufbruch und Abbruch, russische Aggression, Sehnsucht, Hoffen und sein Scheitern und der Wunsch nach Zukunft: Koepp aber belässt es nicht bei der Rückschau, er sammelt – weibliche – Stimmen der Gegenwart und schaut hinaus »für eine Zeit ohne Angst« (Bobrowski).






