Auf den Saisonstart in Düsseldorf gibt’s zwei völlig unterschiedliche Sichtweisen unserer Kritiker*innen: auf Ulrich Rasches Inszenierung von Heinrich von Kleists »Prinz Friedrich von Homburg«.
Für Dorothea Marcus bleibt Ulrich Rasches »Prinz Friedrich von Homburg« am D’haus weit hinter den eigenen Ansprüchen zurück.
Regisseur Rasche ist bekannt für seine düster deklamierten Textopern auf Drehscheiben. Lauernd und federnd stampfen seine Darsteller auf rotierenden Bühnenmaschinen zu hypnotischen Sounds. Und auch der Text verwandelt sich, da er dem Rhythmus der Schritte unterliegt, in Musik. Das ist überwältigend, mutet aber auch faschistoid an – vor allem, wenn der Krieg so blutrünstig gefeiert wird wie am Anfang des Kleist-Dramas. Und auch wenn Rasche so zeigt, wie Manipulation funktioniert, geht durch die Monotonie des Abends jede Nuance verloren. Warum regiert der Kurfürst so kalt? Warum ist die Verlobte so streng? Was bewirkt den Gemütsumschwung des Prinzen, der auf einmal sein Grab willkommen heißt? Warum sollen wir uns die formale Erwartbarkeit vier Stunden lang antun an einem lauschigen Frühherbstabend? Rasche liefert nicht genug Gründe – nur eine radikale Umdeutung: der Prinz erhält einen Doppelgänger, der statt seiner lorbeerbekränzt in den Tod geht – während er, begnadigt, grölend mit seinen Männern in die Schlacht zieht: »In Staub mit allen Feinden Brandenburgs«. Bei Rasche sinken sie allerdings tot zu Boden. Krieg tötet, ist die schmale Erkenntnis dieses deutlich zu breiten Abends.
Sascha Westphal erlebte am D’haus eine wegweisende Inszenierung von Heinrich von Kleists »Prinz Friedrich von Homburg«.
Heinrich von Kleists letztes Schauspiel ist ein schwieriges, überaus ambivalentes Stück. Der rigorose Militarismus und Nationalismus, die sich in dem berüchtigten Ausruf »In Staub mit allen Feinden Brandenburgs« offenbaren, verstören und fordern Widerspruch heraus. Aber Kleist hat diesen Widerspruch selbst schon in den Versen seines Dramas formuliert. Sein Prinz von Homburg ergibt sich am Ende zwar den Zwängen von Politik und Militär. Aber zuvor hat er sie mit seinem Freiheitsdrang herausgefordert und gezeigt, dass eigene Entscheidung mehr bewirken können als willenlose Unterordnung. Ulrich Rasche betont diesen Riss, der durch das Stück und seine Titelfigur geht, indem er dem von André Kaczmarczyk gespielten Träumer und Freidenker einen zweiten Prinzen an die Seite stellt. Wie Kaczmarczyk und sein von Yannik Stöbener verkörperter Doppelgänger einander folgen und umkreisen, wie sie miteinander Schritt halten und doch immer weiter auseinanderstreben, hat fast schon etwas Lyrisches. Wirklichkeit und Traum lassen sich nicht versöhnen, aber der Träumer ist am Ende stärker als der Mitläufer. So poetisch und so psychologisch präzise war bisher noch keine von Ulrich Rasches Inszenierung.
TERMINE: 8. UND 14. NOVEMBER, DHAUS.DE






