Schlechte Nachrichten aus Wuppertal: Die Stadt steckt in einem Haushaltssicherungsverfahren, die Kosten beim Pina Bausch Zentrum explodieren. Jetzt wurde auch noch der Stadtdirektor und Kulturdezernent Matthias Nocke abgewählt – ein großer Befürworter des Großprojekts. Wie geht es jetzt weiter?
Es glich einem kommunalpolitischen Beben: Ende Januar ist der Stadtdirektor und Kulturdezernent Matthias Nocke (CDU) in einer geheimen Abstimmung des Wuppertaler Stadtrats abgewählt worden. Gegen alle Absprachen. Seitdem will niemand es gewesen sein: Betretenes Schweigen bei den großen Fraktionen von CDU und SPD. 16 Jahre war Nocke im Amt. Und sein Ausscheiden ist ein schwerer Schlag für das Pina Bausch Zentrum, galt er doch als leidenschaftlicher Fürsprecher und Kenner des ambitionierten Großprojekts.
Und es gibt noch mehr schlechte Nachrichten aus dem Rathaus im Bergischen Land: Seit Januar 2026 steckt die Stadt Wuppertal in einem Haushaltssicherungsverfahren. Der Stadtrat soll im März ein Konsolidierungskonzept beschließen. Ziel ist es, innerhalb von zehn Jahren wieder einen ausgeglichenen Etat vorzulegen. Bis dahin wacht die Bezirksregierung Düsseldorf über die Wuppertaler Finanzen. Wie will man da ein Pina Bausch Zentrum stemmen? Und dann auch noch das: Die Kosten sind von ursprünglich 60 auf rund 161 (!) Millionen Euro explodiert. Auch der Zeitplan hinkt fünf Jahre hinterher. Nicht im kommenden Jahr, sondern erst 2032 soll das Tanzzentrum nun eröffnet werden. Der Baubeginn wird jetzt auf 2028 terminiert.
»Wuppertal steht in der Verantwortung für ganz Deutschland.«
Helge Lindh, Bundestagsabgeordneter und Vorsitzender des Fördervereins Pina Bausch Zentrum
Wackelt nun also das Pina Bausch Zentrum? Darf das Denkmal für die Jahrhundert-Choreografin, die von Wuppertal aus stilbildend in die ganze Welt gewirkt hat, überhaupt scheitern? Denn hier soll alles vereint sein: das berühmte Tanztheater Wuppertal, die Pina Bausch Foundation mit ihrem Archiv, ein Internationales Produktionszentrum für zeitgenössischen Tanz und das Forum Wupperbogen als Ort für die Teilhabe der Bürgerschaft. Der Bundestagsabgeordnete Helge Lindh (SPD), gleichzeitig Vorsitzender des Fördervereins für das Pina Bausch Zentrum, ist deutlich: »Der Name Pina Bausch ist zu groß, um das Projekt scheitern zu lassen. Das wäre irre.« Viele Millionen an zugesagten Mitteln würden verbrennen. »Wir bekommen ein Tanzzentrum von Weltrang«, sagt Lindh. »Wuppertal steht in der Verantwortung für ganz Deutschland«, hebt er die Bedeutung des Baus hervor. Das Erbe Pina Bauschs sei keine Bürde, sondern ein Geschenk und eine Riesenchance für die Stadt. Kämpferisch wendet er sich an die Kritiker: »Das Pina Bausch Zentrum wackelt nicht und wer daran ruckelt, um den Eindruck zu erwecken, hat nicht begriffen, was Verantwortung bedeutet.« Er betont: »Bei der Kommunalwahl im Herbst 2025 haben sich alle Oberbürgermeister-Kandidat*innen hinter das Projekt gestellt.«
Matthias Nocke verbindet seine gescheiterte Wiederwahl offenbar nicht mit seinem Engagement für das Zentrum. »Es gibt gegenwärtig keine Anzeichen dafür, dass die hohe Zustimmung in Politik und Bevölkerung für dieses einzigartige Projekt abnimmt«, erklärt er. Im Gegenteil: »Es ist so, dass zahlreiche Eigentümer und Investoren in der benachbarten Hofaue auf den Startschuss dieses auch stadtentwicklungspolitisch immens wichtigen Projektes warten«, sagt der Stadtdirektor, der Ende März aus dem Amt scheidet.
Schuld an der Kostenexplosion sind Preissteigerungen bei Bau- und Energiekosten, Fachkräftemangel und, bedingt durch den Ukraine-Krieg, Materialengpässe. Dazu kamen Verzögerungen, wie das lange – vergebliche – Warten auf eine Beteiligung des Bundes an den Betriebskosten. Die aktuelle Bausumme setzt sich aus den erstmals exakt kalkulierten Kosten zusammen: Zu Buche schlagen mit 97,9 Millionen Euro die umfangreiche Sanierung des denkmalgeschützten Schauspielhauses von Gerhard Graubner aus den 1960er Jahren mit seiner veralteten Bühnentechnik und die des Sopp’schen Pavillons, eine ehemaligen Tankstelle. Davon sind durch Investitionsmittel von Bund und Land 49,7 Million abgedeckt. Der verbleibende Betrag von rund 63 Millionen Euro soll durch Investitionskredite abgedeckt werden. Dazu kommen in einem abgetrennten Verfahren 63,4 Millionen Euro für einen Neubau des New Yorker Architektenbüros Diller Scofidio + Renfro aus Glas, Holz und Recycling-Beton in nachhaltiger Hybrid-Bauweise.
Der Anteil der Stadt an den Gesamtkosten von 161,3 Millionen Euro beträgt somit 111,6 Millionen Euro: Der Bund hat 37,2 Millionen Euro zugesagt, das Land NRW gibt 12,5 Millionen Euro dazu. Die Planungen sind weit fortgeschritten, die Förderung vom Bund scheint gesichert zu sein: Ende 2025 hat die Stadt die Antrags- und Bauunterlagen für die Sanierung von Schauspielhaus und Pavillon beim Bundesstaatsministerium für Kultur und Medien fristgerecht eingereicht. Die Ergänzung des Neubaus, so die Vereinbarung, soll im Laufe dieses Jahres folgen. Gibt es da ein Zurück?

Ja und nein. Denn die Frage bleibt: We will die klamme Stadt Wuppertal den Kunsttempel für die Jahrhundert-Choreografin bezahlen? Nach Mitteilung des Städtischen Gebäudemanagements erhöht sie weiter ihre Schulden. Und wie ist das zu vereinbaren mit einem auf zehn Jahre angelegten Haushaltskonsolidierungskonzept, das mit dem Doppelhaushalt 2026/27 in diesem März im Stadtrat verabschiedet werden soll?
Das sind Fragen, auf die der Wuppertaler Bundestagsabgeordnete Helge Lindh Antworten hat. »Eine Haushaltssicherung bedeutet heutzutage nicht mehr Stillstand. Sie ist flexibler geworden. Das Ziel ist ja nicht, dass nichts mehr investiert werden darf. Es geht auch um die Zukunft«, führt er aus. Wuppertal, eine Stadt im Strukturwandel, sei nicht unerwartet erneut in diese Situation geraten. »Aber jetzt haben wir Pläne, sind in einer positiven Phase der Weiterentwicklung, nicht in einer Situation der Verzweiflung.«
Wuppertal sei schließlich nicht Köln oder Hamburg, wo sich die Kosten für die Bühnen der Domstadt und die Elbphilharmonie mehr als verfünffacht haben. Lindh räumt ein, dass die Gesamtkosten angesichts der schlechten Finanzlage zwar immens sind. Doch hätten sich sowohl der Stadtrat als auch die Verwaltung zu ihren Leuchtturmprojekten Pina Bausch Zentrum und Bundesgartenschau 2031 bekannt. Lindh: »Auch Land und Bund wollen dieses Projekt unbedingt. Mehrfach wurden Fristen verlängert, damit zugesagte Mittel nicht verfallen.«
Entschieden werden muss im Sommer
Die Suche nach weiteren Geldquellen haben Lindh und Nocke im Blick. So hofft der Bundestagsabgeordnete auf zusätzliche Mittel, beispielsweise aus dem Sondervermögen des Bundes sowie aus Kultur- oder Stadtentwicklungsprogrammen. Wenn das Bausch-Zentrum steht, fallen nach jetzigem Stand jährliche Betriebskosten von 6,4 Millionen Euro an, die sich Stadt und Land teilen. Als Förderverein will Lindh Unternehmen und Stiftungen ansprechen, damit die Stadt das stemmen kann. »Wir haben in Wuppertal kulturengagierte, mittelständische Betriebe«, so der SPD-Politiker. Als kleinen Coup plant er, den scheidenden Kulturdezernenten mit seinen Verbindungen und mit seiner Expertise im Förderverein einzubinden.
Einsparungen an dem Großprojekt seien keine mehr geplant, zumal die aktuelle Kalkulation den Förderanträgen zugrunde liegt. Es gab bereits schmerzhafte Schnitte. So wurde die Fassadenkonstruktion des Neubaus technisch vereinfacht und der Tunnel zum Sopp’schen Pavillon gestrichen. Bei den Aufzügen wurde kräftig gespart. Besonders schade: In der Freianlage entfällt die Konstruktion »Wupperblick« über den kleinen Fluss. Gleiches gilt für die fahrbare Überdachung des Performance-Hofes. Die Fassaden von Schauspielhaus, Bühnenturm, Foyer und Gartenhof werden nicht erneuert. Wirklich spannend wird es im Sommer dieses Jahres: Dann liegt die endgültige Finanzierung auf dem Tisch. Spätestens in der ersten Sitzung nach der Sommerpause muss der Stadtrat dann final über den Baubeschluss entscheiden.






