The hype is real: Seit zwei Jahren sorgt das »Open Ground« am Wuppertaler Hauptbahnhof für Aufsehen in der internationalen Elektroszene. Ein maßgeschneidertes Soundsystem verwandelt den ehemaligen Luftschutzbunker in ein Akustikwunder.
Tuffi, Textil, Tanztheater – Techno? Wuppertal ist für vieles bekannt: Für seine Schwebebahn, natürlich. Für seine Rolle in der Geschichte der deutschen Stoffindustrie. Und, na klar: Für Pina Bausch. Doch dass Wuppertal ausgerechnet ein internationaler Star in der elektronischen Clubszene werden würde – das hatte wohl selbst die Verwaltung der Stadt nicht auf ihrer Bingokarte stehen. 2023 wurde das »Open Ground« am Hauptbahnhof in einem ehemaligen Luftschutzbunker unter der Erde eröffnet. Seitdem sorgt der Nachtclub international für Aufsehen.
»Der beste Club Europas steht in Wuppertal«, hieß es zunächst auf der einflussreichen DJ-Plattform Resident Advisor, von wo aus sich die Kunde rasant verbreitete. Schnell wurde in einschlägigen Foren von der besonderen Akustik geschwärmt. Die Wochenzeitung Die Zeit, diverse Musikmagazine und zuletzt sogar der Guardian berichteten in Superlativen von dem Nachtclub im Bergischen Land. Auf dieses Image reagiert Inhaber Markus Riedel allerdings eher bescheiden: »Dass der Club über einen besonders guten Sound verfügen soll, war von Anfang an unser Plan«, sagt er. Es fühle sich allerdings falsch an, sich als bestklingendster Club Europas auszuweisen. Das muss Riedel auch nicht, das übernehmen DJs, Nachtschwärmer und Expert*innen für ihn.
In den Sozialen Netzwerken tauschen sich Menschen aus den Niederlanden, aus Frankreich, England, Costa Rica und Australien über ihre Erfahrungen aus, berichten davon, wie sie extra für das »Open Ground« an die Wupper gereist sind. Angefangen hat alles im Jahr 2016, als die Stadtverwaltung auf der Suche nach Investoren für einen ehemaligen Luftschutzbunker gezielt an die Brüder Thomas und Markus Riedel herantrat. Sie hatten schon immer »Bock auf verrückte Projekte« und fackelten nicht lange. Markus Riedel blickte bereits auf jahrzehntelange Erfahrungen im Nightlife-Business Berlins zurück und wusste, worauf es vor allem ankommt: Der Sound muss stimmen. »Häufig werden Clubs in alten Industriegebäuden eröffnet, in denen der Klang schlecht ist«, erklärt er. Er wollte es anders machen. Die Riedels scharrten eine Crew an Kompliz*innen und Expert*innen um sich. Darunter Hard-Wax-Gründer Mark Ernestus, der DJ und Kurator Arthur Rieger und Markus Riedels Ehefrau Christine, die mittlerweile »für den Club lebt«. Gemeinsam entwickelten sie ein Ziel: den perfekten Sound zu kreieren.

Auf Wörter wie »hämmern« oder »schallern«, reagieren Riedel und seine Frau allergisch. Kein Wunder, denn das maßgeschneiderte Soundsystem ist so ausgefuchst wie wirkungsvoll und wurde gemeinsam mit dem britischen Soundsystem-Hersteller »Funktion-One« entwickelt. Das Geheimnis: das Zusammenspiel von Anlage und Raum. Der »Funktion-One« kann den optimalen Sound deshalb produzieren, weil der Raum haarklein auf ihn ausgelegt ist. Das Prinzip: Der Raum ist so stark gedämmt, dass alle Frequenzen absorbiert und nur noch der Direktschall hörbar ist. Patentierte Motorboxen produzieren einen Tiefbass, der eigentlich nur schwer geschluckt werden kann. Doch im »Open Ground« kommt hier eine genau geplante Schalldämmung ins Spiel. Eine 40 Zentimeter dicke Dämmung an Clubwänden- und decken und eine zusätzlich verdichtete Polyesterfaserplatte nehmen die Energie des Basses aus dem Raum. Was übrig bleibt, ist ein trockener, natürlicher Klang, der direkt auf die Tanzfläche strahlt.
So entsteht ein Sound, der so fein ist, dass er selbst erfahrenste DJs fasziniert: »Die hören plötzlich Nuancen in ihren eigenen Songs, die sie vorher noch nie gehört haben«, freut sich Riedel. Ein weiterer positiver Effekt der Spezialdämmung: Selbst bei voller Lautstärke kann man sich auf der Tanzfläche noch unterhalten. Gleiches gilt für die große Lobby, ein Ort, der als Treffpunkt zwischen beiden Floors vor allem dem Gespräch dienen soll. Jeglicher »Geräuschbrei«, der normalerweise von den Sets herüberschwappen würde, wird von der Akustikdämmung aufgehoben.
Diese ausgefeilte Architektur ist Ergebnis langer Arbeit. Sieben Jahre lang hätten die Bauarbeiten gedauert, erzählt Riedel. Grund dafür waren auch die massiven Bunkerwände. Der Bunker musste aufgeschnitten und durchgebrochen werden. Steht man im Hinterhof, dem Raucherbereich des Clubs, kann man von hier aus in den Himmel schauen. 100 Klötze wurden dafür aus der Decke herausgesägt.
Von Techno bis Reggae
Als Techno-Club, da sind sich Markus Riedel und Kurator Arthur Rieger einig, könne man das »Open Ground« nicht einfach bezeichnen. »Wir versuchen alle Genres abzudecken«, erklärt Rieger, »herauskommen soll dabei ein mehrschichtiger, bunter Mix, fernab von kommerzieller Musik, der verschiedenste Zielgruppen unter einem Dach vereint. Diverse Menschen, die normalerweise nicht in einem Raum wären.« Dabei reiche das Line-Up von Techno, Drum and Bass und House bis Reggae. An die Turntables lädt Rieger sowohl lokale Newcomer*innen als auch prominente DJs wie Koze oder internationale Artists wie Mala oder Floating Points ein. Auch Konzerte gehören zum Programm. Riegel versteht das »Open Ground« weniger als Nachtclub, sondern vielmehr als »Austauschort, an dem man Musik kompromisslos empfangen kann«.
Dass Gemeinschaft großgeschrieben wird, merkt man dem Team um Markus Riedel an. Die Crew scheint im Flow zu sein, ein gemeinsames Ziel zu verfolgen, Leidenschaft über Profit zu stellen. Ungewöhnlich für einen Nachtclub ist die familiäre Atmosphäre. Markus Riedel und seine Frau sind ausnahmslos bei jeder Club-Nacht dabei, bringen ihre Persönlichkeiten ein, anstatt von außen die Fäden zu ziehen. Beide schätzen die Begegnung. Das zeigt sich auch in dem sogenannten »Artist Dinner«, das jede Club-Nacht begleitet. Im Backstage laden die Riedels ihre Artists dazu ein, an einem großen Tisch zusammenzukommen. Hier essen sie vor oder nach ihren Gigs vegetarische Gerichte, Quiche, Curry, Brot mit Dips, trinken Tee und treffen ihre Kolleg*innen. Ein Rahmenprogramm, das zu diesem besonderen Ort passt, der der roughen Pose des Clubbings entschiedene Freundlichkeit entgegenbringt. Und musikverliebte Präzision.






