Diesmal mit der Kammersängerin Dalia Schaechter, die nach 14 Jahren wieder in »ihrem« Haus auftreten kann – der Oper in Köln.
…war, wieder am Pförtner vorbei durch den Bühneneingang in die Oper Köln zu kommen – nicht mehr durch den Baustelleneingang, sondern so wie früher, als es noch unser Zuhause war. Mein Herz hängt an diesem Haus. Diese Wände haben so viel Energie und so viel Schweiß und so viele Ängste und Gefühle und Glücksmomente und so viel Musik aufgesogen. Ich habe in Deutschland keine Familie. Dieses Haus war ein gewisses Zuhause für mich. Als das weg war, war das sehr schmerzhaft. Das war ein Gefühl der Bodenlosigkeit. Ich konnte mich nicht wirklich sicher fühlen. Dann zu sehen, wie das auseinandergebaut worden ist. Das Opernhaus lag da wie ein Patient in einer Intensivstation. Es war komplett ausgehöhlt. Es war schmerzhaft, es so leer und leblos stehen zu sehen.
»Zu sehen, dass sich lange Zeit kaum etwas bewegt hat, war deprimierend für mich.«
Dalia Schaechter
Ich erinnere mich an die letzte Vorstellung, das war der ‚Meistersinger‘. Unsere Inspizientin hat den Vorhang runtergelassen und es kamen alle auf die Bühne, Orchester, Bühnenarbeiter, Chor und die Leute aus den Büros – es war sehr emotional. Aber wir haben gehofft, dass wir ganz schnell wieder drin sind. Und dann kam der Riesenschock nach drei Jahren, wirklich innerhalb von kürzester Zeit. Wir wurden sozusagen in den Sommerferien informiert, dass wir im September nicht einziehen. Diese mehrfachen Verschiebungen der Eröffnung waren sehr belastend, sie kamen oft mit Schimpftiraden, die auf uns gelandet sind, wofür wir überhaupt nichts konnten und mit am meisten darunter gelitten haben. Und oft wussten wir selbst nicht, was eigentlich los ist. Wenn man Dinge versteht, weiß, was der Grund ist, dann kann man es eher akzeptieren. Und es hat sich bis heute niemand hingestellt und gesagt: Ich übernehme die Verantwortung, ich habe Fehler gemacht. Das macht mich sehr wütend. Man hat immer in so einem nebulösen Wir gesprochen – wir sind alle Schuld, also keiner. Es ist ein bisschen diese kölsche Art – wahrscheinlich ist der Nubbel schuld.
Aber jetzt die ersten Proben und einen gewissen Alltag in dem Haus zu erleben, war wahnsinnig bewegend. Diese starke Verbindung wieder zu spüren, von meinem Gesang und diesen Räumen und diesem Ambiente. Dann stehst du auf dieser Bühne und singst und erinnerst dich: Ach, so hat es geklungen. Denn wir haben jetzt seit Jahren quasi in einer Unakustik gesungen. Da hat man im stillen Kämmerlein mit dem Pianisten geübt, wo etwas ganz, ganz leise sein und sich entwickeln könnte, wo eine bestimmte Farbe hineinkommt. Und dann kommst du auf die Bühne bei der Orchesterprobe, und du kapierst, du musst immer alles geben, sonst wirst du nicht gehört. Das ist sehr frustrierend. Wir haben jetzt 14 Jahre Kunst gemacht, trotz schlechter Bedingungen, es war sehr schwer, diesen Zauber herzustellen, den Theater herstellen kann. Wir haben es trotzdem geschafft, ein paar wirklich sehr interessante und gute Projekte dort zu machen. Wir sind raus aus der Oper, da war ich so Mitte, Ende 40, also eigentlich die besten Jahre einer Sängerin. Jetzt bin ich über 60 und es fühlt sich ein bisschen an, wie verlorene Jahre. Aber jetzt freue ich mich, auf der Bühne zu stehen, zu singen und auf eine liebevolle Art gehört zu werden, so wie dieser Raum es kann. Jetzt, wo es so wunderschön restauriert ist. Es hat mich sehr bewegt, mit welcher Liebe für Details das gemacht wurde. Ein Schmuckstück. Ich hoffe, dass das Publikum das sieht und annimmt. Da hat man wirklich etwas Tolles gemacht.
Aufgezeichnet von Vera Lisakowski
Name: Dalia Schaechter
Alter: Jahrgang 1967
Beruf: Mezzosopranistin
Wohnort: Köln
Dalia Schaechter singt ab 27. September in der Eröffnungsproduktion der Oper »Der Rosenkavalier« die Annina. Zudem tritt sie ab 10. Oktober in der Uraufführung »Der König verschenkt was« in der Kinderoper auf.






