Wo historische Opernhäuser überwältigen mit ihren Allegorien und mit Goldschmuck, ist die Kölner Oper sehr zurückgenommen. Und nach 14 Jahren nun endlich wieder zu erleben in ihrer alten schlichten Eleganz – wie das gesamte Bühnenensemble von Wilhelm Riphahn am Offenbachplatz.
Blau! Es muss die Lieblingsfarbe von Architekt Wilhelm Riphahn gewesen sein. Ozeanblau ist die Rückwand der Garderobe, Pastellblau der Teppich im oberen Foyer des Kölner Opernhauses, in leuchtendem Blau die Decke. Die Krönung aber sind die hellen, lichtblauen Sitze im Zuschauerraum. Auch der Bühnenvorhang wird blau sein. Das spoilert Remigiusz Otrzonsek, Leiter des Kölner Büros von HPP, schon jetzt. Die Farben für Teppich, Wände und Sitze seien alle so von Wilhelm Riphahn 1957 geplant worden – und wurden nun Schicht für Schicht wieder ausfindig gemacht. »Man kratzt die Farbe ab. An die letzte Schicht hält man einen Scanner, der einem sagt, aus welchen Pigmenten sich die Farbe zusammensetzt«, erklärt der für die Sanierung verantwortliche Architekt. So konnten die unterschiedlichen Wandfarben originalgetreu nachgemischt werden.
14 Jahre hat die Sanierung der Kölner Oper und des Schauspielhauses gedauert und satte 1,5 Milliarden Euro Gesamtkosten verursacht. Veranschlagt waren ursprünglich 253 Millionen Euro Baukosten und eine Fertigstellung bis 2015 geplant. Aber es sind unzählige Details wie etwa die originalgetreuen Farben, die nicht nur Architekturliebhaber*innen froh machen dürften. Sondern zeigen: Zwar waren die Kostenexplosionen rund um die Sanierung der Bühnen enorm, die Querelen rund um den Bau unzählig und zeitweise unüberschaubar und die vielen Verschiebungen der Wiedereröffnung haben Vertrauen gekostet. Aber Köln hat mit den Bühnen am Offenbachplatz auch ein wunderbares Stück Architekturgeschichte zurückbekommen. Das Ensemble von Wilhelm Riphahn zu erhalten und aufs Schönste zu sanieren, hat sich gelohnt.

Im Foyer im Erdgeschoss strahlt nun eine Wand in einem satten Rot, neben zartgrünen und braunen Wandscheiben und einer gelben Decke, oben sind die tragenden Wandscheiben und Säulen in einem hellen Gelb, die Balkone der Ränge leiten mit einem fast weißen Blau über in den Zuschauerraum. Die Originalfarbe der Sitzbezüge hatte sich in einem Scharnier gefunden: ein Stück Stoff, auf dem in all den Jahrzehnten nicht gesessen wurde und der auch kein Licht abbekommen hatte. Vom Originalboden aus Kautschuk wurden hinter der letzten Sitzreihe noch ein paar Stücke entdeckt, so konnte man ihn nachprägen lassen, damit er rutschfest ist und ein kleines bisschen glitzert. »Armut ist der beste Denkmalschützer«, sagt Otrzonsek nur halb ernst gemeint über all diese Möglichkeiten, ein Opernhaus wie dieses gestalterisch in den Originalzustand zu versetzen.
So kann das Publikum nun eine Zeitreise in die 1950er Jahre antreten, durch einen der fünf gläsernen Windfänge mit den dünnen Stahlrahmen vom Offenbachplatz hinein. Schon sie symbolisieren den Aufbruch in eine neue Zeit, sind komplett demokratisch gedacht: Alle Besucher*innen gehen durch die gleichen Eingänge, kommen in ein gemeinsames Foyer und nutzen eine Garderobe für alle. Zu ihr geht es ein paar Stufen hinunter – und eigentlich ist es ein Affront, hier Jacken und Mäntel aufzuhängen: Blaues Leder, strukturiert mit weißen Kopfnägeln, bildet die Front der mit Muschelkalk belegten Theke, an der blauen Rückwand leuchten Haken aus gebürstetem Metall und sehen dabei fast skulptural aus.
Großzügig verglaste Treppenhäuser führen vom niedrigen unteren Foyer in das über drei Geschosse gehende obere, das an der Platzseite rechtwinklig abschließt, zum Zuschauerraum aber dessen Rundung aufnimmt. Oben dann gibt es einen wunderbaren Ausblick durch die fast zehn Meter hohen Fenster auf den Platz und die Stadt, die 1957 noch teilweise in Trümmern lag. »Die Stadt war zerstört, die Generation hatte diese Schuld auf sich geladen. Man hatte im Grunde genommen alles verloren. Doch genau diese Generation machte sich auf den Weg aus dem Trauma des Krieges in eine neue Zukunft«, versucht Remigiusz Otrzonsek sich in das damalige Publikum hineinzuversetzen. Man habe das Alte vergessen wollen, in eine neue Welt gehen, wieder Freude haben, wieder Kunst begegnen, Musik, Theater, Ablenkung.
Auch wenn die Riphahn-Oper damals radikal mit tradierten Sehgewohnheiten brach, so nahm sie diese ersehnte Festlichkeit auf: Es gibt Kronleuchter, die sehr schlank von der Decke hängen, der Legende nach aus Murano-Glas und definitiv im Original erhalten sind. Statt eines üppigen Außenschmucks schließt ein Fries aus Glasbausteinen die Fassade oben ab. Im Innenraum löste Wilhelm Riphahn das Logentheater in aus der Rückwand herausragende Schlitten auf, die ganz demokratisch für alle Zuschauer*innen einen Blick auf die komplette Bühne ermöglichen.

Doch wer nun meint, all die Zeit und das Geld wurden nur investiert, um mit ein bisschen Farbe und Teppich das Lebensgefühl von damals aufleben zu lassen: weit gefehlt! Zwar sieht auf den ersten Blick alles aus wie früher, soll es ja auch, aber Schauspiel- und Opernhaus wurden an allen Ecken ertüchtigt. Eingriffe, die mit bloßem Auge gar nicht auffallen, verbessern die Akustik des Opernhauses. Zum Beispiel wurden Wandelemente leicht schräg gestellt, damit der Schall nicht mehr direkt auf die Bühne zurückgeworfen wird. Auch die Akustik für die Musiker*innen im Orchestergraben wurde verbessert. Und er ist nun variabler, kann in drei Ringen herauf- und heruntergefahren werden. Eigentlich wurde sogar die gesamte Bühnentechnik jetzt erst fertiggestellt, erzählt Remigiusz Otrzonsek, denn sie wäre 1957 zwar eingebaut, aber nie in Betrieb genommen worden, weil aufgrund der strengen Kostendeckelung auf 15 Millionen D-Mark die Antriebe fehlten. Jetzt aber habe man die modernste Ausstattung. Und: Es gibt endlich Aufzüge für das Publikum, wie überhaupt versucht wurde, das Gebäude barriereärmer zu machen.
Im Schauspielhaus wurde im Zuschauerraum stärker eingegriffen: Zwar sind die charakteristischen tragenden Steinwände mit den Türen darin erhalten geblieben, aber die Anzahl der Sitze wurde im lange als überdimensioniert geltenden Raum deutlich reduziert und die Decke um anderthalb Meter heruntergesetzt. Die immer kritisierte Akustik soll nun endlich so sein, dass die Zuschauenden auch verstehen, was auf der Bühne gesprochen wird. In alter, verschönerter Pracht erhalten ist der beliebte Erfrischungsraum mit dem Ausblick über die anderen Gebäude des Ensembles bis hin zum Dom.
Für die Theater- und Opernbesucher*innen fast nicht sichtbar sind auch die großen Neubauten. Ein Komplex an der Rückseite umfasst Probenräume in Bühnengröße, die ehemaligen Opernterrassen wurden bis auf eine Wand komplett abgerissen und als Kleines Haus mit Studiobühne und Gastronomie neu aufgebaut. Ein großer Teil aber liegt unter der Erde: Gänge führen von der Anlieferung zu allen vier Spielstätten, Lagerflächen können kurzfristig auch größte Kulissen aufnehmen. »Die unterirdischen Verbindungen zwischen den Häusern liegen unterhalb des Opern-Fundaments«, erklärt Architekt Otrzonsek die Komplexität des Baus. »Das bedeutet, wir haben unterhalb einer tragenden Schicht gebaut. Das ist verrückt und nicht alltäglich.« Besonders herausfordernd sei auch gewesen, allen Anforderungen an DIN-Normen und Vorschriften gerecht zu werden, denn oft habe es einfach an Platz gemangelt, um etwa Abstandsvorschriften des Brandschutzes umzusetzen.
Ein goldener Rundbau für die Kinderoper
Unter der Erde, genauer unter dem Dirk-Bach-Platz zwischen Schauspiel, Oper und Kleinem Haus, ist auch die Kinderoper zu finden. Vier Standorte hat HPP ganz zu Beginn der Entwurfsphase untersucht, schließlich aber diese Lage empfohlen, um das Riphahn-Ensemble nicht durch einen neuen Bau zu beeinträchtigen, aber auch um eine unmittelbare Nähe zwischen Erwachsenen- und Kinderoper herzustellen. Nun nutzen die Kleinen den gleichen Eingang und bekommen dann ein ganz besonderes Erlebnis: Eine Doppelhelixtreppe, bei der man sich gegenseitig beim Herabgehen sehen kann, führt nach unten. Schon auf dem Weg kann man den unterirdischen Schatz entdecken: ein goldener Rundbau mit einer strukturierten Wandfläche, die an eine Reptilienhaut oder einen ausgetrockneten See erinnert. Es ist Beton, in dessen Schalung eine Matrize eingelegt wurde, dann mit einer Metallfarbe gestrichen und im genau richtigen Moment der Oxidation lackiert. Im Inneren findet sich ein Zuschauerraum mit einem goldenen Rang und Bänken für 220 Menschen – und mit einem Orchestergraben, so dass auch für die Kinder live gespielt oder mal eine Kammeroper für Erwachsene hier aufgeführt werden kann.
Vier Spielstätten, die gleichzeitig Programm für bis zu 2500 Zuschauende zeigen können, finden sich jetzt auf engstem Raum. Damit nicht nur die Innenräume künftig belebt werden, wird die Kantine in der Oper zum Schauspielhaus hin gelegen für ein allgemeines Publikum geöffnet und im Kleinen Haus eine Gastronomie mit Außenbereich eingerichtet. Von dort kann man auch das Äußere der Oper betrachten: Vor allem die schräg zulaufenden Werkstatttürme, die nach einer aufwendigen Betonsanierung wieder ohne Anstrich ihren rohen Sichtbetoncharakter zeigen. Sie stehen auf einer Basis aus Klinker, der neu aufgebracht wurde. Nur wer ganz genau hinsieht, merkt es, denn durch die heutige Wärmedämmung gibt es rund um die Fenster halbe Steine. Überhaupt sollte man sich Zeit nehmen für die Details. Also: Nicht in die Vorstellung hetzen, sondern stehen bleiben und genießen, sich in die Bauzeit versetzen lassen. Diese Gebäude schreien nicht, sondern verströmen eine dezente Eleganz. Bleibt zu hoffen, dass auch das Bühnenprogramm das Niveau dieser herausragenden Bauten erreicht.
FÜHRUNGEN DURCH DAS GEBÄUDEENSEMBLE AM OFFENBACHPLATZ
AB OKTOBER.
TERMINE: BUEHNEN.KOELN






