Ein Leuchtturmprojekt im rechtsrheinischen Köln sollte es werden: das Museum Selma für die Geschichte der Migration in Deutschland. Ein bundesweit einzigartiges Haus. Doch jetzt gibt es entweder eine Sparversion in der Stadtmitte oder… gar nichts?
Niemand dürfte diese Lösung wirklich gut finden. Und doch scheint sie die einzig mögliche zu sein. Am 19. März hat der Kölner Stadtrat für die Prüfung, ob das Museum Selma ins Kulturzentrum am Neumarkt in der Innenstadt einziehen kann, gestimmt. Nur zwei Tage vorher hatte der hinter dem Museum stehende Verein DOMiD mitgeteilt, dass die Planung am ursprünglichen Standort nicht realisiert wird.
Der Grund: die »aktuelle Kostenentwicklung«. Die Verwunderung in der Stadtgesellschaft war groß: Wie konnte das so plötzlich kommen? Angedeutet hatten sich die Schwierigkeiten schon früher, so Timo Glatz vom DOMiD. Erst ab 2024 hätten überhaupt Planungsmittel für ein europaweites Vergabeverfahren zur Verfügung gestanden. Aus ihm war das Architekturbüro Atelier Brückner als Sieger hervorgegangen, dessen Pläne man im April 2025 dann vorstellte. Selma sollte in ehemaligen Industriehallen im rechtsrheinischen, stark migrantisch geprägten Stadtteil Kalk entstehen.
Geplant war ein »Dritter Ort«
150.000 Stücke umfasst die Selma-Sammlung. In seinem neuen Haus wollte Selma aber auch die alte Vorstellung eines Museums hinter sich lassen. Geplant war ein »Dritter Ort«, der die Stadtgesellschaft zu sich einlädt, kostenfreie Aufenthaltsmöglichkeiten anbietet, auch für Menschen, die sonst nicht in ein Museum gehen. Nach der Auftragsvergabe wurde kurz vor Weihnachten 2025 die vollständige Planungsunterlage eingereicht. Im Grunde aber war da schon klar: mit dem vorhandenen Budget wäre das ganze Vorhaben gar nicht realisierbar. 44 Millionen Euro waren budgetiert, je 22 Millionen Euro sollten vom Bund und je 22 Millionen Euro vom Land kommen. Doch das neue Museum soll nun 33 Millionen Euro mehr als ursprünglich geplant kosten.
Warum? Das ist kompliziert: Die Instandsetzung der Hallen, so DOMiD, würde um knapp 25 Millionen Euro teurer, als zunächst gedacht. Fünf Jahre lang war über den Erbbaurechtsvertrag mit der Stadt verhandelt worden. Erst danach hatte DOMiD überhaupt erst die Verfügungsgewalt über die Halle und konnte die Bausubstanz von Expert*innen prüfen lassen. Der Zustand sei deutlich schlechter als angenommen gewesen – und die allgemeinen Baukosten in den fünf Jahren seit dem Beschluss in Bund und Land über die Freigabe der Gelder erheblich gestiegen. Vermutungen, dass der zweit- oder drittplatzierte Entwurf im Wettbewerb deutlich günstiger zu realisieren wäre als der der Sieger, tritt DOMiD entschieden entgegen: Bereits während der Planung habe man Einsparungs- und Verkleinerungsoptionen geprüft, die aber alle nicht tragbar gewesen seien.
Ebenso wurde bei Stadt, Land und Bund angefragt, ob die Mehrkosten übernommen werden könnten. Erfolglos. Die vorhandenen Mittel allerdings stehen nur noch dieses Jahr zur Verfügung, wenn nicht bis Ende 2026 etwas passiert, sind auch die 44 Millionen weg. Um das zu verhindern, schlug das Kölner Kulturdezernat das Kulturzentrum am Neumarkt als alternativen Standort vor. Damit dieser geprüft werden kann, musste der Stadtrat eilig darüber abstimmen. Das heißt aber auch: Inhaltlich ist noch überhaupt nichts geplant am Neumarkt. Erst müssen die Prüfbehörden schauen, ob es überhaupt realisierbar ist und im Schritt danach könnten sich DOMiD und die Akteur*innen der anderen Häuser zusammensetzen, um ein tragfähiges Konzept zu erarbeiten.
Bislang liegen nur grobe Pläne vor, auf deren Grundlage der Stadtrat abgestimmt hat. Demnach soll das Museum Selma für seine Dauerausstellung die bisherige Sonderschaufläche des Rautenstrauch-Joest-Museums erhalten – und das ethnologische Haus seine Sonderausstellungen dafür mit denen des Museum Schnütgen auf einer deutlich kleineren Fläche im zweiten Stock zeigen. Was das Rautenstrauch-Joest-Museum und das Museum Schnütgen davon halten, dass ihnen so dauerhaft ihre Sonderausstellungsfläche fehlt – man kann es sich vorstellen. Doch auch das Museum Selma müsste sich stark einschränken, die Fläche für die ursprünglich geplante Dauerausstellung würde sich halbieren, von 2600 Quadratmetern in Kalk auf 1300 am Neumarkt. Verkehrsflächen und Nebenräume würden gemeinsam genutzt, inhaltlich aber wären die Museen komplett eigenständig.
»Am Neumarkt wäre Selma einfach ein weiteres Museum im Portfolio der Stadt.«
Boris Sieverts von der Initiative »Selma bleibt«.
Die Pläne, ein Museum der Zukunft zu schaffen, einen »Dritten Ort«, eine Begegnungsstätte auch für Menschen, die sonst nicht in ein Museum gehen, die dürften in einem Kulturzentrum in der Innenstadt kaum umsetzbar sein. Das sieht auch die neue Initiative »Selma bleibt« so, zu deren Gründungsversammlung fast 100 Menschen kamen. Sie hatten sich vom Museum Selma einen Impuls für Kalk erhofft und möchten jetzt daran arbeiten, dass es doch dorthin kommt. Kalk sein ein »Ankommensstadtteil« mit einem hohen »Energielevel«, so Boris Sieverts von der Initiative. »In Kalk würde Selma ein Stück städtischer Realität verändern, am Neumarkt wäre es einfach ein weiteres Museum im Portfolio der Stadt.«
Sieverts Mitstreiterin Elisaveta Khan ergänzt: »In Kalk werden wir nicht ausgestellt, sondern sind Mitausstellende, Miterzählende und Repräsentierende. Wir haben die Deutungsmacht.« Enttäuscht sind sie davon, quasi vor vollendete Tatsachen gestellt worden zu sein, gerne hätten sie im Vorfeld mitgedacht. Eine Idee, zumindest für einen Teil des fehlenden Geldes, sei aus ihrer Sicht jedenfalls schon da: 2018 hatte es neun Millionen Euro aus dem kommunalen Investitionsfördergesetz gegeben, um benachbarte Industriehallen in Kalk zu sanieren. Da sich aber niemand auf die Ausschreibung gemeldet hatte, wurde das Geld anderweitig ausgegeben. Das Kalk eigentlich zustehende Geld könne man nun in die Sanierung der Hallen für das Museum Selma stecken.
Auch der Kölner Kulturrat engagiert sich für den Standort in Kalk und denkt über eine Entfristung der Gelder nach, eine Erhöhung der Fördersummen oder eine Aufstockung seitens der Stadt. In der Diskussion im Stadtrat hingegen wurde eher darüber diskutiert, welche Summe man an Miete einnehmen würde, wenn das Museum Selma am Neumarkt einzieht. Ein grundsätzliches Plädoyer für Kalk oder zumindest einen rechtsrheinischen Standort war durchaus zu hören, jedoch nicht unterfüttert von finanziellen Zusagen. Stattdessen klang es in einigen Redebeiträgen so, als könne ein Museum Selma im Rautenstrauch-Joest-Museum eine Interimslösung sein, bis der perfekte Standort gefunden ist. Kann es aber nicht, das ist auch DOMiD klar: Denn sind die Gelder einmal am Neumarkt ausgegeben, werden so schnell keine weiteren Millionen kommen, um doch noch in Kalk zu bauen.






