Der Star-Soziologe Hartmut Rosa ist gleich zweimal im Programm der Lit.Cologne vertreten: Er stellt sein fantastisches neues Buch »Situation und Konstellation« vor und diskutiert über das Thema Fußball.
Es gibt diese Bücher, nach denen man die Welt anders sieht. Das neue Werk des Soziologen Hartmut Rosa ist so eins. Es trägt den etwas komplizierten Titel »Situation und Konstellation«, aber schon der Untertitel verrät besser, worum es ihm geht: um das »Verschwinden des Spielraums«. Genau das passiert laut Rosa in der heutigen Gesellschaft: Die Menschen versuchen, Arbeits- und Alltagsleben durch immer mehr Gesetze, Regeln und automatisch-technische Prozesse zu gestalten, und verlieren dabei nicht nur Gestaltungsspielräume, sondern auch den Bezug zur Welt und zu sich selbst.
Sehr anschaulich erklärt der Soziologe seine Unterscheidung zwischen Situation und Konstellation. Situationen sind das, womit wir eigentlich immer zu tun haben, wenn wir in der Welt handelnd tätig werden: Sie sind komplex und unscharf, »insbesondere an den Rändern«, schreibt er. Wenn man zum Beispiel zufällig in der Stadt eine Bekannte trifft. Bleibt man stehen oder nicht? Spricht man sie an – und wie? Um diese Entscheidung zu treffen, spielen sowohl die Vorgeschichte mit der Person als auch die Erwartung einer Beziehung in der Zukunft eine Rolle. Notgedrungen, um überhaupt zur Entscheidung zu kommen, ob man »Guten Tag«, »Hallo« oder »Yo, Digger« sagt, muss man die Situation eingrenzen, für sich selbst eine Regel finden. Dadurch verwandelt man die Situation in eine Konstellation, also in einen klaren Rahmen mit klaren Regeln.
Verlust des situativen Handelns
Der Soziologe glaubt, dass wir heute dazu neigen, zu oft konstellativ und nicht situativ zu handeln. Er führt dafür viele Beispiele an – auch eins aus der Fußballwelt: Den Schiedsrichter, der nur noch die Vorgaben des Videoassistenten VAR vollziehen kann, den Schaffner, der selbst bei einer glaubhaften Ausrede kein Ticket im Zug mehr verkaufen darf oder sogar kann, die Sozialbehörde in Skandinavien, die wegen verwaltungstechnischer Vorgaben Obdachlosen ohne Sozialversicherungs- oder Kontonummer nicht mehr helfen kann. Oder das Kind, das nicht mehr frei und »unbewacht« rausgeht, oder mit einer Kiste bunter Legosteine selbst kreativ wird, sondern nur noch mit speziellen Teilen genau nach Plan ein kompliziertes Spielzeug zusammenbaut.
Rosa nimmt an, dass Menschen nur, wenn sie Handlungsspielräume haben, Erfahrungen sammeln und ihr Urteilsvermögen schärfen und anwenden können. Er führt sogar den weltweit grassierenden Anstieg an psychischen Krankheiten wie Depression und Burnout darauf zurück, dass wir allzu oft in ein Korsett aus Regeln und starren Handlungsvorgaben gepresst sind. Wenn er auch noch den Erfolg rechtspopulistischer Bewegungen mit seiner Theorie erklärt, denkt man kurz, dass er jetzt vielleicht zu weit geht. Aber seine Argumentation wirkt bestechend klug und einleuchtend und man liest sein Buch bis zum Vorschlag einer Lösung am Ende gespannt wie einen Roman.
Am 20. März stellt Hartmut Rosa »Situation und Konstellation« im Gespräch mit der Journalistin Stephanie Rohde im Programm der Lit.Cologne um 17 Uhr in der Kulturkirche Köln vor und beantwortet dabei auch die Frage, wie wir dem individuellen und kollektiven Energieverlust der Gesellschaft entgegenwirken und die menschliche Handlungsfähigkeit stärken können. Am 21. März trifft er dann um 19 Uhr in der Rheinenergie-Hauptverwaltung auf den legendären langjährigen Trainer des SC Freiburg Christian Streich. Unter dem Motto »Das Spiel des Lebens« erkunden sie gemeinsam, was Menschen im Stadion, im Klassenzimmer oder im Alltag wirklich berührt – und wie Gemeinschaft, Sprache und Verantwortung Resonanzräume öffnen können.
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