Ein außergewöhnliches Projekt der Grand Snail Tour von Urbane Künste Ruhr in Schwelm: Das Chorwerk Ruhr und Trio Wellenbad bespielen das Stadtbad – über und unter Wasser.
Wie die Welt unter Wasser klingt, haben viele Menschen möglicherweise vor allem als Kindheitserinnerung im Ohr. Da taucht man beim Schwimmen im Freibad, im See oder Meer gern mal unter und hört wie die Gespräche von oben zu einem Murmeln werden oder plötzlich aufsteigende Luftblasen und Körperbewegungen ihre ganz eigenen Klänge bekommen. Am 24. April können Konzert-Besucher*innen erfahren, wie Musik unter Wasser klingt – das Chorwerk Ruhr und die Urbanen Künste Ruhr werden dann mit dem Trio Wellenbad im Stadtbad Schwelm für dieses besondere Erlebnis sorgen.
Die Idee zum Konzert »Abtauchen in Schwelm« ist für die Grand Snail Tour, also die Große Schneckentour, von Urbane Künste Ruhr entstanden. Mit dem mobilen Aktions- und Ausstellungsprojekt hat sich die Institution für Kunst im öffentlichen Raum vorgenommen, in drei Jahren durch alle 53 Städte und Gemeinden des Reviers zu reisen. Dabei gibt es manchmal klassische Lesungen zu erleben, mal Kunsthappenings, mal Konzerte oder partizipative Projekte in Zusammenarbeit mit lokalen Gruppen. »Während der Suche nach einem Ort in Schwelm entstand der Wunsch, einmal mit Chorwerk Ruhr zu kooperieren«, sagt Kurator Julian Rauter.
Die Kooperation ergibt absolut Sinn, weil Urbane Künste Ruhr genau wie Chorwerk Ruhr zwei Säulen der Kultur Ruhr GmbH sind, die auch die Ruhrtriennale betreibt. Man sitzt in Büros im selben Gebäude am Bochumer Westpark – aber bisher hatte sich kein Schnittpunkt zur Zusammenarbeit gefunden. »Der Chor ist sehr flexibel, ein großer Klangkörper, der in vielen Räumen wunderbar funktioniert«, sagt Chormanagerin Ariane Stern. Die Frage war nur: »In welchen städtischen Raum kann man ihn stellen, der ins Konzept der Grand Snail Tour passt?« Erst dachten die Kuratoren an das architektonisch interessante, aber auch umstrittene Schwelmer Kreishaus. Aber bald rückte das Stadtbad in den Fokus.
Das Bad als Resonanzraum
»Das war eine intuitive Entscheidung«, sagt Ariane Stern. »Das Bad ist architektonisch sehr besonders, sieht von außen ein bisschen aus wie eine Trillerpfeife. Innen hat es eine Holzdecke und wirkt abgeschlossen, man konnte es sich als guten Resonanzraum vorstellen.« Deshalb kam schnell die Idee auf, das Trio Wellenbad… nun ja… ins Boot zu holen. Es ist ein interdisziplinäres Künstler*innen-Trio für Musikformate im öffentlichen Stadtraum. Joseph Baader, Nathalie Brum und Vincent Stange vereinen Musikinformatik, Architektur und Komposition, um laut eigener Aussage »öffentliche Orte auf musikalische und nasse Weise zu bespielen«.
Baader ist Komponist, Klangkünstler und Autor von Hörstücken, die schon bei ARD-Hörspieltagen, im Neuen Kunstraum Düsseldorf oder im Deutschlandfunk Kultur zu hören waren. Brum ist Künstlerin und Architektin, hat in Aachen und Düsseldorf studiert. Ihre ortsspezifischen Medienkunstinstallationen verbinden Klang und Raum an Orten des öffentlichen Lebens. 2022 erhielt sie den Förderpreis des Landes NRW als Nachwuchskünstlerin in den Visuellen Künsten. Stange ist transmedialer Komponist und Kurator. Seine Projekte wurden unter anderem in der Kunstsammlung und im Tanzhaus NRW, in der Studiobühne Köln oder der Sammlung Philara realisiert.
Bisher war die Gruppe, die das »Trio« aus ihrem Namen löschen möchte, also bald nur noch »Wellenbad« heißt (und damit unmöglich zu googeln sein wird) tatsächlich vor allem in Schwimmbädern, Thermen oder Wasseraufbereitungsanlagen aktiv. Etwa im Programm des Beethovensfests Bonn, wo Ariane Stern sie erlebt hat, als Besucherin im Wasserbecken: »Es ist sehr besonders, selber im Schwebezustand zu sein, während man die Klänge unter Wasser hört. Man hört dort nur Mono – und auch an anderen Stellen im Kopf«, so beschreibt sie es.
Schwimmsachen nicht vergessen
Beim Abtauchen in Schwelm kooperieren Wellenbad und Chorwerk Ruhr auf vielfältige Weise. Beim abendlichen Konzert kommt man mindestens in Badeschlappen, am besten aber gleich in Schwimmkleidung, um auch die Erfahrung des Unter-Wasser-Hörens mitnehmen zu können. Am Beckenrand verteilt, eröffnen die Mitglieder von Chorwerk Ruhr dem schwimmenden und nichtschwimmenden Publikum eine Welt der vokalen (Schall-)Wellen mit passenden Kompositionen – von John Dowlands melancholisch-süßem Renaissancestück »Flow, o my tears«, über Edward Elgars dahin fließendem »Nimrod« bis hin zu John Cages eindringlicher »Litany for the whale«. Musik vom 16. Jahrhundert bis ins ganz aktuelle Heute erklingt, denn die Dirigentin des Konzerts, Lucia Birzer, ist auch Komponistin und hat ihr Werk »The Moon Is Distant From The Sea« beigesteuert.
Die Vokalwerke treten beim abendlichen Über- und Unterwasser-Konzert in Korrespondenz mit den elektronischen Klängen der Gruppe Wellenbad, die auch mit dem Tauchverein zusammengearbeitet hat, der wöchentlich im Schwelmer Bad trainiert. Dabei geht es den Künstler*innen um die Geräusche, die Taucher*innen produzieren, um das, was dem Singen nah ist: das Atmen. Es geht ihnen um die Frage: Was ist im Stimmraum möglich, wenn ich unter Wasser tauche? »Wasserluftmusik. Drei Stücke für Wasser und Stimme« heißt die Uraufführung, die Wellenbad als Auftrag für das Konzert komponiert hat.
»Singen ist ja etwas absolut Physisches, dabei passiert ganz viel im Körper«, sagt Ariane Stern und erklärt, was am Schwelmer Projekt einmal anders und besonders spannend sein könnte. »Als Rezipient bleibe ich normalerweise außen vor. Wenn ich aber mit meinen Ohren ins Wasser gehe, dann bin ich mittendrin. Das ist eine ganzheitliche Erfahrung von Klang und Stimme.« Das Publikum kann sich aussuchen, ob es ins Wasser geht, in dem auch Lautsprecher eingerichtet sind, ob es mit Schwimmnudeln auf dem Wasser gleitet oder am Beckenrand bleibt.
Das abendliche Konzert ist allerdings nur ein Teil der Arbeit von Wellenbad. Ein anderer, die Soundinstallation, wird im Stadtbad schon den ganzen Tag über zu hören sein. Schwimmer*innen und Kulturbegeisterte können zu den normalen Öffnungszeiten bei freiem Eintritt in die Halle und hören am Beckenrand und im Wasser ein für den Ort geschaffenes Soundkunstwerk. Dieses soll auch an den Trailer von Urbane Künste Ruhr übertragen werden, der bei allen Stationen der Grand Snail Tour dabei ist und dieses Mal vor der Schwimmhalle steht. »Wir nutzen ihn als Resonanzraum«, so erklärt es Kurator Julian Rauter.
Elektronik und Akustik, Wasser, Luft und Musik, eine komponierende Dirigentin, ein Tauchverein, der Geräusche für eine Soundinstallation spendet und auch live im Becken ist – irgendwie hat bei diesem besonderen Projekt alles mit allem zu tun, durchdringt sich gegenseitig. Es wird ganz bestimmt außergewöhnlich spannend, dabei zu sein.
24. APRIL, ABTAUCHEN IN SCHWELM, STADTBAD



