Wir wollen nicht vom Kino ab-, sondern zum Kino hinlenken, zu dem, was es war, ist und wieder sein wird. Zum mittlerweile 51. Mal stellen wir einen Klassiker des deutschen und internationalen Films vor, der nicht unbedingt zum Kanon gehört, aber eine Rarität und Kostbarkeit ist. Bei einem der vielen Anbieter lassen sie sich ausleihen, als DVD kaufen, zur Not bei youtube besichtigen. Nur Netflix-Serien zu schauen, verengt den Blick, wir möchten ihn weiten, um demnächst auf der Kino-Leinwand besser zu sehen.
Wem gehört die Stadt? Die Antwort in Fritz Langs »M« lautet: den Bettlern. Sie haben ihre Augen überall, sehen alles, ohne selbst gesehen zu werden, weil sie im Stadtbild gewohnt unauffällig bleiben. Derjenige Bettler, der den Kindermörder erkennt und überführt, ist blind. Er hört den Unbekannten wieder die Melodie des Troll-Liedes aus Griegs »Peer Gynt« pfeifen, die er schon einmal gehört hatte, als der Mann ein kleines Mädchen angesprochen und ihr einen Luftballon gekauft hatte.
Ein anderer Film von Fritz Lang heißt »Die 1000 Augen des Dr. Mabuse« von 1960. Der Augenmensch Lang, der Monokel trug, hat als Regisseur immer die doppelte Optik des Auges im Sinn: wie es sich öffnet für die Welt und sie abbildet und als Apparat und Aufnahmegerät, das seine Sogkraft entwickelt und andere zu sich hinzieht. »Man müsste rings um den Kopf lauter Augen haben«, so hat Lang zu der Filmhistorikerin Lotte Eisner gesagt, um das Sichtbare zu vermehren und die Welt und ihre simultane Vielfalt zu erfassen. Die Kamera kann sich ein Detail herausgreifen, kann unseren Blick darauf lenken, kann ihn so okkupieren. Dabei haben wir als Zuschauer das stete Empfinden, dass die Kamera eher da war als wir, früher als wir etwas sieht, vorausschauend ist.
Die Stadt als Hauptdarsteller
»M« ist alles zugleich: Abenteuer-, Kriminal- und Gangsterfilm, Thriller und Großstadtfilm. Die Stadt Berlin ist der eigentliche Hauptdarsteller, ihre Straßen, Häuser, Hinterhäuser und Treppenhäuser, wo Mütter vergebens nach ihren Kindern rufen, ihre Unterwelt und Geheimnisse. Und »M«, entstanden 1931, ist ein Tonfilm, einer der frühesten. Lang – geboren in Wien, in den 1920er Jahren bereits eine Autorität des Kinos, im amerikanischen Exil ein Gigant Hollywoods, später eine Ikone für Künstler wie Wenders, Chabrol und Godard – erweist sich auch darin als genialer Perfektionist, der eine Partitur von Stimmen, Klängen, Geräuschen dramaturgisch einsetzt, als habe er dies ein Dutzend Mal geübt.
»Einen Film rein auf Tatsachenberichte aufzubauen«, das war Langs Absicht, nicht nur bei »M«. Solcherart funktioniert diese bewegliche, dynamische, hochkonzentrierte Illustrierten-Geschichte in ihrer urbanen Topographie, in der ein Kindermörder, der die Stadt in Schrecken hält und die Bewohner zu gegenseitigem Misstrauen führt, vom Syndikat der Verbrecher erspürt, gejagt und gefasst wird. In einer Parallelmontage zeigt Lang die Arbeit der Polizei und die Konferenz der Kriminellen (mit Gustaf Gründgens als ihrem Boss im Ledermantel und mit Melone) als zwei einander gleichende Systeme in Babylon Berlin. Eine – nicht nur historisch – prophetische Analyse: Zwei Jahre später haben die Nazis die öffentliche Ordnung gleichgeschaltet, ist der Staat zum Synonym für Entrechtung, Willkür und Terror geworden. Die Lynchjustiz an dem Kindermörder, den Peter Lorre mit der Intensität der gequälten monströsen Kreatur zum Gotterbarmen spielt, wird beinahe vollzogen. Noch aber schreitet Kommissar Lohmann gegen den Mob ein. »M« ist als Film auch selbst Krisensymptom der untergehenden Weimarer Republik im Zwiespalt von Ordnung und Chaos, Form und Deformation und Destabilität, Faszination für die Moderne und Gegenaufklärung.
Etwas ragt aus dem sozialen Realismus der Erzählung drohend hervor: die Macht des Schicksals. »M« zeigt auch das vergebliche Anlaufen gegen die persönliche Bestimmung. Fritz Lang ist ein Regisseur des Fatalismus. Seine Figuren unterstehen dem Zwang. Einst waren es die Götter, die mit den Menschen spielten, nun regiert eine namenlose Gewalt.






