Johan Simons inszeniert im Schauspielhaus Bochum Wassili Grossmans Jahrhundertroman »Leben und Schicksal« – als episches Theater über die Natur des Menschen.
Wassili Grossmans Roman ist ein Monument: in seiner sprachlichen Kraft, Schönheit und dunklen Leuchtkraft ebenso imponierend wie als historisches Panorama über das Verhängnis des 20. »Wolfshund-Jahrhunderts«, der essayistischen Gedankenfülle und im Zusammenziehen von »Leben und Schicksal« von an die hundert Personen. Zentriert um die Familie Schaposchnikow mit dem angeheirateten jüdischen Physiker Viktor Pawlowitsch Strum. Sie stehen in der Zeit – ihren Bedrohungen, Verleumdungen, Verfolgungen – als Opfer und Täter, ob an der Front, im Ghetto, in den Lagern, in Befehlskommandos, im zivilen Alltag. Der humanistische, von Trauer, Freiheitsdrang und dem beseelten Glauben an den freien Willen durchzogene Geist und Grundton und die visionäre Betrachtung des Totalitarismus gleich welcher Couleur machen das Buch nicht nur zum literarischen Ereignis. Komprimiert in dem Satz: »Der Hauptfeind des Faschismus bleibt der Mensch«. Und in der Gewissheit: »In der Ohnmacht der gedankenlosen Güte liegt das Geheimnis ihrer Unsterblichkeit. Sie ist unbesiegbar«.
Grossman, 1905 in eine jüdische Familie in der heute in der Ukraine liegenden mittelgroßen Stadt Berditschew geboren und von Gorki und Bulgakow gefördert, wird zunächst vom großen Terror 1937 auch familiär getroffen. Nach Hitlers Überfall auf die Sowjetunion, in dessen Folge Grossmans Mutter ermordet wird, geht er an die Front und erlebt als Kriegsreporter die entsetzlichen Blutzoll fordernden Schlachten um Moskau, Stalingrad, Kursk und dann um Berlin und berichtet über die Schrecken der Konzentrationslager. Seine Überzeugung als Kommunist verliert er angesichts des Antisemitismus (»Er ist der Maßstab menschlicher Unbegabtheit«), der Prozesse, Kampagnen und Verblendung des roten Regimes unter Stalin.
Vom KGB beschlagnahmt
»Leben und Schicksal« von 1959, das in der Nachfolge von Lew Tolstoi an den Autor von »Krieg und Frieden« heranreicht und neben Boris Pasternaks »Doktor Schiwago« besteht, kam auf den Index; der KGB beschlagnahmte das Material. Als Grossman 1964 in Moskau stirbt, war es für ihn ungewiss, ob seine Bücher ihn überleben würden. Der Jahrhundertroman »Leben und Schicksal« erschien erstmals 1980 außerhalb der UdSSR. Seit Putins Krieg gegen die Ukraine liest der Westen seine 1000 Seiten mit neuen Augen.
Auch Johan Simons schaut in seiner Inszenierung nicht nur zurück auf die Vergangenheit, sondern sieht voraus und vor sich den Sturm der Geschichte und die Trümmer unserer kriegsversehrten europäischen Gegenwart. Im Prolog seines epischen Theaters reflektiert er Grossmans Anthropologie, wie diese die Irrläufe des Guten und des Gutseins betrachtet – moritatenhaft angestimmt vom Sprechgesang der Elsie de Brauw und einem kammermusikalischen Quartett, das sich wiederholt während der vier Stunden, beinahe möchte man sagen: kommentierend, einschaltet.
Die methodische Distanz setzt sich fort, wenn sich das zehnköpfige Ensemble am Bühnenrand aufstellt, mit seinen bürgerlichen Namen bekannt macht und dann mit denen seiner Rollenfiguren. Anfangs tragen sie voluminös kantige Kleider, als hätten sich Expressionismus und Dada unter dem Zeichen von Oskar Schlemmer vereint (Greta Goiris). Zunächst sind sie Berichterstatter: Demonstrationsobjekte und zugleich Identifikations-Subjekte in scharfem Zuschnitt. Die Spielerinnen und Spieler behalten Platz in einer vorgezogenen Parkettreihe in Erwartung der nächsten Szene, Station, Situation. Ein zu verteidigendes Haus in Stalingrad, deutsche Straf- und Vernichtungslager, Strums Forschungslabor in Kasan oder eine Zelle in der Moskauer Lubjanka.
Ein paar Stufen führen hinauf zu der schmal gehaltenen Länge des geschlossenen dunklen Bühnenraums, den Johannes Schütz gestaltet hat. Darüber ein breites helles Leinwand-Rechteck, auf dem etwa die englischen Übertitel zu lesen sind oder spröde ein Zeichen aufscheint: ein rotes Dreieck, wie es politische Lagerhäftlinge tragen mussten.
Sie diskutieren den Menschen
Größtmögliche Versachlichung, so dass kleinste Gesten wie extrem vergrößert wirken, etwa ein Streicheln der Mater Dolorosa Ljudmila Strum (Jele Brückner). Einfühlung erfolgt über das Erzählte und weniger durch die Form des Erzählens. Aber das ändert sich im Verlauf, bis die Darsteller sich mehr und mehr in Wesen und Seele der Personen hineinbegeben und diese und sich selbst emotional ausschöpfen.
Unschuldig Schuldige oder schuldig Unschuldige. Sie diskutieren den Menschen und das ihn dominierende System, klammern sich aneinander, rollen sich zum Schlaf zusammen, schleppen sich ab an Bündeln von Soldatenmänteln, denken an Gräber und an ihre Kindheit, leiden, hadern, sterben, sind abgeklärt wie der aus seinen Ämtern gestürzte Katzenellenbogen (Victor IJdens), nun eines der stalinistischen Säuberungsopfer, oder aufbegehrend und klagend wie der altgediente Offizier Grekow (Guy Clemens), der bekennen soll, wo es nichts zu bekennen gibt. Immer wieder kehrt die Aufmerksamkeit zurück zu Strum (Pierre Bokma) – diesem Lear unterm roten Stern, auf seine ferne, dem Tod anheimgegebene Mutter, seine illusionslose Frau Ljudmila, die Kinder Nadja und Tolja. Ihre Furcht und Hoffnung erzählt als Drama eines Selbstverlusts und der Unterwerfung unter die Doktrin.
Wassili Grossman weiß wie William Shakespeare alles über die Natur des Menschen, ohne zum Menschenfeind geworden zu sein. Johan Simons und die Zehn auf der Bühne übersetzen Grossmans zersplitternd großes Ganze in geklärte, gehärtete Miniaturen von der Menschwerdung im Unmenschlichen und von der Absurdität des menschlich Unzulänglichen.
Dass die ersten vier Aufführungstermine im Anschluss noch ins Anneliese Brost Musikforum münden für Schostakowitschs zehnte Sinfonie, die er wohl in Reaktion auf den Tod Stalins 1953 komponiert hat, ist Epilog und Fortschreibung des Romans mit anderen Mitteln: Bekenntnismusik in elegischer Zartheit und aufrührerischem Leidenspathos.
TERMINE: 26. APRIL, 16 UHR MIT KONZERT IM ANSCHLUSS
2. MAI, 16.30 UHR MIT KONZERT IM ANSCHLUSS
3. MAI, 14.30 UHR MIT KONZERT IM ANSCHLUSS
10. MAI, 18 UHR






