Mateja Koležnik zeigt mit ihrer deutschsprachigen Erstaufführung von Tiago Rodrigues‘ »Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten« im Schauspielhaus Bochum, wie relevant Theater sein kann.
Sara muss sich entscheiden. Folgt sie der Familientradition, die ihre Urgroßmutter vor 54 Jahren begonnen und mit einem Brief an all ihre Nachfahren festgeschrieben hat? Oder soll sie mit allem brechen, womit sich ihre Familie seither identifiziert? Eine solche Entscheidung zu treffen, ist niemals einfach. Doch für die von Carla Richardsen gespielte junge Frau ist es im wörtlichen Sinn eine Frage von Leben und Tod.
Am 19. Mai 1954 wurde bei einer Demonstration für höhere Löhne die Landarbeiterin Catarina Eufémia von einem Offizier im Dienst des klerikal-faschistischen Salazar-Regimes mit drei Schüssen in den Rücken getötet. Tiago Rodrigues‘ Stück »Catarina oder Von der Schönheit, Faschisten zu töten« beginnt mit diesem heimtückischen Mord für Saras Urgroßmutter ein lebenslanger Kampf gegen ein brutales System. Sie stand nicht nur an der Seite ihrer Freundin, als diese erschossen wurde. Sie musste auch miterleben, wie ihr eigener Ehemann, ein Soldat, tatenlos zugesehen hat. Noch in derselben Nacht hat sie ihn aus Rache auch mit drei Schüssen ermordet und so eine Familientradition begründet. Seither kommt die Familie jedes Jahr am Todestag von Catarina im Landhaus der Urgroßmutter für ein Festessen zusammen, um dann einen zuvor von ihr entführten Faschisten hinzurichten.
Zwischen Ibsen und Brecht
In diesem Jahr soll erstmals Sara abdrücken. Nur hegt sie große Zweifel. Eine extremrechte und nationalistische Partei stellt zwar die Mehrheit der Regierung und arbeitet an einer Verfassungsänderung, die die portugiesische Demokratie untergraben würde. Dennoch kann sie nicht wirklich daran glauben, dass der politische Zweck jedes Mittel rechtfertigt. Die anderen Mitglieder der Familie, ihre Mutter Isabel (Elsie de Brauw), ihr Onkel Pedro (Felix Knopp), ihr zweiter Onkel Rui (Konstantin Bühler) und schließlich ihr Großonkel António (Rainer Bock), bedrängen sie und versuchen alles, sie auf die Familientradition einzuschwören.
In Mateja Koležniks Inszenierung kommen zwei höchst unterschiedliche Theatertraditionen zusammen. Auf der einen Seite entwickeln die Szenen zwischen Sara und ihren Verwandten eine psychologische Dichte, die an die Kammerspiele Henrik Ibsens erinnert. Auf der anderen schließt das intensive Ringen der Figuren um die Frage, wie und mit welchen Mitteln Menschen gegen ein faschistisches oder zumindest protofaschistisches Regime kämpfen sollten, direkt an Bertolt Brechts politisches Theater an. Tiago Rodrigues und Mateja Koležnik konfrontieren das Publikum dabei mit immer neuen Perspektiven und Ambivalenzen, die sich auch in Raimund Orfeo Voigts grandiosem Bühnenbild, einem überaus wandelbaren, vierteiligen Kasten, offenbaren. Ständig ändern sich die räumlichen und die familiären Konstellationen. Was festgefügt schien, erweist sich als brüchig. So ist es auch mit den niemals wirklich hinterfragten Überzeugungen der älteren Generation.
Die Zweifel der Jungen führen jedoch nicht in eine bessere Zukunft. Sie beschwören eine Katastrophe herauf. So steht am Ende der von Ole Lagerpusch gespielte rechtsextreme Politiker und Denker, den die Familie hinrichten wollte, allein auf der Bühne und hält einen zunehmend widerwärtigeren Monolog, der so ziemlich alle menschenverachtenden Positionen der neuen Rechten vereint. Bei der Bochumer Premiere ist es bei diesem Monolog zu einem Eklat gekommen. Aufgebrachte Zwischenrufe oder Zuschauer, die den Saal verlassen, waren zu erwarten und gehören letztlich zu diesem Abend dazu, der das Publikum ganz gezielt mit einem politischen und moralischen Dilemma konfrontiert. Aber die beiden Zuschauer, die auf die Bühne gestürmt sind und Ole Lagerpusch körperlich zum Aufhören zwingen wollten, und die Zuschauerin, die eine Mandarine nach ihm geworfen hat, haben eine Grenze überschritten. Ihre Reaktionen spiegeln auf erschreckende Weise genau die Verhaltensweisen, gegen die Sara sich nicht zu Unrecht auflehnt.
WIEDER AM 20. MÄRZ, 11. UND 30. APRIL






