Termingenau zum 90. Geburtstag und zum 50. Jubiläum des legendären Konzerts in der Kölner Sporthalle: der Film über Wolf »Biermann – Warte nicht auf bessre Zeiten« von Jens Meurer. Unser Film des Monats.
Zeitsprünge, Ortswechsel, Geschichtslinien. »Eine Geisterbahnfahrt durch sein eigenes Leben«, sagt er. Zuerst eine Momentaufnahme vom umjubelten Köln-Konzert im November 1976; 50 Jahre später wieder ein Auftritt in Köln, die Stimme rauer und ruppiger, der Leib voluminöser, Haar und Schnauzbart weiß; dann 1989 in Leipzig und 1990 in Erfurt – die Rückkehr. Und so weiter. Vor und zurück, hüben und drüben, links und frei, laut und selten leise.
Unterwegs zu Auftritten oder beim Spaziergang über den Dorotheenstädtischen Friedhof, in der Berliner Staatsbibliothek im eigenen Archivraum, dem Sehnsuchtsort Paris und am Grab Heines, daheim an der Ostsee und an der Elbe mit Konzertflügel und voller Gemälde und Fotografien. An einer Wand hängt der Davidstern. Aus einer Kiste kramt er eine Eisenbahnschwelle – die er geklaut hat am Güterbahnhof, von dem aus die Hamburger Juden nach Minsk deportiert und alle ermordet wurden. Darunter sein Vater, Kommunist, Aktivist und Arbeiter bei Blohm und Voss – vergast in Auschwitz.
Die Gitarre als Waffe
Wolf Biermann ist ein deutsches Geschichtsdenkmal. Verwittert und standfest. Ein großes Ich, Kämpfer und Querulant. Der zweistündige Film von Jens Meurer sammelt, collagiert und montiert historisches Bildmaterial, aktuelle Szenen, lebendige Erinnerungen: Sohn, Kriegskind, Halbwaise, idealistischer FDJ-Knabe ab 1953 im Aufbau des Ulbricht-Landes, Lehrstunden am Berliner Ensemble und Eisler-Schüler, die »verrottete« Adresse Chausseestraße 131 mit der Straßenbahn als Hintergrundgeräusch der illegalen Plattenaufnahmen, Glück mit den Frauen (und im Laufe der Jahrzehnte zehn Kindern), Bohème in der Bude. Frech und scharfzüngig nutzt er die Gitarre als Waffe. Der Konflikt mit dem Staatsapparat beginnt. Es folgen Verbot, Überwachung, Maßnahmen zur Zersetzung seiner Person, das Exil 1976, verbunden mit der Neuorientierung in Westdeutschland.
2014 hatte Bundestagspräsident Norbert Lammert zum 25. Jahrestag des Mauerfalls jemanden Spezielles in den Reichstag eingeladen. Als Gastsänger, nicht Gastredner, denn schweigen hätte Wolf Biermann eigentlich müssen, gemäß der Regel des Hohen Hauses. Aber den Mund lässt er sich nicht verbieten, schon in einer Diktatur wie der DDR nicht, dann wohl erst recht nicht im demokratisch verfassten Staatswesen. So attackierte Biermann in seiner Einleitung zum Lied »Ermutigung« die Linkspartei als Erbin der SED: als »elender Rest dessen, was zum Glück überwunden ist«. Nahm den Ehrentitel des »Drachentöters« auf und meinte, »die Reste der Drachenbrut« seien »geschlagen«.
Diese auch von Meurer nicht ausgelassene Szene trifft Biermanns Wesen, dem der Dokumentarfilm sehr nahe kommt. Nimmermüde, eigensinnig und unerschrocken, falsche Eintracht verachtend, geradeheraus in lutherischem Deutsch, groß im Hass, weitherzig im Lieben. Seine Verse wie der berühmte, Beton und Eisen brechende »Du, lass dich nicht verhärten / in dieser harten Zeit.« sind Allgemeingut. Hier singt er es mit den Toten Hosen – wie neu. Immer gültig. Gerade heute. *****
»BIERMANN – WARTE NICHT AUF BESSRE ZEITEN«, REGIE: JENS MEURER,
D 2026, 120 MIN., START: 29. OKTOBER.






