Unser Film des Monats: »In case we never meet again« über die Ukraine, ihre Menschen und den Krieg ist Traumprotokoll und Realitätsreport.
Auch so werden Märchen erzählt, gehärtet an der Realität. Ein Mädchen, Lera Spasskaia, berichtet, als sie 15 Jahre alt gewesen sei, habe sie einen streunenden Hund gefunden: Er stellt sich als Wolf heraus. Mit 13 habe sie einen Fuchs gefunden: Der sie fast gefressen hätte. Sie zählt sich in ihren Lebensjahren immer weiter voran und erfindet neue Geschichten. Wir können uns denken, wer der böse Wolf und wer der gierige Fuchs sind.
Wir hören von Cherson und von Charkiv, hören Detonationen und den Lärm von Geschossen, Lagebesprechungen und Fernsehnachrichten von der Front. Sehen Zerstörungen und Trümmer, erleben Luftangriffe, auf die ein junger Punk mit extremen Subjektivitätsschüben reagiert, als bewege er sich durch eine halluzinierte Wirklichkeit.
Betrogen vom Alltag
Kinderspiele in Zeiten des Krieges. Die Fantasie hat bei einigen das Träumen verlernt. Betrogen vom Alltag. Diese Kinder sind daran gewöhnt, in den Kategorien des Krieges zu denken und ihn in ihren Erfahrungsraum zu integrieren: andere Namen und Bilder für etwas nehmen, was einmal Räuber und Gendarm, Cowboy und Indianer, Cop und Gangster war.
Maxim Vargashev schwingt sich zum Anführer auf, er kennt sich wie ein Altgedienter aus mit Waffensystemen, Kriegsgerät, Blockadebauten und dem Aufspüren von Material, das in der Kampfzone zurückgelassen wurde; er hat sich in die Rolle des Landesverteidigers eingeübt. »Ruhm der Ukraine«, »Für den Donbas« und »Nieder mit der Russischen Föderation« rufen sie sich zu, als solle es klingen wie aus männlich rauen Kehlen, aber auch, als wären es Parolen aus einem arglosen Abenteuerroman.
Familienleben in Zeiten des Krieges. Zenit, der sich zuhause fit gemacht und in Form gebracht hat, steht im Feld gegen den Feind. Tanya, die mit den beiden Kindern und wegen der Kinder nach Kanada ging, hat das Handy griffbereitet, wenn Mitteilungen von ihm kommen. Zenit teilt uns mit, wie sehr die Liebe zu Frau und Kindern in der kanadischen Ferne ihm seine eigene Sterblichkeit bewusst mache. Nach Monaten der Trennung treffen sie sich in den Karpaten. Für ein kurzes Durchatmen in einem Idyll ungefährdeter Natur. Zeit für Gespräche, die den Empfindungstraum wechselseitig öffnen, Zeit für intime Nähe, die das Begehren und das Befriedigen des Körpers als vital existentielle Notwendigkeit erfüllt.
Der Wechsel der Schauplätze und des Personenkreises, die Montage, die das Friedliche und das Tödliche kaum voneinander trennt und doch als Welten voneinander entfernt zeigt. Die Verunsicherungen, die nur fragiles Gleichgewicht erlauben, die Simultanität der Gefahr – ob als erwachsener Ernstfall, ob als kindliche ‚Übung’ mit ‚Spielzeug‘. All das erzeugt Beunruhigung, schafft Irritation, wirft Fragen auf.
Die Filmemacher Noaz Deshe, Beau Willimon, Peter Verzilov sind bei »In case we never meet again« keine klassischen Dokumentaristen. Sie haben ein Hybrid verfertigt aus Traumprotokoll, Realitätsreport, Erinnerungssplittern, Bewusstseinsstrom und Love Story.
Und dann sind da noch wieder und wieder die wissenden, traurig klugen Augen von Lera, die anfangs von Wolf und Fuchs erzählt hatte. Sie und ihre Freundesgruppe von Jungen und Mädchen suchen einen Ausweg, eine andere Ausdrucksform und Übertragung ihres Erlebens in Tanz und Spiel. Als rettende, hoffende Möglichkeit bewegen sie sich hinein in eine leuchtende Bühnenwelt, in der allerdings auch zwei Grabstellen ausgehoben sind. ****
»IN CASE WE NEVER MEET AGAIN«, REGIE: NOAZ DESHE, BEAU WILLIMON, PETER VERZILOV, UKRAINE / DEUTSCHLAND 2025; 97 MIN.; START: 28. MAI






