Im vergangenen Jahr gewann Svealena Kutschke mit »Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert« den ersten FIDENA Stückepreis. Jetzt wurde die ebenso feine wie absurde Gesellschaftsbetrachtung vom MiR Puppentheater in Gelsenkirchen uraufgeführt.
Neue Dramatik und Figurentheater? Diese Verbindung fügt sich, zumindest in Gedanken, ganz hervorragend. Auf den Bühnen sehen wir die Kombination allerdings eher selten. Auch um das zu ändern, hat das Deutsche Forum für Figurentheater und Puppenspielkunst (dfp) den FIDENA Stückepreis ins Leben gerufen. Beim Heidelberger Stückemarkt 2025 wurde er erstmalig verliehen an Svealena Kutschkes Werk »Fußnoten aus dem späten 21. Jahrhundert«. Verbunden ist die Auszeichnung mit einem Preisgeld von 5.000 Euro und einer Ur- oder Zweitaufführung der Puppenspielsparte des Gelsenkirchener Musiktheaters im Revier. Unter der Regie von Pablo Lawall wurde das Gewinnerstück eben dort jetzt uraufgeführt.
Svealena Kutschke versetzt das Geschehen in eine nahe Zukunft, in der Bienen und Eulen längst ausgestorben sind, der Klimawandel als Katastrophe draußen vor dem Fenster Salatköpfe, Konserven und Gartenstühle herumwirbeln lässt und sich die Demokratie zum autokratischen Repressionsstaat entwickelt hat.
Die Zukunft des Landes sieht schwarz aus
Das Figurenpersonal: vier Angestellte einer Institution, die Grubers und Webers eines Verwaltungsbüros, außerdem ein »Paranormales Phänomen« und eine Regiestimme. Und was die zu sagen hat, ist wichtig. Als eine Art Seismograph der Stimmung im Büro und in der Welt führt sie uns mal poetisch, mal lustig, mal kühl analysierend den Ist-Zustand vor Augen: »Es ist ein neuer Morgen im Maschinenraum der Auto-äh-Demokratie, im Kraftraum des Nationalstaats, im Moskitoschwarm der Verwaltung«, sagt sie. Oder: »Du hast dich daran gewöhnt, dass die Sonne nicht zu sehen ist.« Das ist harter Tobak im rauschenden Fluss des Nebenbei-Erzählens.
In Gelsenkirchen ist diese Stimme teils als Chor, teils als Gliederpuppe besetzt. Die befindet sich in einem kleinen U-Boot, aus dem sie das Wetter und die Lage beobachten kann. Ihr Outfit: Typ Chefin oder Vorstandsvorsitzende mit grauer Haarsträhne, Bluse und reichlich Schmuck. Gespielt wird sie abwechselnd von den Darsteller*innen (Gloria Iberl-Thieme, Daniel Jeroma, Moritz Ilmer und Luisa Krause). Dann gibt es die Regiestimme aber auch im Nachrichten-Format, bei dem die Tagesschausprecher-Puppe mit ernster Miene an der Absurdität der Sprache verzweifelt und eine kleinere Puppe im Regenmantel vom Wetter weggeweht wird. Das sind kurze, witzige Einsprengsel, die das Prinzip Verwirrung allerdings noch verstärken.
Und auch »Deutschland«, die Büro-Affäre, über die im Stücktext nur gesprochen wird, bekommt ihren Auftritt als Puppe: ein schlaksiger Todesengel mit glitzernden Sternenaugen und dürren Fingern. Die Zukunft des Landes sieht schwarz aus. So spielt die Regie mit visuellen Anspielungen und Ausdeutungen, die der feinen Sprache des Textes auch mal die Luft nehmen.
Im Büro denunzieren sich derweil die Angestellten gegenseitig. Als Karikaturen bewegen sich die Darsteller*innen in Lackschuhen über die rote, fast leere Bühne (Bühne und Kostüme: Lex Hymer). Daniel Jeroma als flackerndes »Paranormales Phänomen« mit hoher Alien-Stirn bringt mit zittrig wackelnden Gummihänden die Büro- und Gruppenordnung durcheinander. Und draußen? Da geht die Welt unter.
»FUSSNOTEN AUS DEM SPÄTEN 21. JAHRHUNDERT«
MUSIKTHEATER IM REVIER GELSENKIRCHEN
6. UND 15. MÄRZ, KLEINES HAUS





