Mit allen Mitteln geht Kerstin Brätsch daran, ihr Medium Malerei in neue Dimensionen zu führen. In NRW bietet sich gleich mehrfach Gelegenheit, die imposanten Ergebnisse der vielfältigen Grenzüberschreitungen zu erkunden.
Malerei auf transparenten Folien, die von der Decke hängen. Malerei auf Tapeten, die an hohen Museumsmauern kleben. Malerei auf Pappobjekten, die sich im Ausstellungsraum als Sitzmöbel nützlich machen. Malerei, die in raumgreifenden Installationen überwältigend wirkt. Die »Erforschung« und »Entgrenzung« des Mediums sind Programm bei Kerstin Brätsch, und in der Überblicksschau im Bonner Kunstmuseum wird klar, was das bedeutet. Es geht hier oft weniger um einzelne Werke an der Wand oder auf dem Sockel. Vielmehr breitet Brätsch in den acht Ausstellungssälen recht weitschweifig ihren Kosmos aus.
Ihre Arbeiten gehen zum Teil auf in immersiven Inszenierungen, wie gemacht zum Eintauchen und Abtauchen. Zu den gemalten Abstraktionen treten hier Videos, Projektionen, plastische Arbeiten. Klänge, Musik und im Rhythmus flackernde Scheinwerfer machen Stimmung. Viele Werke sind in Zusammenarbeit mit Kolleg*innen oder Handwerker*innen entstanden und bringen damit nicht zuletzt Fragen nach Autorschaft und Subjektivität ins Spiel.
Wenn der Zufall sich einmischt
Parapsychologie, Wahrsagungen oder auch das Atmen können bei Brätsch als Inspiration wirksam werden. Gerne überlässt die Künstlerin auch dem Zufall und Naturkräften das Feld – Anziehung, Abstoßung, Leichtigkeit, Schwerkraft mischen sich dann ein in die Gestaltung. Überrascht spitzt man die Ohren, wenn die Künstlerin dabei vollmundig von einer »Kooperation mit dem Universum« spricht.
Dafür, dass sie ihr Medium, die Malerei, so ausdauernd erweitert und befragt, wird die 1979 geborene, zwischen New York und Berlin pendelnde, in Hamburg lehrende Künstlerin seit Jahren hochgeschätzt, mit Preisen bedacht und in Ausstellungen gefeiert. Zuletzt erhielt sie den mit 25.000 Euro dotierten Marta-Preis der Wemhöfer Stiftung, verbunden mit einer weiteren Einzelausstellung, die ab November 2026 in Herford zu erleben sein wird. Das dortige Museums-Café schmückt sich zudem seit einigen Monaten mit einer imposanten Wandgestaltung der Künstlerin. Auch hier hat Brätsch Motive eigener Arbeiten riesenhaft vergrößert, um sie als Tapeten an die geschwungene Wand des Gehry-Baus zu kleben und auf dem bunten Untergrund fünf kleine Werke zu platzieren.
Beim Kaffeetrinken blickt man nun etwa auf drei Bilder aus der vielteiligen »Meta«-Serie, die Brätsch seit 2018 verfolgt – wie fortlaufende Notizen. Auch in Bonn sind Beispiele dieser Art zu sehen. Sie stehen für sich, dienen aber oft auch als Motivschatz für die Fototapeten, auf denen sie, achsensymmetrisch gespiegelt, vielfältige Assoziationen entfachen. Beim Rundgang durch die Schau meint man, in den Mustern etwa Insekten oder Gewächse zu entdecken, fühlt sich umfangen von gruseligen Gesichtern oder fremden Figuren.
Als Zuflucht kommt »Kaya’s House« gerade recht – ein Kinderhaus, das seit 2015 um die Welt wandert und sich, von diversen Künstler*innen und Gruppen bearbeitet, in fortwährender Verwandlung befindet. Zuletzt zog eine kleine Bar ein, an der man stehen und einer eigens zusammengestellten Playlist lauschen kann. Die Malerei solle sich hier als kollektiver sozialer Raum präsentieren, so Brätsch. Obendrein ist das Haus für sie ein »Zufluchtsort für das Medium selbst«.
»KERSTIN BRÄTSCH. METAATEM«, KUNSTMUSEUM BONN, BIS 12. APRIL.
KERSTIN BRÄTSCH, MARTA CAFÉ, HERFORD, DAUERHAFT.
»KERSTIN BRÄTSCH – EINZELAUSSTELLUNG ZUM MARTA-PREIS«,
MARTA HERFORD, 28. NOVEMBER BIS 28. FEBRUAR 2027





