Vor der Sommerpause spielen viele Theater des Landes auch draußen auf den Plätzen, in den Höfen, im Park und in den Straßen. Sascha Westphal hat einige (Open-Air-)Schauspieltipps zusammengestellt.
ZWISCHEN ZAUBER UND ENTSETZEN
ROBERT VONTOBEL ZEIGT MICHAEL ENDES »DIE UNENDLICHE GESCHICHTE« IM UND VOR DEM DÜSSELDORFER SCHAUSPIELHAUS.
Der Kontrast zwischen dem ersten und dem zweiten Teil von Michael Endes Fantasy-Roman »Die unendliche Geschichte« könnte kaum größer sein. Auf eine geradezu magische Feier der Fantasie folgt eine überaus düstere Warnung vor den Gefahren zu großer Macht. Roger Vontobel stellt diesen Bruch ins Zentrum seiner Inszenierung. Im ersten Teil, der im Großen Haus gespielt wird, beschwört er den Zauber des Theaters und der Bühne herauf und lädt das Publikum zum Staunen und Träumen ein. Für den zweiten Teil geht es auf den Theatervorplatz, wo er sämtliche Register zieht, die ein Open-Air-Spektakel bietet. Pyro- und Videotechnik erzeugen eine Atmosphäre der Bedrohung und des Schreckens. Und sorgen für eine apokalyptische Stimmung auf dem Gustaf-Gründgens-Platz.
5. JULI
VERBORGENE SCHÖNHEIT
DAS URBAN ARTS ENSEMBLE AM THEATER OBERHAUSEN FEIERT EINE »BLOCKPARTY«.
Natürlich kommen die Performer*innen der Oberhausener Urban Arts Sparte mit einer sportlichen Mercedes-Limousine am Container-Dorf an. Schließlich ist ein Auto in der Hip-Hop-Kultur nie nur ein Auto, sondern immer auch ein Statement. So etablieren die Regisseurin Kama Frankl-Groß und der Choreograf Kwame Osei von Anfang an eine eigene Ironie. Das Ensemble wirft sich zwar mit großer Lust an der Verausgabung in die Rap-Battle und die Choreografien, aber es nimmt sich dabei nie ganz ernst. All die Szenen, die es vor und zwischen dem Publikum aufführt, haben einen überaus realen Kern. Doch erst durch gezielte Überzeichnungen werden sie zu einer Kunst, die das Schöne im Tristen und das Unerwartete im Alltäglichen entdecken kann. So entstehen eindringliche Bilder für die Nöte und den Druck, mit denen die Menschen in Plattenbausiedlungen Tag für Tag leben.
3., 8. UND 11. JULI, IM CONTAINER-CORF AM THEATER OBERHAUSEN
ITALIENISCHE NÄCHTE
DAS LANDESTHEATER DETMOLD ZEIGT BÜCHNERS »LEONCE UND LENA« IN SEINEM INNENHOF.
Fast verwundert es einen, dass Georg Büchners Lustspiel nicht öfter unter freiem Himmel gespielt wird. Schließlich hat diese bitterböse Satire um zwei Königskinder, die vor einer arrangierten Ehe fliehen, nur um sich in die Arme zu laufen, alles, was Open-Air-Produktionen brauchen. Es erzählt von einer Reise, die sich wie Gustav Ruebs Inszenierung im Innenhof des Detmolder Landestheaters beweist, draußen viel spielerischer in Szene setzen lässt als auf der Bühne. Außerdem passt Büchners auch mal alberner Humor hervorragend zu dieser Form von Theater. Das Einzige, was dem Stück zum perfekten Freiluft-Spektakel fehlt, sind eine Band und Musik, und die hat Rueb hinzugefügt. Songs wie Rainald Grebes »Oben« und Schlager wie »Bella Napoli« sorgen nicht nur für Stimmung, sie schlagen auch einen Bogen in die Gegenwart.
3., 4., UND 5. JULI, WEITERE TERMINE IM AUGUST UND SEPTEMBER

STADTGESCHICHTEN
DAS SCHAUSPIEL ESSEN MACHT MIT »500 METER« DIE ESSENER INNENSTADT ZUR BÜHNE.
Beinahe täglich erscheinen in den lokalen Medien Berichte über die vielfältigen Probleme, mit denen gerade die Innenstädte in Ruhrgebiet zu kämpfen haben. Nun hat sich das Schauspiel Essen mit dem partizipativen Projekt »500 Meter« dieses Themas auf eine ungewöhnliche Weise angenommen. Lösungen können der Regisseur Christoph Frick und der Autor Lothar Kittstein natürlich keine liefern. Aber es gelingt ihnen, das Publikum für die Situation von Wohnungslosen ebenso wie für die Nöte von nur geduldeten Immigrant*innen zu sensibilisieren. Ein Spaziergang durch die Innenstadt und ein großes (Straßen)Theater-Spektakel am Flachsmarkt, an dem mehr als 100 Menschen aus der Stadtgesellschaft beteiligt sind, eröffnen neue Perspektiven und wecken die Hoffnung, dass die Innenstädte noch längst nicht am Ende sind.
3., 10. UND 17. JULI
LETZTE HOFFNUNG
DAS THEATER AN DER RUHR IN MÜLHEIM ZEIGT IM RAHMEN VON »UTOPIE 3« ZWEI URAUFFÜHRUNGEN.
Seit Jahren beschäftigt sich der Schriftsteller Thomas Köck vor allem mit antiken Stoffen. Stücke wie »antigone. ein requiem« oder »forecast:ödipus – living on a damaged planet« denken die Tragödien des Sophokles noch einmal neu und überschreiben sie aus der Perspektive unserer Zeit. Angesichts der gegenwärtigen Krisen und Katastrophen bekommt das Schicksal der großen tragischen Figuren der Antike eine andere Bedeutung. Diese Dringlichkeit erfüllt auch Köcks für das Theater an der Ruhr entstandene Aischylos-Überschreibung »Circus Oresteia Or a few more notes on the very famous myth oft he verschwendungszusammenhang« (Premiere am 3. Juli), die Philipp Preuss im Raffelbergpark uraufführt. Der lange Untertitel deutet es schon an. Köck führt die Tragödien-Trilogie mit Überlegungen zum Klimawandel zusammen. Aus seiner Sicht ist es nur ein kleiner Schritt, der vom trojanischen Krieg zu den heutigen Kriegen führt. Wie ein zeitgenössischer Nachfolger Kassandras warnt er vor den Folgen unserer Handlungen. Zugleich sucht er wie Aischylos im dritten Teil der »Orestie« nach einem Ausweg aus dem Kreislauf von Gewalt und Zerstörung. »Everybody Dance Now #Mülheim« (Premiere: 4. Juli) ist ein Versuch, der Vereinzelung etwas entgegenzusetzen. Mit seinem Ensemble Total Brutal und Mülheimer Bürger*innen entwickelt Nier de Wolff eine Choreografie, die auf einem getanzten Parcours, der vom Theater in den Raffelbergpark führt, Einzelne zu einer Gemeinschaft werden lässt.
»UTOPIE 3«: 3. BIS 26. JULI






