Im Jungen Schauspielhaus Bochum inszeniert Nils Zapfe Ödön von Horváths Klassiker »Jugend ohne Gott« als Monolog mit dem furiosen Schauspieler Dominik Dos-Reis. Und mit Blick auf das neue Wehrdienstgesetz.
Der Fisch thront übergroß auf der kargen Bühne im Theaterrevier. Eine Drei-Meter-Knautsch-Skulptur in Pink und Weiß und mit riesigen Augen, die uns anstarren. »Ich bin zwar nur ein Amateurastrolog, aber die Erde dreht sich in das Zeichen der Fische hinein. Da wird die Seele des Menschen unbeweglich wie das Antlitz eines Fisches.« So lässt Ödön von Horváth den ehemaligen Lehrerkollegen Julius Caesar vorhersagen. Bühnen- und Kostümbildnerin Jenny Theisen verpasst dieser desolaten Gesellschaftsdiagnose in »Jugend ohne Gott« eine zeitgemäße Statue: plüschig und im XXL-Format. Es sieht tatsächlich denkfaul aus, dieses Ding.
Horváths Roman erschien 1937. Wegen »pazifistischer Tendenzen« wurde er von den Nazis dann auch gleich wieder verboten. »Jugend ohne Gott« erzählt von einem Lehrer und seiner Klasse, im Gros durch die NS-Propaganda infizierte Jungen. Der Lehrer hat seine Ideale, seine Moral, seine unerwünschte Weltanschauung (»Auch die Fremden sind Menschen«). Regisseur Nils Zapfe, der in Bochum zuletzt »Nils Holgersson« inszenierte, lässt in seiner Version den Horváthschen Ich-Erzähler solo spielen. Im überlangen Jacket steht Dominik Dos-Reis vor uns, spricht uns direkt an oder wechselt die Jacke, wenn er als Schüler oder Direktor redet. Woran er uns teilhaben lässt in diesen knapp 80 Minuten, das ist das Ringen. Das Ringen mit seiner Rolle (als Lehrer) und ums, mit dem Denken. So überzeugt wie zweifelnd, so souverän wie hadernd und feige spielt Dos-Reis diesen Lehrer.
Elektronisch verzerrte Propagandalieder
Mit ihm auf der Bühne ist Live-Musiker Christoph M. Hamann im silberglänzenden Ganzkörperanzug, der Sound und Stimmungen beimischt oder auch mal Propagandalieder der Hitlerjugend, »Vorwärts, vorwärts«, elektronisch neu arrangiert, verzerrt, verfremdet. Nichts wirkt überladen, weder die Musik noch die Bühne oder das Spiel. Im Gegenteil: Zapfe inszeniert einen konzentrierten Abend. Aber das Artifizielle bekommt seinen Raum, das Angedeutete und Assoziative. Sätze wie »Wenn der Krieg kommt, dann habt ihr die Ehre und Pflicht, unser Land zu verteidigen« hallen da umso wirkungsstärker nach.
»Jugend ohne Gott« ist ein Dauerbrenner auf deutschsprachigen Bühnen. Aber die Aktualität von Horváths Text liegt für junge Menschen gerade auf der Hand. Vor der Premiere, »am 5. Dezember 2025 gingen rund 600 Bochumer Schüler*innen während ihrer Schulzeit auf die Straße, um sich gegen die Gesetzentwürfe der Bundesregierung zu stellen, die ab 2026 einen neuen Wehrdienst vorsehen«, heißt es im Programmheft. Viele Schüler*innen in NRW demonstrierten an diesem Tag. Nach der Premiere, am 1. Januar, ist das Wehrdienstgesetz in Kraft getreten. Was macht das mit der Generation, die es betrifft? Die Bochumer Produktion bietet Anlass, darüber zu diskutieren. Auch gerade weil sie bei Horváth bleibt. Der erzählt von einem Lehrer und einer Klasse, die zwar zu verschiedenen, aber dennoch zu Mitläufern, zu (Mit)Tätern und Opfern werden. Im militärischen Zeltlager werden sie gedrillt und in einen Mordfall verwickelt. Nils Zapfe setzt den Fokus auf das Dilemma der Einzelnen, zeigt mit Dominik Dos-Reis den Menschen als verwandlungsfähig, aber auch als verführungsanfällig: Er ist gefährdet und ist die Gefahr.
AB 13 JAHRE, WIEDER AM 20. BIS 22. Februar, THEATERREVIER






