Von Romanbearbeitungen mit großem Orchester bis zum Spiel mit Puppen: Hier kommen Sascha Westphals Schauspieltipps für die nächsten Monate.
»KRIEG DEN PALÄSTEN«
JANA VETTEN VERWANDELT GEORG BÜCHNERS LUSTSPIEL »LEONCE UND LENA« IN DORTMUND IN EIN REVOLUTIONSSTÜCK.
Der Musiker Kalle Kummer ist der eigentliche Star von Jana Vettens »Leonce und Lena«. Er begleitet das Stück am Klavier und spielt zugleich Schorsch Typhus, »den Geist Georg Büchners«, der hier als eine Art Live-Regisseur auftritt und alles versucht, die Herrschaft der Könige und ihrer Kinder zu beenden. Aus dem absurden Märchenspiel um zwei Königskinder, die vor ihrem vorbestimmten Schicksal flüchten, nur um ihm direkt in die Arme zu laufen, wird eine bitterböse Abrechnung mit den Menschen, die lieber bequem in einem ungerechten System leben, als für die Freiheit zu kämpfen.
7. UND 22. FEBRUAR, SCHAUSPIELHAUS DORTMUND

WAS WÄRE, WENN…
DAS THEATER MÜNSTER ZEIGT DIE DEUTSCHE ERSTAUFFÜHRUNG VON WAJDI MOUAWADS »DIE WURZEL AUS SEIN«.
In »Die Wurzel aus Sein« imaginiert Wajdi Mouawad fünf unterschiedliche Lebenswege für eine Figur namens Talyani Waqar Malik. In vier dieser sich parallel entspinnenden Lebensgeschichten ist Talyani als Kind mit seiner Familie aus dem Libanon geflohen, in der fünften geblieben. So springt das Stück fortwährend zwischen den einzelnen Möglichkeiten eines Lebens hin und her. Diese komplexe, von der Quantentheorie inspirierte Dramaturgie ist wie geschaffen für den Regisseur Moritz Sostmann, in dessen Inszenierungen das Ensemble elegant mit Puppen interagiert und so ganz eigene Räume der Fantasie eröffnet.
23. (PREMIERE), 29. JANUAR, WEITERE TERMINE BIS ENDE APRIL,
IM BANN DER TRADITIONEN
AM SCHAUSPIEL ESSEN BRINGT MARIE SCHLEEF MIT »THE LOTTERY« EINE KURZGESCHICHTE VON SHIRLEY JACKSON AUF DIE BÜHNE.
In ihren oft auf gesprochenen Text verzichtenden Inszenierungen lotet die Regisseurin Marie Schleef immer wieder Extremsituationen aus. Außerdem setzt sie meist auf Stoffe, die das deutsche Theater übersehen oder noch nicht entdeckt hat. Diese beiden Leitmotive ihrer Arbeit kommen in ihrer ersten Inszenierung am Schauspiel Essen auf faszinierende Weise zusammen. Shirley Jacksons »The Lottery« ist eine typische Schleef-Entdeckung. Ein ebenso leiser Schrecken, wie ihn diese Geschichte um eine Kleinstadt heraufbeschwört, deren Bewohner Gefangene einer archaischen Tradition sind, geht auch von ihren atmosphärisch ungeheuer dichten Arbeiten aus.
PREMIERE: 28. FEBRUAR, GRILLO-THEATER, ESSEN
DIE SCHRECKEN DES KRIEGES
FÜR DAS SCHAUSPIEL KÖLN ADAPTIERT SEBASTIAN BAUMGARTEN GERT LEDIGS ROMAN »VERGELTUNG«.
Gert Ledigs 1956 erschienener Roman »Vergeltung« ist längst so bekannt wie die Nachkriegswerke von Heinrich Böll oder Günter Grass. Dabei trifft er mit seiner nüchternen Beschreibung eines apokalyptischen Bomber-Angriffs der Alliierten auf eine namenlos bleibende deutsche Großstadt einen besonderen Ton. Jenseits aller Sentimentalität und auch jenseits aller Versuche, die Deutschen als Opfer des Zweiten Weltkriegs darzustellen, fängt Ledig das Wesen des Krieges ein. Sebastian Baumgartens Bühnenadaption ist auch eine Warnung an uns alle, die wir in einer Zeit leben, in der kriegerische Auseinandersetzungen immer näher an unseren Alltag rücken.
PREMIERE: 24. APRIL, DEPOT 1, KÖLN
WIDER DEN TOTALITARISMUS
BEI SEINER ADAPTION VON WASSILI GROSSMANS ROMAN »LEBEN UND SCHICKSAL« ARBEITET JOHAN SIMONS MIT DEN BOCHUMER SYMPHONIKERN ZUSAMMEN.
Nach seinen Bearbeitungen von Dostojewskis »Die Brüder Karamasow« und Elena Ferrantes Romanzyklus »Meine geniale Freundin« wendet sich Johan Simons nun »Leben und Schicksal«, Wassili Grossmans Roman des 20. Jahrhunderts, zu. Wie die früheren Arbeiten wird auch diese Adaption von Grossmans subversivem Panorama der Zeit des Stalinismus und des Zweiten Weltkriegs den Rahmen klassischer Schauspielarbeiten sprengen. Diesmal hat sich Simons für eine Zusammenarbeit mit den Bochumer Symphonikern entschieden und betont so die Verbindung zwischen Grossman und Dmitri Schostakowitsch, die sich beide Stalins Totalitarismus künstlerisch widersetzt haben.
PREMIERE: 25. APRIL IM SCHAUSPIELHAUS BOCHUM
EINE FASZINIERENDE ENTDECKUNG
ARTHUR SCHNITZLERS »RUF DES LEBENS« AM SCHLOSSTHEATER MOERS
Jakob Arnold und Daniel Kunze, die neuen Leiter des Schlosstheaters Moers, setzen gezielt auf neue oder weniger bekannte Texte und eröffnen so frische, ungewohnte Perspektiven auf unsere Gegenwart. Insofern blickt Jakob Arnold mit seiner Bearbeitung von Arthur Schnitzlers kaum noch gespieltem Stück »Ruf des Lebens« nicht nur zurück auf die Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Inszenierung wird auch ein Spiegel unserer Zeit sein. Schnitzlers Stück um eine Tochter, die ihren kranken Vater pflegt und ihre große Liebe an den Krieg verliert, erzählt von einer radikalen Zeitenwende, die durchaus Parallelen zu unserer von Krisen geprägten Gegenwart aufweist.
PREMIERE: 30. APRIL IM SCHLOSS, MOERS
EIN FEST DER FANTASIE
ROGER VONTOBEL INSZENIERT MICHAEL ENDES »DIE UNENDLICHE GESCHICHTE« IN DÜSSELDORF.
Zum Ende der überaus erfolgreichen Intendanz von Wilfried Schulz inszeniert Roger Vontobel nach »Das Rheingold. Eine andere Geschichte« noch einmal ein Open-Air-Spektakel. Michael Endes Fantasy-Abenteuer »Die unendliche Geschichte« eignet sich als großer Weltentwurf perfekt für die riesige Düsseldorfer Freilichtbühne. Auf dem Vorplatz des Schauspielhauses kann Vontobel zusammen mit den drei Ensembles von Schauspielhaus, Jungem Schauspielhaus und Stadt:Kollektiv die Magie des Theaters und Spiels auf einzigartige Weise heraufbeschwören und zugleich tief in die Magie der Geschichte um Bastian Balthasar Bux und das Reich Phantásien eintauchen.
PREMIERE IM MAI VOR DEM SCHAUSPIELHAUS DÜSSELDORF


