Ein Jahrzehnt lang war Bochum ein Hotspot der Fluxus-Bewegung, dank der Galeristin Inge Baecker. Das Kunstmuseum Bochum erinnert daran mit einer tollen Ausstellung, die vom Museum in den Stadtraum ragt.
Man kann sich das heute kaum vorstellen, aber der Ruhr-Park – das amerikanischste Einkaufszentrum Westdeutschlands, das in Bochum an der Autobahn liegt – war mal ein Ort für spannende Avantgarde-Kunst. Die Bochumer Galerie Inge Baecker sorgte zwischen 1972 und 1979 für »Kunstwochen« im Shopping-Center und brachte zentrale Vertreter*innen der Fluxus-Bewegung dazu, dort spektakuläre Performances und Kunstwerke zu zeigen. Mit der Ausstellung »How We Met« schaut jetzt das Kunstmuseum Bochum zurück auf Inge Baeckers zehnjährige Galerietätigkeit in der Stadt – und ragt dabei weit über die Museumsmauern hinaus.
»Ein Museum ist eigentlich genau nicht der Ort für Fluxus-Kunst«, sagt Eva Busch, die die Ausstellung mit Julia Lerch Zajączkowska kuratiert hat. »Ihr liegt an zwischenmenschlichen Interaktionen, es geht um den Zusammenhang zwischen Kunst, Leben und Alltag. Sie konnte zum Beispiel in Privatwohnungen stattfinden oder eben in einem Einkaufszentrum.« So brachte Inge Baecker in der letzten Kunstwoche im Ruhr-Park den Künstler Allan Kaprow dazu, einen aufsehenerregenden Turm aus alten Autoreifen zu errichten. Leider stand er nur rund drei Monate und wurde dann durch vorsätzliche Brandstiftung zerstört. Heute erinnern nur noch Fotos daran – und ein Punkt im Stadtplan. Eingezeichnet ist er in einen Flyer des Kunstmuseums, der einen Stadtrundgang zwischen Cafés, Läden und anderen Alltagsorten in Bochumer Stadtteilen anleitet, an denen die Fluxus-Szene zwischen 1970 und 1980 aktiv war.
In diesen zehn Jahren war Inge Baecker als Galeristin in Bochum tätig. In den 1960er-Jahren hatte die in Bochum Geborene an der Ruhr-Universität Philosophie und Kunstgeschichte beim legendären Professor Max Imdahl studiert, begonnen, ein Netzwerk zu Künstler*innen zu knüpfen und schon ab 1968 erste Kunstwerke aus ihrer Wohnung heraus verkauft. Ihre erste Galerie eröffnete sie in einer Garage an der Straße Berggate 69. Die erst Ende Oktober verstorbene Fluxus-Künstlerin Alison Knowles hatte hier ihre erste Einzelausstellung in Deutschland. Das Kunstmuseum Bochum würdigt sie mit gleich mehreren Werken im Obergeschoss. Darunter Dokumente ihrer Langzeit-Performance »Identical Lunch«, bei der sie zwei Jahre jeden Tag dasselbe Mittagessen zu sich nahm: Ein Thunfischsandwich mit einem Glas Buttermilch. Ein Foto davon ist auch beim Stadtrundgang zu sehen, bei Back le Café an der Dorstener Straße.
Zwischen Skulptur und Gebäude
Alison Knowles kam schon 1967 auf eine Idee, die heute, mit den neuen Möglichkeiten der KI, Millionen von Menschen haben: einen Computer ein Gedicht schreiben zu lassen. Ein Programm generierte 400 Vierzeiler, die immer mit den Worten »A house of…« begannen. Eine Variante lautet übersetzt: »Ein Haus aus Staub, auf offenem Grund, erstrahlt von natürlichem Licht, bewohnt von Freunden und Feinden.« Dieses Haus haben zeitgenössische Künstler*innen und Architekt*innen im Kunstmuseum zu einem Ding in der realen Welt gemacht, einem Ding zwischen Skulptur und Gebäude. Es ist ein Ort zum Ausruhen und zur Kontemplation mitten in einer vielgestaltigen Ausstellung, die die Synapsen ganz schön auf Trab hält.
Besonders spannend ist dahingehend das Untergeschoss. Hier sind die geneigten Besucher*innen gefordert, auch selbst tätig zu werden. Überall begegnen ihnen die durch Yoko Ono berühmt gewordenen Scores oder Handlungsanweisungen der Fluxus-Bewegung, die den Alltag zum Schauplatz künstlerischer Aktion machen: »Trage eine Tüte Erbsen. Lass eine Erbse zurück, wo immer du hingehst«, heißt es etwa in Onos »Pea Piece«. Einige dieser Scores können auch Kinder sammeln und ausprobieren. Witzig ist etwa, die zerkratzten und manipulierten Schallplatten des Künstlers Milan Knížák mithilfe eines DIY-Tonabnehmers nach Anleitung von Darsha Hewit, den jede*r in der Ausstellung herstellen kann, abzuspielen. Mit einem Button, den alle mit dem ersten Eintrittspreis bekommen, können sie die Mitmach-Ebene jederzeit wieder besuchen.
In einem Flyer zur ersten Ausgabe der Kunstwochen im Ruhr-Park schrieb die Galeristin: »Unsere Hoffnung: stärker frequentierte Museen, zunehmendes Interesse auf breiterer Ebene, Abbau von Vorurteilen der modernen Kunst gegenüber.« Die Reaktionen der Bochumer Bürger*innen waren vielfältig, aber nicht nur euphorisch. Auf einem Wandtext der Ausstellung erfährt man: »Ein Museumsmitarbeiter erinnert sich, wie er als Kind mit seiner Mutter im Ruhr- Park an einer der Aktionen vorbeiging und sie ihn warnte: ‘Schau da nicht hin, das ist Kunst.‘«
Vielleicht hat die Galeristin, die bald auch einen guten Draht zur New Yorker Fluxus-Szene hatte, es deshalb auch nicht mehr allzu lange in Bochum gehalten. Mitte der 1970er Jahre zog sie mit ihrer Galerie erst von der Berggate an die Bergstraße – eine wesentlich bessere Lage in einer Villa direkt gegenüber dem heutigen Kunstmuseum im Stadtpark-Viertel, auch wenn es damals wohl nicht viel Kontakt zwischen den beiden Orten gab. Anfang der 1980er Jahre brach sie ihre Zelte im Ruhrgebiet dann ganz ab und verlegte ihre Galeristinnen-Tätigkeit nach Köln. Seit 2007 lebte und arbeitete sie in Bad Münstereifel am Ahrgebirge. Hier kam sie bei der Flutkatastrophe im Juli 2021 auf tragische Weise ums Leben.
In Bochum gab es immer wieder kleinere Aktionen, um daran zu erinnern, wie Inge Baecker den Fluxus-Kosmos mitten ins Ruhrgebiet holte – zum Beispiel bei Markus Ambachs Ausstellungsprojekt »A40 – Die Schönheit der großen Straße«. Mit der Schau »How We Met« und ihrem ausführlichen Rahmenprogramm bekommt sie aber nun endlich eine gebührend große Würdigung. Schon im Vorfeld wurde im Stadtteil Hamme auch ein Platz nach Inge Baecker benannt, auf dem der Künstler Matthias Schamp eine Schreibmaschine einbetonierte – in Korrespondenz zur »Olympia-Hyme«, einem Werk Wolf Vostell, für das dieser eine Fleischertheke mitsamt Registrierkasse der Marke Olympia einbetoniert hatte.
»HOW WE MET«
BIS 1. FEBRUAR
KUNSTMUSEUM BOCHUM



