Mit seinem neuen Buch »Lovely Rita« widmet sich Frank Goosen dem verschwindenden Phänomen der Eckkneipen des Ruhrgebiets – und hat dafür eine ganz und gar ideale erfunden: das »Haus Himmelreich«. Im Gespräch erzählt er, warum es auch gesellschaftlich wichtig ist, dass es solche Orte weiterhin gibt.
Viele Dialoge in Frank Goosens neuem Buch sind schlichtweg genial – Sternstunden des aus der Situation geborenen Wortwitzes. Wenn man den 59-Jährigen am Telefon hat, wird sofort klar, warum er sowas schreiben kann: Weil er auch selbst so spricht und ständig pointierte und druckreife Sätze raushaut.
kultur.west: Herr Goosen, müssten die Eckkneipen des Ruhrgebiets den Status des Unesco-Welterbes bekommen?
FRANK GOOSEN: Na ja. Sie sind auf jeden Fall ein Schnittpunkt von Geschichten und Menschen, ein Lebensraum, ein sozialer Raum, der verschwindet. Da werden Leute aufgefangen, auch wenn sie Blödsinn erzählen. Eine so divers ausgerichtete Kneipe, wie ich sie mit dem »Haus Himmelreich« beschreibe, sollte eigentlich unter Naturschutz stehen, das stimmt schon.
kultur.west: Gibt es so eine Kneipe wirklich oder haben Sie da ein Ideal entworfen – mit der feministischen Wirtin Rita, die dumpfe Stammtischgespräche immer gut kontert?
GOOSEN: Ich habe auf jeden Fall Kneipen erlebt, wo das Publikum sehr unterschiedlich war. Die Kneipe, die ich am meisten vermisse, ist der »Sportfreund« am Ostring in Bochum. Da hat sich im Hinterzimmer nicht gerade die Frauen- und Lesbengruppe getroffen wie im Roman, aber da waren Leute von unserer Schule, von der Jugendgruppe der Propstei, von den Basketballern des VfL und das sogenannte »normale Stammtisch-Publikum«. Eine andere Kneipe, die ich viel besucht habe, war das »Ahorn Eck«, das aber mehr studentisch war und nicht so viel klassisches Stammtisch-Publikum hatte. Trotzdem war sie Schnittpunkt von verschiedenen Leben und Lebensentwürfen. Der »Fliegenpils«, wo ich mit Jochen Malmsheimer als »Tresenlesen« aufgetreten bin, kam dem »Haus Himmelreich« schon relativ nahe. Dessen ehemalige Wirtin Gabi Spork, die später Bezirksbürgermeisterin wurde, hat mir mit einigen Anekdoten und Hintergrundwissen ausgeholfen. Mag sein, dass ich die letzten paar Prozent, die es zum Ideal braucht, ergänzt habe. Aber wenn man die Kneipe als Spiegelbild der Gesellschaft des Ruhrgebiets an einem Ort konzentrieren will, dann war mir eben wichtig, auch feministische und alternative Bewegungen der 1970er und 80er Jahre zumindest am Rande mit reinzubringen.
kultur.west: Sie wollten sich nicht nur auf das Soziotop des klassischen Stammtisch-Publikums und dessen Geschichten beschränken?
GOOSEN: So habe ich das Ruhrgebiet einfach nie erlebt. Ich gehöre zu der Generation, die von den neuen kulturellen Angeboten schon extrem profitieren konnte, und habe es immer als viel stärker durchmischt empfunden. Nicht divers im heutigen Sinne, wo unter anderem queere Lebensentwürfe stärker sichtbar sind. Aber in der Nähe der Alleestraße gab es den Frauenbuchladen mit Autos davor, wo auf Aufklebern stand »Frauen nehmen Frauen mit«. Bei uns an der Schule war das alles schon Thema und an der Uni sowieso.
kultur.west: Ist das eine Spezialität von Ruhrgebietskneipen, dass jeder Mensch willkommen ist?
GOOSEN: Mit solchen Idealisierungen muss man aufpassen. Ich gehe stark davon aus, dass das so in anderen Städten auch wahrgenommen wurde. Vielleicht mehr in Großstädten, aber das ist nur eine Vermutung, weil auf dem Land die soziale Kontrolle noch stärker ist. Und man war ja auch nicht immer so willkommen. Es kommt in meinem Buch zwar nicht zu einer Schlägerei in der Kneipe. Aber in der Geschichte, die über die »Wacholder-Anni« erzählt wird, da erscheint sie nicht mehr als der herrschaftsfreie Raum, in dem alle machen konnten, was sie wollten. Aber so möchten wir es vielleicht heute gerne sehen.
kultur.west: Eine These des Buchs ist, dass Figuren wie der »Käpt‘n« mit seinen rechten Sprüchen am Stammtisch gut aufgefangen werden – und da vielleicht nicht so viel Schaden anrichten wie in den sozialen Netzwerken.
GOOSEN: Genau. Vom Schwamm der Kneipengesellschaft werden solche Aussagen einfach absorbiert. So wie früher rechtskonservative oder stramm rechte Tendenzen von einer Volkspartei wie der CDU aufgefangen wurden. Ihnen stand der Sozialflügel mit der gerade verstorbenen Rita Süssmuth gegenüber. Das ist verloren gegangen, dass so etwas in einem letztlich doch demokratischen Gebilde aufgefangen wird. Der »Käpt‘n« hat im »Haus Himmelreich« immer den Eindruck, er kann sagen, was er will. Aber er richtet damit eben keinen Schaden an. Ich glaube, wir haben heute größere Probleme als früher, weil dieses Gefühl nicht mehr da ist, dass für die prinzipielle Daseinsfürsorge etwas getan wird, dass der Staat sich nicht aus allem zurückzieht. Früher wurde zwar auch immer über die Politik gemeckert. Aber viele möchten dem Staat doch gerne vertrauen. Heute verlieren sie dieses Vertrauen aber. Wenn dazu soziale Räume, in denen man sich persönlich begegnen kann, immer mehr verschwinden, und sich das in Filterblasen verlagert, wo Falschinformationen so aufbereitet werden, dass sie extrem glaubhaft wirken, dann hat man ein größeres Problem als früher.
kultur.west: Die Kneipen verschwinden aber doch auch, weil niemand mehr hingeht?
GOOSEN: Das hat viel mit Ambiente zu tun. Junge Menschen finden es vielleicht cool, von weitem auf das vermeintlich »asi-mäßige« zu schauen, auf den »Elends-Porno«. Die haben eher ein zoologisches Interesse, gehen mal hin und denken sich: »Ach, so war das früher. Ist ja lustig, wenn die Wirtin ein paar Sprüche raushaut.« Aber sie machen das nicht zu ihrer neuen Stammkneipe. Das wird dann doch eher eine Szene-Bar wie die Bochumer »Trinkhalle«. Zu viel soziale Realität möchte man dann auch nicht haben. Dazu verschwindet die Arbeiterschaft. Die Menschen, die sich daraus hochgearbeitet haben, wollen nicht mehr mit diesem Ambiente konfrontiert werden, das sie mit ihrem früheren Status verbinden. Da kann man wortreich beteuern, dass man es ja eigentlich cool findet und schade, dass diese Welt verschwindet. Aber die soziale Arroganz führt dazu, dass man trotzdem nicht hingeht.
kultur.west: Gehen Sie in Eckkneipen?
GOOSEN: Nee. Das hat aber damit zu tun, dass ich die letzten 20 Jahre sowieso kaum noch abends rausgehe. Dazu trägt mein Beruf bei, wo ich abends oft weg bin. Dann kamen die Kinder. Heute könnte ich auch den Alkohol gar nicht mehr vertragen. Gut, ich könnte ein alkoholfreies Bier trinken, aber dass man sich mal einfach so auf ein Bier trifft… wenn, dann geht man eher essen. Es gibt auch nur noch ganz wenige dieser klassischen Eckkneipen. In Bochum gab es sehr lange das legendäre »Haus Fey«. Nachdem die Wirtin Elfriede Fey gestorben ist, hat ihre Tochter versucht, es weiterzuführen, ist aber leider auch bald gestorben. Einfach war es sicher nicht. Nur aus Nostalgie sind solche Läden nicht zu betreiben.
kultur.west: Wem oder was wollten Sie mit dem Buch ein Denkmal setzen?
GOOSEN: Ich will Geschichten erzählen, und in den Kneipen gibt es eben viele davon. Vielleicht wollte ich am ehesten dem Gefühl ein Denkmal setzen, dass es früher Orte gab, zu denen ich einfach hingehen konnte, auch wenn ich nicht verabredet war. Mein Thema ist eigentlich das Vergehen der Zeit – und der verzweifelte Versuch, sie festzuhalten.
kultur.west: Es gibt im Roman auch Figuren, die starkes Fernweh haben oder sogar ihr Leben lang abhauen – an legendäre Orte wie die Villa der Rolling Stones an der Côte d’Azur. Ist der Ruhrgebietsmensch von einer Sehnsucht nach der weiten Welt getrieben?
GOOSEN: Na ja, einige auf jeden Fall. Aber was mir immer wichtig ist: Das Ruhrgebiet darf man nicht als Insel des Proletarismus, von Pils und Frikadellen beschreiben. Drumherum ist die Welt und die wirkt sich auf das Ruhrgebiet aus und das Ruhrgebiet auf die Welt – letzteres allerdings ein bisschen schwächer, ehrlich gesagt. Ich will immer die zwei Welten aufeinander beziehen. Es ist nicht so, dass alle das früher hier so toll fanden, und im Bergbau haben sie auch nur so lange gearbeitet, wie sie mussten. Bei einer Grubenfahrt habe ich mal einen Vortrag gehört über Vorruhestandsregelungen auf der Zeche. Da fragte einer, wie viele das denn in Anspruch genommen haben, und der Vortragende sagte: »Hundert Prozent«. Es gab natürlich auch die dunklen Seiten von Enge und Piefigkeit. Eine junge Frau, die sexuell selbstbestimmt sein wollte, hat es da sicher nicht leicht gehabt und wollte eher weg.
kultur.west: Ist es ein hartnäckiges Missverständnis, dass Sie das alte Ruhrgebiet glorifizieren?
GOOSEN: Sagen wir mal so: Ich habe schon auch ein bisschen was geschrieben, was dieses Missverständnis nährt. Auf der anderen Seite bin ich dem aber auch immer mit viel Ironie begegnet, die gerinnt in dem Spruch: »Woanders is’ auch scheiße!« Ich mag das ja hier und bin auch nie weggegangen. Aber ich hoffe, ich schaffe die Gratwanderung, nicht zu heimelig zu werden. Mein Heimat-Begriff ist ein einschließender und kein ausgrenzender. So kann ich dann auch das Idealbild einer Kneipe schaffen, in dem man die im Ruhrgebiet viel besungene Solidarität wirklich ernst nimmt.
Zur Person
Frank Goosen wurde 1966 in Bochum geboren, machte hier Abitur und studierte Germanistik, Geschichte und Politik. Zusammen mit Jochen Malmsheimer bildete er von 1992 bis 2000 das Duo »Tresenlesen«, dessen Geschichte die beiden mittlerweile fortschreiben. Mit seinem Erstlings-Roman »Liegen lernen« wurde er im deutschsprachigen Raum als Schriftsteller bekannt, viele seiner Bücher wurden verfilmt oder für die Theaterbühne adaptiert.
Frank Goosen: Lovely Rita, Kiepenheuer & Witsch, 256 Seiten, 23 Euro
Lesetermine aus »Lovely Rita« im März:
5. März, Kaue, Gelsenkirchen
11. März, Stratmanns Theater, Essen
12. März, Stadthalle Datteln
17. März, Kulturkirche, Köln (Lit.Cologne)
25. März, Cultura, Rietberg
31. März, Pension Schmidt, Münster





